"Ich bekomme eh Prügel"

Ein Büro in Ammersbek, Schleswig-Holstein. Ein paar Straßen von hier, im Hamburger Stadtteil Bergstedt wohnt Patrick Ittrich, 40, im Hauptberuf Polizeibeamter, mit seiner Frau und vier Töchtern. An der Wand seines Büros hängt ein gerahmtes Schiedsrichtertrikot des Deutschen Fußball-Bundes.

Patrick Ittrich, als Sohn eines polnischen Spätaussiedlers und einer Polin im Hamburg-Mümmelmannsberg geboren und aufgewachsen, gehört dem elitären Kreis der 26 DFB-Schiedsrichter an, die in der Ersten Bundesliga Spiele leiten dürfen. Ende vergangenen Jahres musste er sich einer Innenmeniskus-Operation unterziehen, seitdem hat er nicht mehr auf dem Platz gestanden. Im Anschluss an die Operation hat sich ein Knochenödem entwickelt. Die Saison, sagt Ittrich, sei für ihn wohl gelaufen. "Die Diagnose war ein schwerer Schlag für mich. Auf dem Platz zu stehen, Spiele zu leiten ist das, was ich will."

Stellt sich die Frage: Warum nur? Von außen betrachtet, hat Ittrich einen miesen Job: Die körperlichen und psychischen Anforderungen sind immens; Schiedsrichter laufen mehr Kilometer als viele Feldspieler; sie müssen in der Bewegung zahlreiche Informationen verarbeiten und in Sekunden Entscheidungen fällen. Anerkennung oder Dank bekommen sie so gut wie nie. Mit beinahe jedem Pfiff bringen sie Teile des Publikums und der Akteure auf dem Platz gegen sich auf. Sie stehen unter Dauerbeobachtung und extrem großem Druck. Sie werden beschimpft und ausgepfiffen. Fehler werden in den Medien skandalisiert.

Vor allem in den Amateurligen sind die Belastungen enorm: Schiedsrichter werden beleidigt, bedroht und körperlich attackiert. Auch Ittrich musste nach einem Bezirksligaspiel mit Polizeischutz vom Platz geleitet werden. In den letzten Jahren, sagt er, seien die Aggressivität den Schiedsrichtern gegenüber immer schlimmer geworden. Kein Wunder, dass viele irgendwann genervt aufgeben.

"Das Benehmen an der Seitenlinie ist manchmal unerträglich", sagt er. "Wir Schiedsrichter werden in der Öffentlichkeit immer an dem gemessen, was wir falsch machen. Nie an dem, was wir richtig machen. Du kannst ein Spiel nahezu perfekt leiten, wenn du dann in den Schlussminuten eine Entscheidung triffst, die diskussionswürdig ist, wird nur das zum Thema gemacht. Wenn ich einen Fehler mache, kommt niemand, der mich aufbaut und sagt: Kopf hoch. Es ist unser Job, alles richtig zu machen. Aber auch uns sollte man Fehler zugestehen."

Fehler wie am ersten Spieltag der laufenden Saison: Schalke spielt gegen Wolfsburg. Mehrfach muss der Video-Schiedsrichter eingreifen und Ittrich seine Entscheidungen korrigieren, dreimal die Kartenfarbe ändern. Als der damalige Schalke-Trainer Domenico Tedesco die Contenance verliert und den vierten Schiedsrichter bestürmt, wird Ittrich seinerseits aufbrausend, fasst Tedesco an den Arm. Danach war die Empörung groß.

Die Frage, warum er sich das antut, ist für Ittrich nicht einfach zu beantworten. Seit seinem fünften Lebensjahr ist er Mitglied im Mümmelmannsberger SV. Er sagt, er sei ein sehr talentierter und extrem ehrgeiziger Fußballer gewesen. Schiedsrichter habe er nicht werden wollen. Zwei Freunde hätten ihn überredet. "Zuerst habe ich gesagt, ihr tickt ja nicht ganz sauber", sagt Ittrich. Aber wie viele Kollegen sei er als Spieler häufig vom Schiedsrichter genervt und davon überzeugt gewesen, es selbst besser machen zu können. "Als ich dann die ersten Spiele gepfiffen habe, habe ich festgestellt, dass es mir großen Spaß macht."

