DIE ZEIT: Sie vergeben Preise für ziemlich schräge wissenschaftliche Entdeckungen, zum Beispiel für die, dass alle Säugetiere exakt 21 Sekunden zum Pinkeln brauchen oder wie man ein hartes Ei mit Chemie wieder weich bekommt. Wie sind Sie auf die Idee zu diesen Ig-Nobelpreisen gekommen?

Marc Abrahams: 1991 hatte ich gerade meine Karriere als Wissenschaftsjournalist begonnen. Ich traf viele Forscher, die sehr seltsame Dinge untersucht hatten, und dachte mir: Von den meisten dieser Leute wird nie jemand etwas erfahren, und das ist doch schade. Ich überlegte, dass wir eine kleine Zeremonie veranstalten könnten. Wir haben die Veranstaltung im Internet angekündigt, das war damals noch viel kleiner. Die Tickets waren kostenlos. Und ich habe vier Nobelpreisträger angerufen, die sagten zu und haben sich an dem Abend lustige Hüte aufgesetzt. Es kamen dann mehr Leute, als der Saal fassen konnte. Ich dachte, jeden Moment taucht ein Erwachsener auf und sagt uns, dass wir nach Hause gehen müssen.

ZEIT: Und die Preisträger, kamen die auch?

Abrahams: Die haben wir gar nicht gefragt. Wir dachten einfach nicht, dass sie kommen würden.

ZEIT: Weil es ihnen peinlich gewesen wäre?

Abrahams: Es ist auch ein ziemlicher Aufwand, und wir zahlen keine Reisekosten. Nach ein paar Jahren haben wir dann angefangen, die Preisträger zu fragen, ob sie den Preis haben wollen oder nicht. Wenn sie Nein sagen, dann bekommen sie den Preis nicht, außer es handelt sich um extrem bekannte Personen oder Organisationen. So haben wir vor ein paar Jahren den Chemiepreis an Volkswagen verliehen, obwohl ihn dort niemand haben wollte. Unsere Begründung: Die Firma hat durch ihre Manipulationen das Problem der hohen Schadstoffwerte gelöst. Ähnlich war es mit dem Friedenspreis für die irische Polizei. Die hatte eine ungewöhnlich hohe Zahl von Strafmandaten an einen gewissen Prawo Jazdy ausgestellt. Das ist das polnische Wort für Führerschein.

ZEIT: Aber die meisten Forscher holen sich inzwischen ihren wenig ehrenhaften Preis ab?

Abrahams: Ja. Viele nominieren sich sogar selbst. Selbst Forschungsinstitutionen schlagen ihre eigenen Leute vor. Einige davon haben sogar versucht, uns zu bestechen.

ZEIT: Was macht einen idealen Ig-Nobelpreis-Kandidaten aus?

Abrahams: Es ist ziemlich einfach: Was auch immer er erforscht hat, fast jeder lacht spontan darüber. Und dann bleibt es im Kopf hängen, man denkt noch nach einer Woche darüber nach und möchte all seinen Freunden davon erzählen.

ZEIT: Viele Menschen glauben, dass Sie sich über die Wissenschaft lustig machen.

Abrahams: Ja, aber das stimmt nicht. Wir wollen die Leute neugierig machen auf Dinge, denen sie sonst vielleicht aus dem Weg gehen würden, die sie für zu kompliziert halten oder für zu unappetitlich. Wenn wir diese Dinge klar und einfach beschreiben, dann interessiert sich plötzlich jeder dafür.

ZEIT: Befürchten Sie nicht manchmal, dass Sie Klischees fortschreiben? Etwa, dass Wissenschaftler weltfremde Zeitgenossen seien, die sich mit Problemen beschäftigen, die kein normaler Mensch hat?

Abrahams: Überhaupt nicht. Viele der Fragen, mit denen Ig-Nobelpreise gewonnen wurden, sind so alltäglich, dass jeder schon mal darüber nachgedacht hat. Warum zerknittern Bettlaken? Warum klebt der Duschvorhang am Körper? Vielleicht haben Sie auch schon mal bemerkt, dass trockene Spaghetti fast immer in mehr als zwei Teile zerbrechen, wenn Sie sie halbieren wollen. Warum ist das so? Ein paar Franzosen haben das schließlich herausgefunden, und vor einem Jahr haben zwei andere Forscher in Massachusetts entdeckt, wie man Spaghetti doch in zwei Teile teilen kann. Man muss das Bündel vor dem Brechen ein wenig verdrehen.

ZEIT: Im Jahr 2000 haben Sie den sogenannten Dunning-Kruger-Effekt mit einem Ig-Nobelpreis gewürdigt. Der besagt, dass inkompetente Menschen nicht merken, wie inkompetent sie sind. Inzwischen ist das eine weithin akzeptierte wissenschaftliche Erkenntnis.

Abrahams: Die meisten Menschen wissen das ja aus eigener Erfahrung, aber David Dunning und Justin Kruger haben es experimentell nachgewiesen. Ein paar Monate nachdem wir den Preis verliehen haben, wurde interessanterweise George W. Bush Präsident der Vereinigten Staaten. Und seit Donald Trump gewählt wurde, ist der Dunning-Kruger-Effekt hier in den USA ständig in den Nachrichten.