Braucht es eine neue Theologie? – Seite 1

Die Wissenschaft ist langsam. Wo Zeitungen reflexartig feuern, feuern müssen, nimmt die Wissenschaft sich Zeit. Sie denkt nach und kommt, oft Jahre später, zu einem ausgewogenen Urteil mit Fußnoten. Manchmal jedoch, in historischen Ausnahmefällen, darf man von der Wissenschaft ein beherzteres Eingreifen erwarten. An diesem Punkt steht die Theologie.

Im Herbst 2018 ist die bislang größte deutsche Missbrauchsstudie der katholischen Kirche in Deutschland erschienen. Seither diskutiert die Öffentlichkeit und diskutiert der Vatikan, diskutiert der Klerus, wie es nun weitergehen kann, damit sich solches Unrecht nicht wiederholt. Es lohnt sich, zu fragen: Welchen Anteil hat die katholische Theologie an der Misere, hat sie überhaupt einen? Und was kann sie jetzt tun? Dieser Frage widmet Christ&Welt diese Ausgabe.

Ist es vermessen, zu spekulieren, welche Schuld die Wissenschaft am abgründigen Versagen Einzelner haben kann? Der Einwand ist berechtigt. Andererseits: In Hunderten von Jahren hat die Theologie ein Priesterbild aufgebaut, implementiert und stark gemacht, das uns heute zum Verhängnis wird. Der Priester – so würde die Theologie ihn nicht nennen, aber so kommt er den Gläubigen vor – als ein unantastbarer Halbgott, der "in personam Christi" handelt, der einen himmlischen Nimbus hat, ein reiner und besserer, keuscher und mit einem heiligen Auftrag ausgestatteter Mann – Hochwürden eben –, das ist das Priesterbild der katholischen Kirche. Die Unantastbarkeit von Hochwürden ließ die Opfer schweigen und die Kritiker wegsehen, weil nicht sein konnte, was nicht sein durfte. Besser formuliert es der Salzburger Fundamentaltheologe Gregor Maria Hoff in einem Aufsatz: "Die korrupte Eigendynamik der kirchlichen Sakralmacht zersetzt alles (...). Was das Allerheiligste förmlich repräsentiert, zieht eine Macht und eine sakrale Aura an, die Vertrauen ermöglicht und ihren Missbrauch umso leichter und durchschlagender macht."

Da sie nun Kritik an diesem Klerikalismus vorbringt, wäre es die Aufgabe der Theologie, zu sagen, wie es besser ginge. Wie kommen Bischöfe, die ihr Leben lang gehört haben, sie stünden in einer Weihekette bis zu den heiligen Aposteln, von ihren Sockeln der Unantastbarkeit? Die Kirche braucht einen Modernisierungsschub in ihrem Priesterbild. Woher soll der kommen, wenn nicht aus der Theologie? Wer könnte Alternativen zum Zölibat aufzeigen und ausargumentieren? Wer könnte schnellere kirchenrechtliche Konsequenzen formulieren? Wer kennt sich mit den frühen Christen aus, wo einiges noch anders war und Frauen womöglich eine wichtigere Rolle gespielt haben? Das wäre die Theologie.

Wenn man sich unter Theologen umhört, begegnet man verschiedenen Diagnosen zur gegenwärtigen Unsichtbarkeit des Fachs. Eine wirkliche Missbrauchsdebatte finde gar nicht statt, das hört man häufiger, weil die wenigsten Theologen sich trauten, klar Position zu beziehen. Wer sich dann traue, werde oft genug denunziert. Auch hörten die verschiedenen Disziplinen – also etwa Dogmatik, Kirchenrecht, Moraltheologie – wenig von- oder aufeinander. Ein gemeinsames öffentliches Engagement fehle vollends.

Im Jahr 2010 wurden die ersten Missbrauchsfälle in Deutschland öffentlich. Was hat die Theologie seither getan? Vereinzelte Leuchtturmpublikationen zum Thema gab es. Eine erste kam 2010, die wichtigste setzte kürzlich der Herder Verlag aufs Programm: "Unheilige Theologie" von Magnus Striet und Rita Werden geht den Bedingungen von Missbrauch im kirchlichen Umfeld auf den Grund, analysiert die systemische Vertuschung und das Sündenbewusstsein der Institution.