Nachdem seine Karriere als Spieler früh durch zwei Knieverletzungen ins Stocken geraten war, bot sich hier eine Möglichkeit, schnell aufzusteigen. "Wer Talent und genügend Ehrgeiz hat, kann als Schiedsrichter relativ schnell ziemlich weit kommen." Möglicherweise war auch das ein Antrieb. "Mittlerweile weiß ich, das mich die Arbeit als Schiedsrichter in meiner Persönlichkeitsentwicklung voranbringt." Ehrgeiz, Selbstbewusstsein, Fairness, Konflikt- und Kommunikationsfähigkeit; all diese Eigenschaften brauche ein guter Schiedsrichter. Regeln, Gerechtigkeit, das habe für ihn einen großen Stellenwert. Dass er als Polizist in der Verkehrserziehung an Schulen tätig ist, passt ins Bild. "Entscheidungen zu treffen, auch unter Druck, für Ordnung zu sorgen macht mir einfach Spaß", sagt er. Klare Strukturen und Regeln hätten ihm seine Eltern vorgelebt. Sein Vater, der Spätaussiedler, der in seiner Jugend selbst Fußball gespielt hatte, habe mit Disziplin und harter Arbeit in Hamburg ein neues Leben für seine Familie aufgebaut. Seine Mutter, die ohne Deutschkenntnisse nach Hamburg kam, hat in kurzer Zeit Deutsch gelernt und war schnell integriert. Ittrich ist in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen. "Uns ging es gut", sagt er dennoch. Auch weil seine Eltern all die Konventionen und Werte, die das Zusammenleben in der neuen Heimat regelten, respektierten. Die katholische Schule habe ihm ein ähnliches Wertesystem vermittelt.

Für Schiedsrichter gibt es keine Heimspiele

Ein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn, sagt der Sportpsychologe Hans-Dieter Hermann, auch Teampsychologe der deutschen Fußballnationalmannschaft, sei vielen Bundesligaschiedsrichtern zu eigen. "Aber um sich in der Ersten Bundesliga zu behaupten, reicht das nicht. Wer so weit nach oben kommt, der sucht auch die Öffentlichkeit. Die meisten Schiedsrichter genießen die exponierte Position. Das sollte man aber nicht mit Eitelkeit verwechseln."

Auch Ittrich schwärmt von dem rauschhaften Moment, wenn er als Schiedsrichter als Erster den Spielertunnel verlässt, bejubelt von 80 000 Fußballfans. Von dem Flow, wenn ein Spiel gut läuft. Dass an einen Schiedsrichter besondere Erwartungen gestellt werden, kitzelt im Erfolgsfall sein Ego: "Wenn ich eine knifflige Situation richtig bewertet habe, feiere ich mich auch schon mal selbst."

Natürlich spielt auch das Geld eine Rolle: Schiedsrichter verdienen in der Bundesliga mindestens 60 000 Euro Grundgehalt, dazu kommen 5000 Euro für jedes Spiel. Das hält Ittrich angesichts der Belastungen für angemessen. Fünfmal die Woche trainiert er. Dazu kommen Lehrgänge und ständige Reisen. Für Schiedsrichter gibt es keine Heimspiele.

Betrachte man den Druck von außen, sagt Sportpsychologe Hermann, hätten die Schiedsrichter den miesesten Job im Profifußball. "Öffentlich bewertet, im negativen Fall bloßgestellt oder infrage gestellt zu werden, das schafft enormen Stress", sagt er. "Der Schiedsrichter ist eine Art interner Außenseiter, gehört dazu, ist aber trotzdem auf dem Platz unglaublich allein. Er kann die Verantwortung nicht auf schlechte Pässe der Mitspieler schieben, der gesamte Druck lastet auf ihm. Ein brutal schwieriger Job, vor dem ich großen Respekt habe."

Wozu es führen kann, wenn der Druck zu groß wird, hat Patrick Ittrich am 19. November 2011 erlebt. An diesem Tag hat der Bundesliga-Schiedsrichter Babak Rafati im Kölner Hyatt-Hotel einen Suizidversuch unternommen, Patrick Ittrich und seine beiden Kollegen, damals Rafatis Assistenten, fanden ihn in der Badewanne. Sie retteten sein Leben. Darüber, was er damals erlebt hat, wolle er nicht im Detail reden, sagt Ittrich. Auf seiner Stirn bilden sich Falten, seine Mundwinkel werden schmal, er ringt nach Worten. "Danach", sagt er, "war die Saison für mich beendet. Ich bin jemand, der versucht, nach jedem Sturz so schnell wie möglich wieder aufs Pferd zu steigen. Aber in dieser Situation war das nicht möglich." Ittrich hat Zeit gebraucht, die Erfahrung zu verarbeiten. Auch weil der Suizidversuch ein großes Thema in der Öffentlichkeit war.

Ittrich suchte die Unterstützung eines Sportpsychologen, mit dem er bis heute zusammenarbeitet. "Damals habe ich mir vor allem gewünscht, dass es Babak wieder besser geht", sagt er. "Für mich wäre es leichter gewesen, damit abzuschließen, wenn ich ihn noch einmal hätte treffen, ihn in den Arm nehmen können." Aber Rafati habe jede Kontaktaufnahme ins Leere laufen lassen.

