Sie haben sich am Erfurter Hauptbahnhof verabredet, wo die Annäherung des Westens an den Osten begann. Fast 50 Jahre ist es her, da reiste Willy Brandt im Sonderzug an, der erste westdeutsche Kanzler, der die DDR besuchte. Jetzt steigt Danyal Bayaz aus einem ICE. Es ist morgens kurz vor zehn, Ende Februar. Bayaz kommt aus Heidelberg. Katrin Göring-Eckardt hat bei ihrem Sohn übernachtet, der um die Ecke wohnt.

Danyal Bayaz, 35, ist seit 2017 Bundestagsabgeordneter der Grünen. Katrin Göring-Eckardt, 52, ist Fraktionschefin, seit 21 Jahren sitzt sie für die Grünen im Bundestag – als einzige Spitzenpolitikerin ihrer Partei, die aus dem Osten stammt. Ende des vergangenen Jahres stellte sie nach einer Fraktionssitzung halb amüsiert, halb fassungslos fest: "Manche in unserer Partei kennen den Osten der USA besser als den Osten Deutschlands." Sie hatte mit ihren Fraktionskollegen über die Landtagswahlen gesprochen, die im Herbst in Thüringen, Sachsen und Brandenburg anstehen und bei denen die AfD in allen drei Ländern die meisten Stimmen gewinnen könnte. Das Interesse am Osten sei plötzlich riesig, sagt Göring-Eckardt. Die Wissenslücken auch. Sie machte ihren westdeutschen Kollegen einen Vorschlag: Ihr nehmt euch einen Tag Zeit. Und ich zeige euch meine Heimat. Danyal Bayaz war der Erste, der sich gemeldet hat.

Bayaz ist in Heidelberg geboren, seine Mutter kommt aus Hessen, sein Vater aus Istanbul. Er hat in Stuttgart studiert, in New York für seine Promotion geforscht, und bevor er in den Bundestag einzog, war er Unternehmensberater bei Boston Consulting. Bayaz kennt die halbe Welt. Ostdeutschland aber, sagt er, sei für ihn "Terra incognita".

Göring-Eckardt hat für den Ausflug einen Kleinbus mieten lassen. Sie hat auf dem Beifahrersitz Platz genommen, Bayaz auf der Rückbank. Der Bus rollt über eine makellos geteerte Straße. Bayaz guckt aus dem Fenster. Hügel rauschen vorbei, Bauernhöfe, Scheunen, Gewerbegebiete. "Sieht fast aus wie bei uns im Ländle", sagt er.

Bayaz und Göring-Eckardt sitzen in derselben Fraktion. Doch sie kommen aus zwei Welten: Bayaz aus Baden-Württemberg, wo die Grünen zuletzt fast ein Drittel der Stimmen gewannen und den Ministerpräsidenten stellen. Göring-Eckardt aus Thüringen, wo die Partei zwar mitregiert, aber nur 5,7 Prozent der Stimmen bekam. Und wo der AfD-Rechtsaußen Björn Höcke die nächste Wahl gewinnen könnte. Die Grünen wollen um den Osten kämpfen. Nur: Sie kennen ihn kaum. Sie haben dort kaum jemanden, der mit den Bürgern reden und Plakate kleben könnte. In Thüringen zählen sie rund 800 Mitglieder. In Baden-Württemberg mehr als 11.000. Das sind, pro Einwohner gerechnet, fast dreimal so viele.

Eigentlich sind die Grünen eine Partei im Höhenrausch. In den letzten bundesweiten Umfragen lagen sie bei fast 20 Prozent, beim letzten Bundesparteitag feierten sie die guten Wahlergebnisse in Bayern und Hessen. Nur die ostdeutschen Landesverbände wollten dem Erfolg nicht trauen: Was, wenn sich herausstellt, dass die Grünen, die so gern eine Volkspartei wären, eine Hälfte des Volks überhaupt nicht erreichen? Die Ost-Grünen verteilten auf dem Parteitag Spreewaldgurken und Thüringer Bier – um Mitglieder aus dem Westen als Wahlkampfhelfer zu werben. In der Parteizentrale in Berlin ließ der Grünenvorstand eigens ein "Matchingsystem" programmieren, eine Art Tinder für ost- und westdeutsche Grüne. Und das Budget, das er dem Osten bereitstellt, ist dieses Jahr so hoch wie nie. Die AfD mobilisiert nicht nur die, die sich jahrelang nicht gesehen gefühlt haben. Sondern auch die, die nicht hingeschaut haben.

Der Bus fährt auf die Autobahn. Links ragt der Doppelbogen von McDonald’s in den Himmel. In der Ferne sieht man den Ettersberg und das Mahnmal der Gedenkstätte Buchenwald.