Als die Mauer fiel, zerbrach man sich in der österreichischen Botschaft in Ost-Berlin den Kopf über Fußball. Am 15. November 1989, sechs Tage nach der Grenzöffnung, sollte die Nationalmannschaft in Wien gegen das Team der DDR antreten – ein Qualifikationsmatch für die Weltmeisterschaft.

Wie umgehen mit dem "Massenansturm", mit den Tausenden Fans, die ins Praterstadion kommen würden? Sollen Freikarten vergeben, müssen Visa beantragt werden? "Um Weisung muss dringend gebeten werden", schrieb der Gesandte Lorenz Graf nach Wien. "Es sollte Österreich daran gelegen sein, bei der Entwicklung in der DDR nicht ins Hintertreffen zu geraten."

Österreich und die beiden deutschen Staaten hatte von Anfang an ein besonderes Verhältnis. Die gemeinsame Geschichte verband und trennte. Die Neutralität wurde von Bonn skeptisch gesehen, in der DDR hingegen wohlwollend. Offizielle Beziehungen zwischen Wien und Ost-Berlin wurden aber erst 1972 aufgenommen, die für beide Seiten viel abwarfen.

Österreich übernahm eine diplomatische Vorreiterrolle für die DDR, die im Gegenzug mit Großaufträgen für die verstaatlichte Industrie bedankt wurde. Bruno Kreisky besuchte 1978 als erster westlicher Regierungschef die DDR, und Honecker absolvierte seinen ersten offiziellen Besuch im Westen in Österreich.

Die beiden Historiker Michael Gehler und Maximilian Grad haben nun 180 Dokumente zur Beziehung der Staaten in einem Band versammelt – von 1987, als Erich Honecker Bonn besuchte, bis zur deutschen Einheit 1990. Österreichische Diplomaten aus Ost-Berlin und Bonn berichten darin über ihre Eindrücke, geben Stimmungsbilder wieder und erzählen über die Treffen von Ministern und Regierungschefs.

Es waren besondere Jahre für alle drei Länder. Die DDR lag in ihren letzten Zügen, und um die Beziehungen zwischen Wien und Bonn stand es 1987 nicht zum Besten.

"Das Image Österreichs in der Bundesrepublik hat sich signifikant verschlechtert", schrieb Friedrich Bauer, Botschafter in Bonn. Der Glykolwein-Skandal, die schwächelnde Wirtschaft, Kurt Waldheim und Berichte über neuen Antisemitismus würden den Ruf beeinträchtigen.

Als in Österreich nach mehr als 20 Jahren wieder eine große Koalition gebildet wurde, richtete sich die Außenpolitik unter Alois Mock mehr als zuvor in Richtung Westen aus, und man näherte sich der Europäischen Gemeinschaft an.

Die Texte bieten einen Streifzug durch die galoppierenden Entwicklungen der Zeit. Von den DDR-Flüchtlingen, die ab September 1989 über Ungarn durch Österreich zogen und kurzfristig die Sorge vorherrschte, das Verhältnis zu Ostdeutschland könnte dadurch Schaden nehmen, über Debatten zum Alpentransit mit Helmut Kohl bis zu Sprachregelungen für Diplomaten zu Mauerfall und schließlich Wiedervereinigung. "Die Lokomotive der Geschichte ist wohl nicht mehr aufzuhalten", hieß es dazu aus der Botschaft in Bonn.

Und das Fußballspiel? Österreich gewann 3 : 0 und fuhr zur Weltmeisterschaft nach Italien. Am Ende waren nur rund 400 Fans mit Sonderzügen der Deutschen Reichsbahn aus der DDR gekommen – für sie wurde erstmals die Visumspflicht aufgehoben. Es war das letzte Pflichtspiel ihrer Nationalmannschaft.

Michael Gehler/Maximilian Graf (Hrsg.): Österreich und die deutsche Frage 1987–1990; Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingern 2018, 789 S., 80,– € (E-Book: kostenlos über die Homepage des Verlages)