Frage: Frau Werden, im Zuge des Missbrauchsskandals haben die Bischöfe immer wieder von ihrer "Scham" gesprochen. Wie glaubwürdig finden Sie das?

Rita Werden: Man kann in niemanden hineinsehen, und dass auch die Bischöfe erschüttert sind über das Ausmaß und die Intensität der sexuellen Gewalt und auch über das Ausmaß der Vertuschung, steht für mich außer Frage. Inwieweit die Aufarbeitung seit September in Gang gekommen ist, kann ich nicht beurteilen. Nach der Veröffentlichung der MHG-Studie hat mich aber an den verschiedenen Schambekenntnissen skeptisch gemacht, dass die Bischöfe gleichzeitig sehr defensiv mit der Frage umgegangen sind, wer für die Vertuschung verantwortlich ist.

Frage: Woran machen Sie das fest?

Werden: Viele Bischöfe flüchten immer wieder in passive Formulierungen: Dinge wurden vertuscht – aber es wird nicht gesagt, von wem. Informationen wurden nicht weitergegeben – aber wer hat das so entschieden? Wenn es um konkrete Prozesse geht, bei denen jemand fahrlässig oder schuldhaft gehandelt hat, ist plötzlich von einem "Wir als Kirche" die Rede. Einzelne Verantwortliche verschwinden in der Anonymität oder hinter einem "System". Wenn schon öffentlich von Scham die Rede ist, dann weckt das eben auch die Erwartung, dass entsprechend Verantwortung übernommen wird. Und das setzt voraus, dass Verantwortlichkeiten benannt werden.

Frage: Die MHG-Studie spricht ja auch von einem systemischen Problem ...

Werden: Systemisch ja, aber eben nicht "systembedingt", wie es dann von bischöflicher Seite heißt. Wie kann ein System, das ja kein Subjekt ist, letztlich für Handlungen und Entscheidungen verantwortlich sein? Und was für ein System ist denn da genau gemeint?

Frage: Was müsste konkret getan werden?

Werden: Es müssten diejenigen Auskunft geben, die an der Vertuschung beteiligt waren. Sie müssten Fragen beantworten: Wer war womit beschäftigt? Wer hat was gewusst? Wer hat was entschieden? Und aus welchem Grund wurden die Entscheidungen so getroffen, wie sie getroffen wurden? Aus welcher Motivation heraus? Ich glaube, dass es nicht nur darum geht, Schuldfragen zu klären.

Frage: Sondern?

Werden: Es geht auch darum, die Missbrauchsfälle wissenschaftlich aufzuarbeiten. Das ist wichtig, um in Zukunft Prävention leisten zu können. Man muss verstehen, wie es überhaupt zu einem solchen katastrophalen Befund kommen konnte: Was sind die missbrauchsbegünstigenden Strukturen, die die MHG-Studie andeutet? Welche Vorstellungen und Ideale leiten das Handeln von Menschen, die in der kirchlichen Hierarchie arbeiten und wichtige Ämter innehaben? Welche Rolle spielen dabei auch theologische Ideen? Wir müssen empirisch belegbare Hypothesen davon gewinnen, welche Faktoren zu dieser Lage beigetragen haben. Nur so lässt sich gezielt etwas verändern.

Frage: Noch einmal zurück zur Scham, über die Sie lange geforscht haben. Was ist das denn überhaupt für ein Gefühl?

Werden: Wir haben es mit einer Emotion zu tun, die Menschen als unangenehm erleben. Denn Scham trägt eine Wertung in sich: Wenn wir uns schämen, dann enthält das ein negatives Urteil über uns selbst. Insofern ist Scham auch eine selbstreflexive Emotion. Wir empfinden einen Teil von uns als nicht zugehörig im Vergleich zu der Art und Weise, wie wir uns gern sehen. Scham zeigt: Wir sehen uns in einem Widerspruch zu unserem Selbstideal.

Frage: Inwieweit hat Scham mit Moral zu tun?

Werden: Scham ist dann eine moralische Emotion, wenn es in der Schamsituation um eine moralische Frage geht. Für was wir uns schämen können, hängt von unserem Selbstbild ab. Dieses steht dann infrage, wir zerfallen in Subjekt und verurteiltes Objekt und sind wie gelähmt. Zugleich treten unwillkürliche Reaktionen auf: Wir werden rot, senken den Blick, zeigen Gesten, die etwas mit Verbergen zu tun haben. Dass Scham eine lähmende Emotion ist, bedeutet auch, dass man über Scham eigentlich erst sprechen kann, wenn man sich von dieser Situation schon wieder distanziert hat. Wenn man also seine Handlungskompetenz wiedergewonnen hat.

Einzelne Verantwortliche verschwinden in der Anonymität oder hinter einem 'System'. Wenn schon öffentlich von Scham die Rede ist, dann weckt das eben auch die Erwartung, dass entsprechend Verantwortung übernommen wird.

Frage: Was folgt daraus?

Werden: Wenn jemand über Scham spricht, dann setzen wir voraus, dass das Gesagte ernst gemeint ist. Denn normalerweise tragen wir negative Urteile über uns selbst nicht in die Öffentlichkeit. Und wenn uns dann jemand über seine Scham berichtet, tendieren wir in der Regel dazu, rücksichtsvoll und vorsichtig zu bleiben. Weil wir glauben, dass jemand etwas von seinem Inneren preisgibt und in dieser Situation ohnehin verletzlich ist.

Frage: Warum reden die Bischöfe so häufig von Scham und so selten von Schuld?

Werden: Möglicherweise ist es leichter, über Scham als über Schuld zu reden, weil Scham in der Debatte eine tabuisierende Wirkung hat. Die Rede von Scham wird eher es als ehrlich empfunden, weil Scham als schmerzhaft vorausgesetzt wird. Wäre dagegen über Schuld gesprochen worden, hätte das vielleicht stärker Rückfragen provoziert. Hinter der Rede von Scham muss nicht, aber kann auch der Versuch stecken, ein stärkeres Statement zu setzen und damit aber auch erst mal die Debatte oberflächlich zu befrieden.