Probleme überall. Seen und Berge sind schlecht für den Empfang, in Siedlungen gibt es Protest. Und wenn dann auch noch die Zauneidechse genau dort lebt, wo ein Mobilfunkmast gebaut werden soll, muss erst einmal ein Artenschutzgutachten her. Darauf wartet man derzeit in Zuffenhausen am Stadtrand von Stuttgart. Bis dahin heißt es: kein Netz. Noch ein Funkloch auf der Deutschlandkarte. "Wir lieben Eidechsen", sagt Henrik Schmitz von der Deutschen Telekom. "Aber wir haben auch einen Auftrag zu erfüllen."

Der Auftrag: das Land mit einem möglichst flächendeckenden Mobilfunknetz zu versorgen, nicht nur in den Großstädten, sondern auch auf dem Land. Auch da, wo Bürger und Unternehmen bisher noch auf das schnelle Internet warten. Denn die Telekom und ihre beiden großen Konkurrenten, Vodafone und Telefónica, stehen in der Kritik: Sie würden den Ausbau des Netzes verschleppen, insbesondere auf dem Land, heißt es von Politikern aus Koalition und Opposition.

Derzeit werden bei der Bundesnetzagentur in Bonn Frequenzen für die nächste Mobilfunkgeneration versteigert, also streitet Deutschland über Funklöcher. Warum aber kann man die nicht einfach stopfen?

Dafür gibt es zwei Erklärungen. Die eine hat mit Geld zu tun: Weil der Staat bei der Versteigerung von Mobilfunkfrequenzen im Jahr 2000 die aberwitzige Summe von 50 Milliarden Euro einnahm, fehlte den Unternehmen in den Folgejahren das Geld für Investitionen ins Netz. Zudem investierten die Betreiber bevorzugt dort, wo sie mit wenig Aufwand viele Kunden erreichen konnten: in den Städten. Auf dem Land hingegen heißt es oft: kein Netz.

Um dieses Problem zu lösen, erwägt die große Koalition inzwischen, eine staatliche "Mobilfunk-Infrastruktur-Gesellschaft" zu gründen und dort Funkmasten zu bauen, wo es sich für die Privatunternehmen nicht rentiert. Das könnte sich jedoch als komplizierter herausstellen als befürchtet.

Das hängt mit der zweiten Erklärung für das Funklochproblem zusammen: Es sind die Mobilfunkmasten selbst, denn die sind häufig unerwünscht. In Zuffenhausen ist es die Zauneidechse, andernorts sind es komplizierte Denkmalschutzregeln oder Bürgerinitiativen, die den Bau neuer Antennen erschweren. "Wir haben in Deutschland die längsten Genehmigungsverfahren für Mobilfunkanlagen in Europa", klagt man bei der Telekom. In Stuttgart etwa habe man bei 70 möglichen Standorten angefragt, gebaut wurde bisher nur an 15 Stellen – in knapp zwei Jahren. Man stoße beim weiteren Ausbau deshalb an Grenzen. So geht es fast überall.

Viele Bürger wollen Mobilfunkempfang – aber bitte keine Sendemasten im Ort

Schmeilsdorf in Oberfranken. Der Ort, 400 Einwohner, aber immerhin ein Schloss, liegt auf der Netzabdeckungskarte der Telekom in einem weißen Loch. Bislang versorgte das Unternehmen nur das Zentrum von Mainleus, bis sich die Bürger der anderen Ortsteile über den schlechten Mobilfunkempfang beschwerten. Darum sollten die Dörfer eine neue Basisstation erhalten: drei neue Antennen auf einer Wiese zwischen Schmeilsdorf und Schwarzach.

Doch dann gab es Ärger wegen der Antennen. Mit Schildern, auf denen "NEIN zum Funkturm mitten im Ort" stand, protestierten Bürger gegen den Standort, aus Sorge, dass die elektromagnetischen Strahlen schädlich sein könnten. Ergebnis: Schmeilsdorf und Schwarzach werden vorerst im Funkloch bleiben.

"Es gibt das Gefühl der Funklochrepublik, und das ist ein Problem"

Solche Proteste seien eigentlich seit Jahren rückläufig, sagt Roman Soike vom Deutschen Institut für Urbanistik in Berlin. "Seit der Einführung des Smartphones ist klar, dass es ohne digitale Infrastruktur nicht mehr geht." Das Institut befragt regelmäßig Städte und Kommunen, ob und wo es Konflikte beim Ausbau des Mobilfunks gibt. Zuletzt zwischen 2015 und 2017. Deutschlandweit wurden Daten aus 1.711 Städten und Gemeinden mit mehr als 5.000 Einwohnern erhoben. Ergebnis: Fünf Prozent der Kommunen meldeten Schwierigkeiten, etwa wegen Protest von Anwohnern, die sich um den Landschaftsschutz oder den Abstand des Funkmasts zu sensiblen Einrichtungen wie Kindertagesstätten sorgten. Soike glaubt, dass es durch den Ausbau von 5G wieder mehr Proteste geben wird. "So ein Mast sieht einfach bedrohlich aus."