Woran liegt es, dass die einen an dem Druck fast zerbrechen, andere wie Ittrich auch nach Rückschlägen unbedingt wieder auf den Platz möchten? Zum einen, sagt Hans-Dieter Hermann, sei es davon abhängig, wie eine Person den Druck wahrnehme. "Die öffentliche Bewertung kann als Bedrohung empfunden werden oder als Herausforderung. Moderater Stress kann auch leistungsfördernd wirken. Das hat mit der Persönlichkeit und der Art der Stressverarbeitung zu tun." Ein weiterer stützender Faktor sei das Vorhandensein einer zweiten Identität. "Wenn man nur die öffentliche Person, der Schiedsrichter, ist, dann ist man in Drucksituationen existenziell bedroht. Dann hilft eine zweite Identität: die als Familienvater, als Freund. Oder der Beruf."

Es helfe, ein paar Tage mit der Familie zu verbringen, den Schiedsrichter beiseitezuschieben, sagt Patrick Ittrich. Das gelte auch für seine Arbeit als Polizeibeamter. Wenn er am Montag zur Arbeit komme, habe jeder auf der Dienststelle das Spiel gesehen. Aber mittlerweile wüssten seine Kollegen, wann sie ihn in Ruhe lassen müssten. Der Schiedsrichter Patrick Ittrich wäre ohne den Polizisten und Familienvater den Belastungen seines Berufes wohl nicht gewachsen. Ein Grund dafür, dass er nie daran gedacht hat, seinen Polizeijob, der nicht annähernd so gut bezahlt ist wie der des Schiedsrichters, an den Nagel zu hängen.

"Ich muss mir Fehler erlauben, wenn ich besser werden will"

Vier der 26 Erstliga-Schiedsrichter arbeiten im Polizeidienst, dazu kommen Juristen, Ärzte, Banker oder Betriebswirte – Berufsgruppen, die sich durch ein klares Bewertungssystem auszeichnen: gesund oder krank, Gewinn oder Verlust, schwarz oder weiß. "Bundesliga-Schiedsrichter benötigen ein festes Weltbild. Sie müssen sehr klare Vorstellungen davon haben, was richtig und falsch ist, und eine große Unbeirrbarkeit in ihren Überzeugungen", sagt der Psychologe Hermann. "Sie müssen zudem ein schwer zu erschütterndes Selbstwertgefühl besitzen. Für einen Schiedsrichter ist es nicht unbedingt von Vorteil, wenn er zu sensibel ist."

Nicht nur zu viel Sensibilität kann stören, auch Selbstkritik scheint ein schwieriges Thema im Schiedsrichterwesen zu sein. "Ich möchte immer ein möglichst perfektes Spiel abliefern", sagt Ittrich. Aber es sei wichtig, sich bewusst zu machen, dass Fehler nicht nur menschlich und unvermeidlich sind, sondern auch notwendig. "Ich muss mir Fehler erlauben, wenn ich besser werden will."

Die Verarbeitung von Fehlern, der Umgang mit Kritik können den Unterschied zwischen einem guten und einem sehr guten Schiedsrichter ausmachen. Lässt Ittrich Kritik an sich heran? "Wenn ich Fehler mache, belastet mich das, ich muss das schnell beiseiteschieben, sonst blockiert es mich bei weiteren Entscheidungen", sagt er. "Aber es wird von mir erwartet, dass ich mich vor die Kameras stelle und mich öffentlich entschuldige. Warum? Jeder hat meinen Fehler gesehen, ich mache das nicht mit Absicht. Ich bekomme eh immer Prügel, warum soll ich mich auch noch selbst öffentlich anklagen?" Stattdessen versuche er, Fehler mit seinen Kollegen aufzuarbeiten.

Die Welt der Schiedsrichter mit den schwer zu erschütternden Egos, der Unbeirrbarkeit, dem großen Ehrgeiz und Kontrollbedürfnis hat Schattenseiten. In der Vergangenheit hat das auch Willkür und Machtmissbrauch begünstigt. Rafati hat Mobbing durch Vorgesetzte als einen Grund für seinen Suizidversuch angegeben – und seinen eigenen Perfektionismus.

"An dem Anspruch, alles richtig zu machen, kann man zerbrechen", sagt Ittrich. "Falls der Druck für mich je zu groß werden sollte, würde ich die Reißleine ziehen." Im Zweifelsfall schütze ihn sein Körper. "Ich neige dazu, mich selbst zu überfordern, behandele meinen Körper, als sei er eine Maschine", sagt er. Aber das zahle ihm der Körper heim. "Meine Verletzungen zwingen mich dazu, anders mit mir umzugehen. Ich bin mit mir und meinem Beruf im Reinen."