Horst Seehofer ist zufrieden. Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland nur rund 161.000 Erstanträge auf Asyl gestellt, viereinhalbmal weniger als 2016. Die Bundesregierung, sagte der christsoziale Bundesinnenminister Mitte Januar bei der Vorstellung des Asylberichts 2018, habe damit ihr Ziel erreicht: Die Zuwanderung nach Deutschland sei rückläufig und liege deutlich unter der im Koalitionsvertrag vereinbarten jährlichen Obergrenze von 180.000 bis 220.000 Personen. Das beweise, so Seehofer, dass die beschlossenen Maßnahmen "zunehmend und nachhaltig" wirkten. "In bemerkenswert guter Weise" habe man es geschafft, die Balance zwischen Humanität und Steuerung zu halten.

Aber spiegelt die schrumpfende Zahl von Asylanträgen wirklich die ganze Wahrheit wider? Gibt sie tatsächlich eine verlässliche Auskunft darüber, wie viele Menschen, Flüchtlinge wie Migranten, derzeit nach Europa und damit auch nach Deutschland kommen?

"Nein", sagt der CDU-Bundestagsabgeordnete Armin Schuster. "Man muss auch stärker als bisher die Menschen ins Visier nehmen, die unentdeckt in die Europäische Union gelangen und sich hier illegal aufhalten." Schuster sitzt, was die illegale Migration angeht, in doppelter Hinsicht an der Quelle. Erstens hat er seinen Wahlkreis im Südwesten, nahe der Grenze zu Frankreich und der Schweiz. Zweitens hat er diese Grenze selbst einmal geschützt: Schuster leitete viele Jahre die Bundespolizeiinspektion Weil am Rhein.

Der Abgeordnete steht mit seiner Meinung nicht allein. In Seehofers Innenministerium, bei den Nachrichtendiensten, in der Brüsseler Kommission gibt es zahlreiche Experten, die wie Schuster der Ansicht sind, dass die heimliche Migration in die EU, also die Einwanderung außerhalb der Asylsysteme und offiziellen Flüchtlingsstatistiken, rasant zunimmt. Vor allem in Spanien, wo derzeit ein Großteil der Flüchtlinge und Migranten anlandet, taucht eine wachsende Zahl von ihnen gleich nach der Ankunft unter. "Wir befürchten, dass sich viele Migranten auf den Weg nach Frankreich, den Beneluxländern und Deutschland machen könnten", sagte schon im vergangenen Sommer der Staatssekretär im Bundesinnenministerium, Helmut Teichmann.

Die Experten in den Ministerien und Behörden, die nur bereit waren, offen zu reden, wenn ihr Name nicht genannt wird, sprechen von einem "wachsenden Unsichtbarkeitsphänomen" der Migration. Für viele ist dies zum Teil die Folge strengerer Asylgesetze und einer wachsenden Zahl von Ablehnungen sowie von Rücküberstellungen in sogenannte Erstaufnahmeländer nach dem Dublin-System. Wer einen Job suche, heißt es, wolle nicht in Bulgarien, Griechenland, Italien oder Spanien bleiben. Außerdem werde es immer schwieriger, legal zum Zweck einer Arbeitsaufnahme in die EU einzureisen. Nach einem noch unveröffentlichten Bericht der Internationalen Organisation für Migration ist die Zahl der Migranten aus 21 afrikanischen Ländern, die mit einer Arbeitserlaubnis in die EU kamen, zwischen 2011 und 2017 um mehr als die Hälfte gesunken. Wer in Europa Geld verdienen will, sucht daher oft andere Wege.

Bei illegalen Immigranten gilt es zu unterscheiden zwischen jenen, die als Asylbewerber in die EU gekommen sind und nach Ablehnung ihres Schutzantrags von der Bildfläche verschwinden, und denen, die von Anfang an das Asylsystem vermeiden und in die Illegalität abtauchen. Hier geht es vor allem um die zweite Gruppe, um die Unsichtbaren. Denn sie werden von Jahr zu Jahr mehr und sind von keiner Statistik erfasst.

Wo sind sie geblieben?

Fast zwei Drittel der Migranten, die 2018 in Spanien anlandeten, stellten keinen Asylantrag.

Quelle: UNHCR © ZEIT-Grafik

Niemand kann sagen, wie viele Untergetauchte es wirklich gibt. Franck Düvell schätzt, es seien pro Jahr in der EU einige Zehntausend. Düvell leitet seit Oktober 2018 die Abteilung Migration am Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung, einer von mehreren Universitäten und Ministerien gegründeten Institution in Berlin, die unter anderem die Bundesregierung berät. Düvell arbeitet zurzeit daran, einen Überblick über illegale Migranten in Deutschland zu gewinnen. Die letzte belastbare Schätzung stammt aus dem Jahr 2009 und belief sich auf insgesamt 300.000 bis 500.000. Inzwischen seien es eher mehr, glaubt Düvell, die globale Finanzkrise, der Krieg und die Wirtschaftskrise in der Ukraine, die Konflikte in Syrien und Afghanistan forderten ihren Preis, "aber die Zahl wird immer noch deutlich unter einer Million liegen".