Der große öffentliche Aufschrei der Theologinnen und Theologen in verständlicher Sprache, der ist in den letzten Jahren allerdings ausgeblieben. Warum? Weil man auf belastbare Zahlen für Deutschland warten musste, sagen einige Wissenschaftler. Und die habe man nun einmal erst seit letztem Herbst. Weil die Loyalität zur Amtskirche zu groß war, sagen andere.

Nicht zuletzt gibt es auch ein formales Problem: Katholische Theologieprofessoren erhalten an deutschen Hochschulen ihre Missio canonica von der Kirche. Diese kann ihnen die Lehrerlaubnis auch wieder entziehen, und genau das hat sie bei unliebsamen Kritikern in der Vergangenheit auch getan, vor allem während der Pontifikate Johannes Pauls II. und Benedikts XVI. Auch unter Bergoglio versuchte Rom einen prominenten deutschen Katholiken abzustrafen: Ansgar Wucherpfennig, dem Rektor der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen, wurde das Nihil obstat für eine zweite Amtszeit als Rektor zwischenzeitlich verweigert, weil er sich aus Vatikansicht sexualmoralisch zu liberal geäußert hatte.

Doch die Eingriffe in die Geschicke deutscher Theologen sind seltener geworden: Der Papst ist jetzt ein argentinischer Jesuit und kein deutscher Theologieprofessor mehr. Erst vor wenigen Tagen hat er einen neuen Satz Richtlinien gegen den sexuellen Missbrauch erlassen. Er ist umtriebig und hat genug zu tun, er muss sich nicht damit beschäftigen, deutsche Theologen bei Kritik zu gängeln. Er dürfte sich mit deutschen Publikationen gar nicht erst persönlich beschäftigen. Genau darin allerdings liegt auch ein Problem. Egal, was wir sagen, das Establishment liest uns gar nicht!, klagen deutsche Theologen quer durch alle Fachrichtungen. Vielleicht, so möchte man ihnen sagen, müsst ihr einfach lauter werden!

Christina Rietz

"Mich wundert nicht mehr viel"

Blick in den prachtvollen Asamsaal der Hofbibliothek der Fürsten von Thurn und Taxis in Regensburg. 12.000 Bände lagern dort. © Massimo Listri

"Ich habe das Gefährdungspotenzial unterschätzt"

Systematische Theologie beschäftigt sich mit theoretischen Konzepten des Glaubens und der Kirche. Sie analysiert die jeweilige theologische "Grammatik", also Denkfiguren und Hintergrundannahmen, die den Glauben und das Kirchenbild einer Zeit prägen. Was ich selbst lang unterschätzt habe, ist die Ambivalenz, ja: das Gefährdungspotenzial bestimmter Kirchen- und Amtsmodelle und die systemstabilisierende Wirkung, die die Theologie erzeugt, wenn sie entsprechende Vorstellungen vor allem erläutert, sich aber der Systemfrage enthält. Ich sehe mich heute als Theologin sehr viel stärker in der Verantwortung, auch dogmatische Basisannahmen von Kirche und Amt einer konstruktiven, möglichst interdisziplinär aufgestellten Kritik zu unterziehen.

Es geht bei Macht- und sexuellem Missbrauch ja nicht einfach darum, dass einem labilen Kaplan seine Priesterrolle zu Kopf gestiegen ist. Klerikale Selbstüberhöhung wird ganz entscheidend durch dogmatische Konzepte, liturgische Praxis und kirchliche Strukturen forciert und theologisch legitimiert. Die Vorstellung eines wesentlichen Unterschieds zwischen Geweihten und Getauften und einer unzerstörbaren priesterlichen Würde etwa kann klerikale Selbstimmunisierung und problematische kirchliche Rechtskulturen ebenso verstärken wie die religiöse Aufladung und liturgische Inszenierung sakraler Macht. Wenn Entscheidungsvollmacht in Lehre, Leitung und Gottesdienst an einen kirchlichen Stand gebunden wird, tritt formale Autorität an die Stelle kompetenzbasierter Legitimation und Rollenübernahme. Viele solcher Konzepte waren in ihrem Entstehungskontext plausibel und hilfreich. Aus der Zeit gefallen, führen sie aber nicht mehr zum Aggiornamento, sondern zur Exkulturation der Kirche. Mehr noch: Wir sehen heute, dass Gegenkulturen mit zerstörerischer Kraft entstehen können.

