Solche Proteste seien eigentlich seit Jahren rückläufig, sagt Roman Soike vom Deutschen Institut für Urbanistik in Berlin. "Seit der Einführung des Smartphones ist klar, dass es ohne digitale Infrastruktur nicht mehr geht." Das Institut befragt regelmäßig Städte und Kommunen, ob und wo es Konflikte beim Ausbau des Mobilfunks gibt. Zuletzt zwischen 2015 und 2017. Deutschlandweit wurden Daten aus 1.711 Städten und Gemeinden mit mehr als 5.000 Einwohnern erhoben. Ergebnis: Fünf Prozent der Kommunen meldeten Schwierigkeiten, etwa wegen Protest von Anwohnern, die sich um den Landschaftsschutz oder den Abstand des Funkmasts zu sensiblen Einrichtungen wie Kindertagesstätten sorgten. Soike glaubt, dass es durch den Ausbau von 5G wieder mehr Proteste geben wird. "So ein Mast sieht einfach bedrohlich aus."

In kleinen Städten, wo eine enge Bindung zwischen Rathaus und Bürgern besteht, ist der Druck von Bürgerinitiativen gegen Mobilfunk häufig unmittelbar zu spüren. Die Stadt Esslingen beispielsweise vermietet keine Liegenschaften an Mobilfunkanbieter. "Da laufen die Bürger Sturm, wenn wir eine Antenne auf die Kita setzen", sagt Stadtreferent Roland Karpentier.

Es sind allerdings nicht nur Bürgerproteste, die den flächendeckenden Ausbau erschweren und Genehmigungsverfahren in die Länge ziehen. Manchmal ist es auch die Wissenschaft.

Zum Beispiel in Stuttgart. Die Mittlere Filderstraße ist eine Verbindungsachse zwischen dem Fernsehturm und dem Flughafen. Es gibt dort eine Buslinie und einen Holzsteg namens Vesperbrückle – aber kein Netz. Der Grund: Das anliegende Grundstück gehört der Universität Hohenheim. In den Gärten des Zentrums Ökologischer Landbau können Wissenschaftler Ackerflächen und Beete für ihre Forschung mieten. Tomaten wachsen dort, Klee und Kürbisse, Insekten lassen sich gut beobachten, es stört sie hier nichts. Sabine Zikeli erforscht in Langzeitstudien, wie sich Pflanzen und Tiere in den Gärten verändern, wenn der Landbau nicht mehr konventionell, sondern ökologisch betrieben wird. Seit drei Jahren untersuchen Zikeli und ihr Team etwa Zucchini. Bei Langzeitstudien müsse man die äußeren Einflüsse genau kontrollieren, sagt die Forscherin. Darum lehnte die Uni eine Standortanfrage für einen neuen Funkmast in Kleinhohenheim ab.

Das Wohlergehen der Zauneidechse kann auch zu Funklöchern führen

"Keiner will den Mast im Garten, aber alle wollen Netz", so fasst Vodafone-Sprecher Alexander Leinhos das Problem zusammen. Gebe es empfindliche Ökosysteme, Denkmäler oder Bürgerinitiativen gegen Mobilfunk, ziehe sich eine Genehmigung oft über zwei Jahre hin. "In Österreich gibt es all diese Dinge auch, aber die Genehmigungen werden trotzdem schneller vergeben", so Leinhos.

Wie lange es manchmal gehen kann, zeigt sich in Zuffenhausen bei der Zauneidechse. Seit Juni 2016 wartet die Telekom auf eine Baugenehmigung, das überarbeitete Artenschutzgutachten liegt seitdem beim Bauamt. Nach Einschätzung der Naturschutzbehörde könne der Funkmast nur dann genehmigt werden, wenn eine 100 Quadratmeter große Folie über das Baugebiet gelegt wird, um die Eidechsen aufzuscheuchen. Gleichzeitig muss ein Bauzaun um das Gebiet errichtet werden, damit die Tiere nicht zurückkommen, und das alles muss passieren, solange die Eidechsen noch schlafen. Also im Frühjahr. "Kann alles noch dauern", sagt Henrik Schmitz von der Telekom.

Wie groß Deutschlands Funklochproblem wirklich ist, lässt sich nur erahnen. Schon über die Definition gibt es Streit: Wie groß muss ein Ort sein, um als Funkloch zu gelten? Laut Bundesnetzagentur reicht es schon, wenn am Kiosk an der Straßenecke das Mobiltelefon plötzlich "Kein Netz" anzeigt. Die Telekom hingegen spricht von "flächigeren Gebieten", um ein Loch im Netz wirklich als Funkloch zu bezeichnen. Und viele Handynutzer fühlen sich schon in einem Funkloch, wenn das Netz zwar angezeigt wird, der Empfang aber sehr schlecht ist – zum Beispiel am Waldrand, wo Bäume den Mobilfunk stören. Noch dazu gibt es nicht nur weiße Löcher ohne Netz, sondern auch graue Löcher mit nur einem Netz: Steht ein Telekom-Kunde an einem Ort, der nur von Vodafone abgedeckt wird, befindet er sich in einem grauen Loch – einem gefühlten Funkloch.

"Es gibt das Gefühl der Funklochrepublik, und das ist ein Problem", sagt Fiete Wulff, Sprecher der Bundesnetzagentur. Um zumindest eine Annäherung an die tatsächliche Situation zu erreichen, veröffentlichte die Bundesnetzagentur im vergangenen Jahr eine App, über die Nutzer Funklöcher melden konnten. Dazu prüfte die App alle fünfzig Meter, ob das Handy ein Netz empfangen kann oder nicht. Zwischen Oktober 2018 und Januar 2019 speicherte die App 65 Millionen Messpunkte. Bei rund 6.000 Messpunkten konnte die App kein Netz empfangen. Wo diese Messpunkte genau liegen, wertet die Netzagentur derzeit aus, im Sommer will man die Ergebnisse veröffentlichen. "Mal sehen, ob Deutschland wirklich so ein Schweizer Käse ist", sagt Wulff.