In kleinen Städten, wo eine enge Bindung zwischen Rathaus und Bürgern besteht, ist der Druck von Bürgerinitiativen gegen Mobilfunk häufig unmittelbar zu spüren. Die Stadt Esslingen beispielsweise vermietet keine Liegenschaften an Mobilfunkanbieter. "Da laufen die Bürger Sturm, wenn wir eine Antenne auf die Kita setzen", sagt Stadtreferent Roland Karpentier.

Es sind allerdings nicht nur Bürgerproteste, die den flächendeckenden Ausbau erschweren und Genehmigungsverfahren in die Länge ziehen. Manchmal ist es auch die Wissenschaft.

Zum Beispiel in Stuttgart. Die Mittlere Filderstraße ist eine Verbindungsachse zwischen dem Fernsehturm und dem Flughafen. Es gibt dort eine Buslinie und einen Holzsteg namens Vesperbrückle – aber kein Netz. Der Grund: Das anliegende Grundstück gehört der Universität Hohenheim. In den Gärten des Zentrums Ökologischer Landbau können Wissenschaftler Ackerflächen und Beete für ihre Forschung mieten. Tomaten wachsen dort, Klee und Kürbisse, Insekten lassen sich gut beobachten, es stört sie hier nichts. Sabine Zikeli erforscht in Langzeitstudien, wie sich Pflanzen und Tiere in den Gärten verändern, wenn der Landbau nicht mehr konventionell, sondern ökologisch betrieben wird. Seit drei Jahren untersuchen Zikeli und ihr Team etwa Zucchini. Bei Langzeitstudien müsse man die äußeren Einflüsse genau kontrollieren, sagt die Forscherin. Darum lehnte die Uni eine Standortanfrage für einen neuen Funkmast in Kleinhohenheim ab.

Das Wohlergehen der Zauneidechse kann auch zu Funklöchern führen

"Keiner will den Mast im Garten, aber alle wollen Netz", so fasst Vodafone-Sprecher Alexander Leinhos das Problem zusammen. Gebe es empfindliche Ökosysteme, Denkmäler oder Bürgerinitiativen gegen Mobilfunk, ziehe sich eine Genehmigung oft über zwei Jahre hin. "In Österreich gibt es all diese Dinge auch, aber die Genehmigungen werden trotzdem schneller vergeben", so Leinhos.

Wie lange es manchmal gehen kann, zeigt sich in Zuffenhausen bei der Zauneidechse. Seit Juni 2016 wartet die Telekom auf eine Baugenehmigung, das überarbeitete Artenschutzgutachten liegt seitdem beim Bauamt. Nach Einschätzung der Naturschutzbehörde könne der Funkmast nur dann genehmigt werden, wenn eine 100 Quadratmeter große Folie über das Baugebiet gelegt wird, um die Eidechsen aufzuscheuchen. Gleichzeitig muss ein Bauzaun um das Gebiet errichtet werden, damit die Tiere nicht zurückkommen, und das alles muss passieren, solange die Eidechsen noch schlafen. Also im Frühjahr. "Kann alles noch dauern", sagt Henrik Schmitz von der Telekom.

Wie groß Deutschlands Funklochproblem wirklich ist, lässt sich nur erahnen. Schon über die Definition gibt es Streit: Wie groß muss ein Ort sein, um als Funkloch zu gelten? Laut Bundesnetzagentur reicht es schon, wenn am Kiosk an der Straßenecke das Mobiltelefon plötzlich "Kein Netz" anzeigt. Die Telekom hingegen spricht von "flächigeren Gebieten", um ein Loch im Netz wirklich als Funkloch zu bezeichnen. Und viele Handynutzer fühlen sich schon in einem Funkloch, wenn das Netz zwar angezeigt wird, der Empfang aber sehr schlecht ist – zum Beispiel am Waldrand, wo Bäume den Mobilfunk stören. Noch dazu gibt es nicht nur weiße Löcher ohne Netz, sondern auch graue Löcher mit nur einem Netz: Steht ein Telekom-Kunde an einem Ort, der nur von Vodafone abgedeckt wird, befindet er sich in einem grauen Loch – einem gefühlten Funkloch.

"Es gibt das Gefühl der Funklochrepublik, und das ist ein Problem", sagt Fiete Wulff, Sprecher der Bundesnetzagentur. Um zumindest eine Annäherung an die tatsächliche Situation zu erreichen, veröffentlichte die Bundesnetzagentur im vergangenen Jahr eine App, über die Nutzer Funklöcher melden konnten. Dazu prüfte die App alle fünfzig Meter, ob das Handy ein Netz empfangen kann oder nicht. Zwischen Oktober 2018 und Januar 2019 speicherte die App 65 Millionen Messpunkte. Bei rund 6.000 Messpunkten konnte die App kein Netz empfangen. Wo diese Messpunkte genau liegen, wertet die Netzagentur derzeit aus, im Sommer will man die Ergebnisse veröffentlichen. "Mal sehen, ob Deutschland wirklich so ein Schweizer Käse ist", sagt Wulff.