Systematische Theologie wird in Zukunft stärker als bisher problematische Kirchen- und Amtsmodelle identifizieren und dekonstruieren müssen. Sie wird auf verhängnisvolle Verschränkungen von Theologie, Spiritualität, Gottesdienst und Struktur der Kirche hinweisen. Dazu braucht sie garantierte Wissenschaftsfreiheit und inneren Freimut, um in kritischer Solidarität die anstehende systemische Korrektur und Erneuerung der Kirche begleiten und unterstützen zu können.

Julia Knop ist Professorin für Dogmatik an der Universität Erfurt.

"Mich wundert nicht mehr viel"

Nicht erst seit der MHG-Studie war bekannt, dass das System Kirche prioritär geschützt werde sollte, wenn Fälle von sexualisierter Gewalt an Minderjährigen durch Kleriker auftauchten. Mir war schon Anfang der 2000er-Jahre klar, dass das Problem ein globales sein würde. Warum in den USA und nicht in Europa? Inzwischen kann niemand mehr der harten Wahrheit ausweichen, dass das Wohl von Minderjährigen im Raum der Kirche kein unbedingtes Schutzgut darstellte. Und zu dieser Wahrheit gehört auch, dass die Konfrontation mit sexualisierter Gewalt durch Kleriker der Kirche von außen erst aufgezwungen werden musste. Verwundert dies? Mich wundert nicht mehr viel. Weder wundert mich, dass das Problem von einigen immer noch externalisiert wird, am Ende doch wieder die böse Welt schuld ist. Noch wundert mich, wer inzwischen alles Bischöfen Versagen vorwirft und Reformen anmahnt.

Inzwischen wird über missbrauchsbegünstigende systemische Gründe innerhalb der Kirche diskutiert, aber: Warum wurde das Schweigen nicht viel früher gebrochen? Widerstand leisten zu sollen gegen Ungerechtigkeit gehört zu den Imperativen eines Christenmenschen. Teil der Identitätskonstruktion des Katholischen ist bis heute das Martyrium. Nach innen hin aber wird ein anforderungskonformes Verhalten, sprich: ein mit theologischem Vokabular legitimierter Opportunismus gezüchtet. Offensichtlich gab es beim Klerikalpersonal einen Verschwiegenheitskodex, der in der Ausbildung internalisiert wurde. Und bis heute verspricht ein Weihekandidat seinem Bischof gestenreich Gehorsam. Einen blinden Gehorsam?

Nach Hannah Arendt hat kein Mensch das Recht zu gehorchen. Für sie gibt es das Recht nicht, den eigenen Verstand abzuschalten. Selbstbestimmt ist zu entscheiden, und die zu treffenden Entscheidungen sind auch selbst zu verantworten. Dieses Credo muss zum Credo der katholischen Kirche werden, und das verlangt nach einer theologischen Umbauarbeit auf allen Ebenen. Nicht eine überindividuelle Sünde des Menschen, sondern dessen unbedingt zu schützende Würde muss das Konstruktionsprinzip einer künftigen Theologie sein. Nicht blinde Demut der Tradition gegenüber, sondern ein forscher, sich historische Aufräumarbeit zutrauender Geist muss künftig herrschen. Nicht in verquastem Vokabular, das Fragen von System und Macht verschleiert, darf künftig geredet werden, sondern in Begriffen einer empirisch abgeglichenen Sozialtheorie. Ich höre schon wieder, dass die Kirche doch von Christus gestiftet worden und kein Sozialverein sei, ja: Aber selbst zu denken kann dennoch nicht verboten sein.

