Nicht einmal die Simpsons wollen noch etwas mit ihm zu tun haben. Eine alte Folge der Zeichentrickserie, in der Michael Jackson einem Psychiatriepatienten die Stimme leiht, soll künftig nicht mehr ausgestrahlt werden. Die Modemarke Louis Vuitton hat Teile ihrer aktuellen Herrenkollektion zurückgezogen, die von Jacksons Stil inspiriert war. Und auch viele Radiosender boykottieren seine Songs, seit der Dokumentarfilm Leaving Neverland Anfang März erstmals im US-amerikanischen Fernsehen lief. Darin erzählen zwei Männer davon, wie sie als Kind von Jackson sexuell missbraucht wurden; am 6. April hat der Film auf ProSieben seine Deutschlandpremiere. Lange schon standen solche Vorwürfe im Raum, doch erst jetzt, im Schwung der #MeToo-Bewegung, scheint sich ein kultureller Bann über den Beschuldigten auszubreiten.

Das heißt aber noch lange nicht, dass endlich frei und offen über die vielen anderen Missbrauchsfälle gesprochen würde, die man in der Pop- und Rockgeschichte findet. Im Gegenteil, man sucht sich ein paar Schuldige heraus, über alle anderen Grausamkeiten schweigt man seit Jahrzehnten. Nehmen wir zum Beispiel Anthony Kiedis von den Red Hot Chili Peppers, der sich selbst in seiner Autobiografie Scar Tissue des Geschlechtsverkehrs mit einer Minderjährigen rühmt und darüber auch den Song Catholic School Girls Rule geschrieben hat ("In the class she’s taking notes / Just how deep deep is my throat") – und mit seiner Band dennoch unbehelligt bei der Grammy-Verleihung im Februar 2019 auftreten durfte, wo man sich gerade in diesem Jahr einer besonderen Sensibilität gegenüber den Forderungen der #MeToo- und #TimesUp-Bewegung verschrieben hatte. Wie soll man das nennen: Bigotterie? Kollektiver Gedächtnisverlust?

Auch muss man dringend über Led Zeppelin reden, deren Gitarrist Jimmy Page Anfang der Siebziger mit minderjährigen Groupies kopulierte, unter Umständen, bei denen nie geklärt wurde – und heute nicht mehr zu klären ist –, wo die Grenze verlief zwischen der sexuellen Ausbeutung naiver, Rockstars bewundernder Mädchen und der Anwendung von Gewalt. Page soll seine damals 15-jährige Gespielin Lori Mattix in seinem Hotelzimmer am Sunset Strip in Los Angeles eingeschlossen haben, damit sie jederzeit für ihn verfügbar sei, wenn ihm der Sinn danach stehe. In einem Interview mit der Internetseite Thrillist erklärte Mattix, sie sei Page von David Bowie weitergereicht worden, der sie zuvor entjungfert hatte.

Und wie wohl die kommende Europa-Tournee der Eagles aufgenommen wird? Ihr Schlagzeuger und Leadsänger Don Henley wurde 1980 in Los Angeles von Beamten der Sexually Exploited Child Unit verhaftet, weil sich in seinem Hotelzimmer zwei nackte minderjährige Mädchen fanden. Er hatte sie unter Kokain und Quaaludes, einen sexuell enthemmenden Wirkstoff, gesetzt; als sie wegen zu hoher Dosierungen kollabierten, rief er den Notarzt und der die Polizei. Henley behauptete danach, dass er von dem Alter der Mädchen nichts gewusst habe und es zu keinerlei sexuellen Handlungen gekommen sei; er kam mit einer Bewährungsstrafe wegen des Verabreichens von Drogen an Minderjährige davon.

Sosehr #MeToo den Blick auf den Sexismus geschärft haben mag – der Blick auf die Popmusik in ihrem "goldenen Jahrzehnt", den Siebzigerjahren, bleibt weitgehend der alte. In den meisten Pop-Historiografien ebenso wie im kollektiven Gedächtnis der damals mit Rockmusik sozialisierten Generation wird diese Zeit weiterhin als Epoche sexueller Befreiung betrachtet. Aber es war eben auch eine Zeit des entfesselten Patriarchats und des massenhaften Missbrauchs von Minderjährigen; das kann man auch nicht mit dem gern vorgebrachten Argument aus der Welt räumen, dass das "in den Siebzigern eben so war". Denn es ist ja immer noch so!

