Längst haben große Modemarken wie Chanel die islamische Welt als Absatzmarkt entdeckt – und den vermeintlichen Gegensatz von Orient und Okzident kollabieren lassen. Fotografiert wurde das Bild von Wesaam Al-Badry © Al-Badry, Wesaam

Von vornherein war die Ausstellung über muslimische Mode der Gegenwart ausgesprochen umstritten. Noch vor der Eröffnung im Museum für angewandte Kunst in Frankfurt in dieser Woche gab es erregte Proteste. Das liegt daran, dass der Körper der Frau das Territorium ist, auf dem zwischen Okzident und Orient am härtesten um das, was modern heißt, gekämpft wird.

Die Ausstellung, die zuvor in San Francisco zu sehen war, zeigt das, was in der westlichen Modelandschaft als Oxymoron gilt, als Widerspruch in sich selbst: nämlich modische religiöse Kleidung. In den vergangenen 20 Jahren haben sich jedoch die traditionellen Kleider des Bedeckens spektakulär verändert, und diese Veränderung vor allem wird nun im Frankfurter Museum ausgestellt.

Ein rasanter Wandel: Was einst als tantig, langweilig, todöde und als Inbegriff des abgestanden Unmodischen abgestempelt wurde, ist zu einem wild umstrittenen Teil des Mainstream-Modegeschäfts geworden: Marks & Spencer bringt den Burkini auf den Markt, H&M zeigt Werbung mit Models, die Kopftücher tragen, Dolce & Gabbana entwirft hauptsächlich für den saudiarabischen Markt prächtige Abajas, jene Gewänder, die über der normalen Kleidung getragen werden. Und so ist es überall auf der Welt: Designer und Designerinnen verwandeln ethnisch-religiöse Nichtmode in schlichte Coolness. In der Modewelt nennt man es Modest Fashion.

Doch die Gegnerinnen der Ausstellung, islamisch oder nicht islamisch, wollen davon nichts wissen. Sie lehnen es ab, den Hidschab (der im Deutschen als Kopftuch firmiert) oder gar die Gesichts- oder Ganzkörperverschleierung als modisches Kleidungsstück zu begreifen. Sie sehen darin den Ausdruck einer repressiven Politik und begreifen Modest Fashion, für die der Hidschab zur Kurzformel geworden ist, vor allem als Zwang.

In Ländern wie dem Iran oder Saudi-Arabien ist er das tatsächlich: Frauen dürfen sich dort nicht unverschleiert in der Öffentlichkeit blicken lassen. In anderen, westlichen Ländern herrsche dieser Zwang ebenfalls, sagen die Gegnerinnen. Er werde von reaktionären Verwandten auf die Mädchen und Frauen ausgeübt, deshalb müsse der Staat sie vor solcher Freiheitsbeschneidung schützen.

Fast alle, die den Hidschab ablehnen, sehen darin den Rest einer segregationistischen Gesellschaft, die Frauen darauf reduziert, ein Sexualobjekt zu sein, das sich in der Öffentlichkeit verhüllen muss, um die Männern nicht mit eng sitzenden Kleidern oder offen wallenden Haaren in Versuchung zu führen. Nur ihrem Herrn und Meister sollen sie ihre Schönheit offenbaren dürfen.

Befürworter der Frankfurter Ausstellung und die Designerinnen und Konsumenten von Modest Fashion sind sich hingegen darin einig, dass Frauen frei wählen können – oder doch wählen können sollten: den Hidschab zu tragen oder eben nicht zu tragen. Sich zu bedecken und zu verhüllen oder eben viel Haut zu zeigen. In dieser Perspektive sind religiöse Rechte Menschenrechte. Und also geht es darum, den Wunsch einer Frau nach Bedeckung zu respektieren.

Nach diesem Ethos, das aus dem Feminismus und der Bürgerrechtsbewegung stammt, ist beides falsch: erstens, eine Frau zu zwingen – wie das etwa in Frankreich der Fall ist –, ohne Kopftuch in die Schule und ohne Burka auf die Straße oder die Oper zu gehen. Oder in Deutschland, wo Frauen mit Kopftuch ihren Beruf, etwa Lehrerin, nicht ausüben dürfen. Als ebenso falsch gilt es zweitens, die Frauen dazu zu zwingen, sich zu bedecken, wie das in Saudi-Arabien oder im Iran der Fall ist. Auch Frauen, die sich als gläubig und religiös definieren, sollten eine modische Option haben und nicht auf unmodische Kleider, hinterwäldlerisch traditionell, zurückgreifen müssen.

Wie immer jedoch sind die Dinge komplizierter, als man denkt. Und es geht in der Frankfurter Ausstellung um mehr als um die Dokumentation und Repräsentation eines milliardenschweren Marktes, zu dem sich die Modest Fashion entwickelt hat. Sie verwickelt die Betrachterinnen und Betrachter in anregende Fragen: Was tun wir eigentlich, wenn wir uns wie anziehen? Treten Männer und Frauen in der Öffentlichkeit tatsächlich gleich auf? Und woher rührt eigentlich das Provokationspotenzial der Modest Fashion?

Sicherlich daher, dass sie das Verhältnis von Glaube und Körper auf ungewohnte Weise neu justiert. Die westliche Mode hat sich längst von allen religiösen Vorschriften befreit; der Kirchenvater Tertullian mag im 2. Jahrhundert nach Christus das Verschleiern der Frauen in der Öffentlichkeit noch für unerlässlich gehalten haben, seit dem Mittelalter aber interessiert das nur noch mäßig. Mit dem Wegfall der Luxusgesetze, die vorschrieben, wie tief das Dekolleté, wie der Kopf zu bedecken, welcher Stoff und welcher Pelz von welcher Klasse zu tragen sei, ist die Mode frei geworden.

Selbst das Hosenverbot für Frauen fiel zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Gerade diese Freiheit erlaubt die massiven Anleihen bei etwa katholischer Ikonografie; gerade sie ermöglicht es, Mönchs- und Messgewänder als Inspirationsquelle zu nutzten. Wenn ich ein Herz-Jesu-T-Shirt von Dolce & Gabbana oder einen mit dem Motiv des Turiner Schweißtuchs bedruckten Badeanzug von Gaultier trage, heißt das keinen Augenblick lang, dass ich glaube. Der Glaube ist in der Mode, im Verhältnis von Kleid und Körper, schlicht keine Kategorie.

Nonne und Mönch legen mit den Kleidern der Welt auch die Eitelkeit der Welt ab. Mit Schleier und Kutte tragen sie vor aller Augen zur Schau, dass sie mit allen irdischen Belangen, unter denen die Mode die wichtigste ist, nichts mehr zu tun haben. Alle anderen, ob gläubig oder ungläubig, ziehen sich mehr oder weniger gleich an.

Das ist nur in zwei Religionsgruppen, die immer als hoffnungslos zurückgeblieben galten, grundlegend anders: bei manchen jüdisch orthodoxen Strömungen, wie man besonders gut in Jerusalem oder Brooklyn beobachten kann, und bei manchen islamischen Strömungen. Hier rücken Mode und Körper, die im westlichen Denken meist strikt getrennt werden, dicht zusammen. Nichts ist spielerisch gemeint, alles gilt als verbindliches Zeichen: als Beleg der eigenen Sittsamkeit.