Manchmal frage ich mich, ob ich nicht doch an Wunder glaube, wenn ich immer noch hoffe, dass sich in der Kirche etwas ändert. Ich bin da nüchterner. Ich setze immer noch auf Gründe. Anderes bleibt einem Theologen auch nicht.

Magnus Striet ist Professor für Fundamentaltheologie an der Universität Freiburg.

"Ich bin zu spät auf dieses Thema eingegangen"

Obwohl ich beruflich in meiner Zeit im Bistum Limburg mit zahlreichen Betroffenen von sexueller Gewalt in der Kirche zu tun hatte, bin ich in meiner wissenschaftlichen Arbeit zu spät auf dieses Thema eingegangen. Insbesondere die systemischen Ursachen für sexuelle Gewalt in der Kirche kamen zu wenig in den Blick. Kirchenrechtlich hätten frühzeitiger Forderungen der Betroffenen beachtet werden müssen. Dazu zählen vor allem die Forderung nach Akteneinsicht und die Möglichkeit, als Nebenkläger in kirchlichen Strafprozessen aufzutreten. Die langjährige Tätigkeit in einer bischöflichen Behörde hat mich zu lange aus der Perspektive der Institution und deren Interessen und zu wenig aus der Perspektive der Betroffenen auf die verheerenden Langzeitfolgen für das Leben der von sexueller Gewalt massiv betroffenen Kinder und Jugendlichen schauen lassen.

Einfache theologische Lösungen gibt es nicht. Ansatzpunkt ist hierbei eine grundlegende Überarbeitung der kirchlichen Sexualmoral, insbesondere der Bewertung der Homosexualität. Nur so kann es angehenden Seelsorgerinnen und Seelsorgern gelingen, angstfrei mit ihrer eigenen sexuellen Identität erwachsen umzugehen. Kirchenrechtlich wäre das Klagerecht für die Betroffenen mit umfassender Akteneinsicht zu implementieren, die Geheimhaltungsverpflichtung – vor allem für Akten aus dem Bischöflichen Geheimarchiv – aufzuheben und die überführten Täter finanziell mit in die Verantwortung für die finanzielle Entschädigung einzubeziehen.

Theologisch wäre vertiefter über die Ursachen und deren Behebung von struktureller Sünde in der Kirche nachzudenken. Welche Strukturen von Amtsmissbrauch, überzogenem klerikalem Machtanspruch und missbräuchlichem Umgang mit geistlicher Autorität haben über Jahrzehnte zu diesen verwerflichen Straftaten in der Kirche geführt? In diesem Kontext geht es auch um eine theologisch präzise formulierte Kultur der Verantwortung der bischöflichen Entscheidungsträger.

Thomas Schüller ist Professor für Kirchenrecht an der Universität Münster. Zuvor war er Leiter der Stabsstelle Kirchliches Recht im Bistum Limburg.

Was wir übersehen haben

"Ich bleibe für die Überlebenden"

Ich arbeite für einen kirchlichen Aufbruch. Wäre das nicht durch das Tagesgeschehen alleine schon kurios genug, ist es vor dem Hintergrund der begangenen Verbrechen von sexualisierter Gewalt und Machtmissbrauch, ihrer Veranlagung einerseits und Vertuschung andererseits, eigentlich absurd. Will ich dafür mitverantwortlich sein, dass diese Kirche erhalten bleibt, dass sie eine Zukunft hat? Warum nicht einfach austreten?

Denn: "Um die Kirche zu schützen", hat man auch Amtsträger vor Strafverfolgung geschützt. Man hat sie versetzt, Beweise vernichtet, weggesehen. "Um die Kirche zu schützen", hat man die Betroffenen in ihrem Schmerz isoliert. Man hat sie ein weiteres Mal erniedrigt, erpresst, entwürdigt. In dieser Formulierung zeigt sich eines der für mich größten Probleme der Theologie – und damit meiner Arbeit: Wer ist Kirche? Aber auch: Wer benötigt eigentlich Schutz?