Sex als Teil des Geniekults

Es ist immer noch so, dass die Popmusik von der Inszenierung und vom Versprechen der sexuellen Entfesselung lebt. Zum Nimbus des Popstars trägt wesentlich die Bewunderung dafür bei, dass er – ob real oder vermeintlich – anderen, besseren Sex hat als die ihn bewundernden Menschen; das gilt für die glamourösen Rockstars der Siebziger mit ihrer Ästhetik der erotischen Grenzüberschreitung wie noch für die patriarchal-verklemmten Deutschrapper der Gegenwart. Aus dieser grundlegenden Bewunderung für die sexuelle Transgression und Potenz erklärt sich die Milde, mit der große Teile des Publikums auch über offenkundigen Missbrauch hinweggesehen haben und bis heute hinwegsehen – und dies umso mehr tun, wenn der betreffende Künstler als geniale, aber innerlich zerrissene und darum von seinen Trieben immer wieder übermannte Persönlichkeit erscheint; am besten noch mit einer schweren Kindheit, wie es etwa bei Michael Jackson der Fall gewesen ist. Dann überkreuzt sich der klassische Mythos vom männlichen Genie – in dem der Kampf mit "inneren Dämonen" als Preis und Ausweis der Einzigartigkeit erscheint – mit der poptypischen Faszination für die erotische Entgrenzung; das triebhafte Ausleben sexueller Gewalt wird so zum Symptom und Symbol einer "bösen", darum nur umso glamouröseren Genialität.

Die Anziehungskraft solcher Figuren ist trotz #MeToo und #TimesUp ungebrochen. Gerade der erfolgreichste junge US-amerikanische Rapper der letzten Jahre, XXXTentacion, ist als Inbegriff eines gleichermaßen gewalttätigen wie genialen Egomanen zu seinem enormen Ruhm gekommen: indem er sich als sensibler, verletzlicher, aber eben auch innerlich zerrissener und darum emotional unkontrollierbarer Mann inszenierte, dessen "innere Dämonen" ihn immer wieder dazu bringen, den Menschen sehr wehzutun, die er doch eigentlich liebt. Diese Pose hat er in seinen Texten ausgiebig ausgebreitet, und inhaftiert wurde er im echten Leben, weil er seiner schwangeren Ex-Freundin das ungeborene Kind aus dem Leib zu prügeln versuchte. Das wurde nicht nur nicht zum Skandal, im Gegenteil: Jeder solcher öffentlich gewordenen Vorfälle und jede Haftstrafe, die XXXTentacion deswegen verbüßen musste, hat seine Verkaufs- und Streaming-Zahlen weiter in die Höhe getrieben. Auch der Musikkonzern Universal, der XXXTentacions erstes Album 17 herausbrachte, musste sich dafür nicht rechtfertigen und wurde zu keinem Zeitpunkt dafür kritisiert.

Im Juni 2018 wurde XXXTentacion bei einem Raubüberfall erschossen, woraufhin seine Streaming-Zahlen noch einmal wuchsen; seither erscheint ein postumer Track nach dem anderen. Im Dezember kam ein "neues" Album heraus; für den Juli hat Universal Music eine opulente "Luxus-Edition" seines Albums ? angekündigt. Rapper wie A$AP Rocky oder Drake oder die Sängerin Billie Eilish, eine der aktuell populärsten jungen Künstlerinnen, preisen XXXTentacion weiterhin als überragenden Künstler und als große Inspiration. Ähnlich verhält es sich mit anderen jungen Rap-Stars, etwa mit Daniel Hernandez alias 6ix9ine, der 2015 wegen sexuellen Missbrauchs einer Minderjährigen zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurde – und den die selbst erklärte Hip-Hop-Feministin Nicki Minaj dennoch mit einem Feature in ihrem Song Fefe adelte; oder mit Dieuson Octave alias Kodak Black, der sich nach einer Haftstrafe im letzten Jahr nun in Florida wegen einer sexuellen Gewalttat vor Gericht verantworten muss – und der, davon ganz unbeschadet, von der anderen großen US-Rapperin der Gegenwart, Cardi B, als Gastkünstler für die Single Bodak Yellow engagiert wurde.

So intensiv an anderen Orten mithin über die Frage diskutiert wird, ob man die Musik von Michael Jackson "noch hören darf" und wie sich das zu der langen Geschichte des Sexismus und der sexuellen Gewalt in der von weißen Männern geprägten Popkultur verhält – so vollständig unberührt von solchen Debatten ist die Popmusik, für die sich das junge und jüngste Publikum gegenwärtig begeistert. Oder anders gesagt: Was die offenbar unsterbliche Faszination für den "bösen Genius" eines sexuell gewalttätigen Maskulinismus betrifft, sind die Millennials keinen Schritt weiter als die Generationen ihrer Großeltern und Eltern.