Diese Fragen gehören nicht nur zusammen. Es muss Aufgabe der Theologie sein – und damit meine Aufgabe –, klarzustellen, dass die zweite Frage immer vor der ersten zu beantworten ist. Es ist ein grober Fehler, die Überlebenden nicht als einen essenziellen Teil der Kirche anzuerkennen, und zwar als den Teil der Kirche, der Schutz benötigt: Betroffenenschutz ist Schutz der Kirche.

Mehr noch ist das selbstlose Eintreten für alle, die Schutz benötigen, konstitutives Moment der Kirche. Es ist eine theologische Aussage, den wirklichen Bedürftigen Schutz zu verwehren, um "die Kirche schützen" zu wollen. Wenn der "Schutz der Kirche" stattdessen bedeutet, Kriminelle zu schützen, raubt er der Kirche ihr Herz. Das Eintreten für den Schutz anderer beinhaltet Aspekte von Solidarität, Hoffnung und Gerechtigkeit. Diese Dimensionen haben in der Theologie mit dem Eintreten für das Reich Gottes zu tun – einer Kernbotschaft des Zimmermanns aus Nazareth: das Warum und Woraufhin von Kirche. Diese Perspektive auf das Reich Gottes relativiert alles – auch die Kirche. Ich bleibe für die Überlebenden.

Maria Herrmann leitet das Büro der ökumenischen Bewegung kirchehoch2. Sie promoviert derzeit an der Universität Freiburg.

"Ich habe nie die Systemfrage gestellt"

Im Jahr 2009 wurde ich in Freiburg zum Ständigen Diakon geweiht. Wir wussten damals alle, dass unser Bischof einen Intensivtäter gedeckt hatte. Trotzdem hatte ich kein Problem, ihm und seinen Nachfolgern Treue, Ehrfurcht und Gehorsam zu versprechen. Nicht mein Entscheid zum Diakonat bestürzt mich, den habe ich nie bereut, sondern die damit verbundene Dissoziierungsleistung. Ich konnte das Thema als für mich irrelevant abspalten. So habe ich mich auch in meinem akademischen Werdegang zwar einigermaßen erfolgreich im System bewegt, aber nie die Systemfrage gestellt. Vielleicht sogar weniger aus Furcht denn schlicht aus Anpassung. Es kam mir nicht in den Sinn, zumindest nicht in der nötigen existenziellen Tiefe. Diese billige Selbstverständlichkeit ist mir zerbrochen. Gott sei Dank.

Eine unmittelbare theologische Lösung gibt es nicht. Die Krise umfasst das Handeln der Kirche. Die Sakramentalität der Kirche, nicht nur ihres Amtes, ist durch das massive und andauernde Versagen der Hierarchie infrage gestellt. Man lenke nicht durch Spiritualisierung ab: Ob wir eine Glaubenskrise haben, steht auf einem anderen Blatt. Aber das, was sich derzeit Bahn bricht, noch nicht einmal ausgelöst, aber doch befeuert durch die Nachrichten von sexueller Gewalt an Minderjährigen und an Nonnen sowie deren Vertuschung, ist zuvörderst eine Struktur- und eine Leitungskrise. Wir haben ein Machtproblem, und wir haben ein Gerechtigkeitsdefizit. Das zerstört das Eigentliche, um das es der Kirche zu gehen hat: die Glaubwürdigkeit ihrer Botschaft von der Menschenfreundlichkeit Gottes.

Die theologische Frage lautet: Welche theologischen Konzepte bieten die Legitimationsfolie für Klerikalismus, Machtmissbrauch und institutionellen Narzissmus? Ich denke dabei nicht so sehr an die klassischen Reizthemen wie Zölibat, Frauenordination oder Sexualmoral. Hier ist die theologische Debattenlage sehr klar. Weite Teile der akademischen Theologie fordern seit Langem mit guten Gründen neue Zugangswege zum Amt und eine Neubewertung etwa von Homosexualität. Es gibt hier weniger ein Diskussions- als vielmehr dringlichen Rezeptionsbedarf auf kirchenamtlicher Seite. Theologische Forschungsergebnisse werden seit Jahrzehnten schlicht ignoriert. Nein, ich denke an Fragen der Kirchen-, Sakramenten- und Offenbarungslehre: Was bedeutet Sakramentalität – im Unterschied zur Sakralität des heiligen Scheins? Und wer bestimmt, was der Wille Gottes ist?

Sowenig wie es die theologische Lösung gibt, gibt es die Theologie. Aber es gibt einige Dinge, die ich in meiner theologischen Arbeit beachten will. Ich will das Zeugnis der Betroffenen als einen theologischen Erkenntnisort respektieren. Sie sind Prophetinnen und Propheten unserer Zeit, von denen es zu lernen gilt. Ich will meine theologischen Modelle prüfen, ob sie diesem Zeugnis zu entsprechen vermögen. Zweitens will ich lernen, klarer zu sprechen und das zu sagen, wovon ich denke, dass es der Fall ist. Ohne Empörung und Selbstüberhebung, aber auch ohne Furcht. Das bedeutet auch, meine theologischen Sätze ideologiekritisch zu hinterfragen. Dass Amt immer Dienst ist, ist zweifellos ein theologisch wahrer Satz. Aber er ist ein missbrauchter, ein hohler, ein heuchlerischer Satz geworden. Schließlich möchte ich lernen, systemisch bewusster zu sprechen. Als getaufter Christ, als verheirateter Kleriker und als universitärer Theologe bin ich Teil dieser Kirche. Sie ist mir heilig. Gerade deshalb sehe ich meine Aufgabe darin, meine Freiheit zu nutzen, um wenigstens durch entsprechende Wortmeldungen unser innerkirchliches Demokratiedefizit abzumindern.

Matthias Reményi ist Professor für Fundamentaltheologie an der Universität Würzburg.

"Wir haben nicht von den Betroffenen her gedacht"

In meinem Studium habe ich 1999 ein Seminar zum Thema "Sexueller Missbrauch durch Kleriker in der Kirche – Anfragen an das sechste Gebot" besucht, gemeinsam mit drei weiteren Teilnehmern. "So wenige", dachte ich. "So viele", dachte der Privatdozent. Wir haben nicht von den Betroffenen her gedacht, sondern eine kirchenrechtliche Diskussion nachgezeichnet, die – so weiß ich heute – nicht ohne Grund geführt wird. Sexuelle Gewalt gegenüber Kindern und Jugendlichen wird nach wie vor als Zölibatsbruch eingestuft. Doch sexuelle Gewalt ist Seelenmord.

Die Frage an mein Versäumnis als Frau, katholische Theologin und "Laiin" stört mich. In religionspädagogischen Lehrveranstaltungen spreche ich mit angehenden Religionslehrerinnen und Religionslehrern über Macht, Asymmetrie und Grenzen des Umgangs. Kinder und Jugendliche wurden und werden nicht gehört – in oft quälend langen Zeiträumen, in denen sie gewaltsame Übergriffe erleben. Mein Versäumnis liegt sicher darin, in meinen Veranstaltungen zu wenig mit der Gegenwart von Überlebenden wie auch von potenziellen Tätern zu rechnen. Es liegt ein Unterschied darin, gesamtkirchliche Tabuthemen im Gespräch zu benennen oder das Tabu der individuellen Verwicklung zu durchbrechen.

Die Handlungsmacht für eine Umgestaltung der Kirche liegt in der Hand von Klerikern. Wenn dazu meine Expertise gefragt wird, begleite ich dies gerne. Doch obwohl es mich schmerzt, habe ich wenig Hoffnung auf grundlegenden strukturellen Wandel. Die Wahrheit wird euch befreien, heißt es im Johannesevangelium. Wie wird daraus eine theologische Antwort? Aus der Liturgie, dieser Herzkammer kirchlicher Praxis, kommt Heil – doch aus dreckigen Händen. Gerade hier will ich mehr weibliche und männliche Stimmen hören, Klage, Anklage, Trauer und echte Solidarität mit Überlebenden. Ostern ist in meiner Kirche bis auf Weiteres ausgesetzt – und vollkommen ausgesetzt ist der nicht etwa vom Teufel, sondern von Seelenmördern geschundene Leib Christi.

Viera Pirker ist promovierte Theologin und Universitätsassistentin am Institut für Praktische Theologie der Universität Wien.