Sigmar Polke ist ohne Zweifel eine der herausragenden Künstlergestalten der Gegenwart. Die New York Times vermutete, er sei womöglich noch einflussreicher als die US-amerikanischen Nachkriegstitanen Andy Warhol, Jasper Johns oder Robert Rauschenberg. Das Museum of Modern Art in New York pries ihn als einen der "wichtigsten und größten Künstler des 20. Jahrhunderts". Vor 50 Jahren entstand das bekannteste Werk des 2010 verstorbenen Malers: Höhere Wesen befahlen: rechte obere Ecke schwarz malen! Wir haben es hier mit einem zentralen Kunstwerk der Bundesrepublik zu tun.

Wenn man sich allerdings ansieht, wie das Bild, das heute zur Sammlung des Van Abbemuseums in Eindhoven gehört, im Laufe der Jahrzehnte von Museumsleuten und Kritikern gedeutet wurde, liegt seine Wichtigkeit nicht unbedingt auf der Hand. Meistens wird das Ironisch-Ulkige und postmodern Unverbindliche des Werks betont. Und es stimmt ja, der banale Reim (befahlen – malen) und das ebenso banale Motiv (schwarzes Dreieck auf weißem Grund) scheinen jede Suche nach Tiefsinn zu blamieren. Wenn überhaupt, war es gerade ein "Tiefer-Hängen", eine dadaistisch anmutende Zertrümmerung jedes ernsten, tieferen Kunststrebens, das als das eigentlich Künstlerische an dieser Arbeit verstanden wurde.

Die Betonung des Absurden zieht sich denn auch wie ein roter Faden durch die Rezeptionsgeschichte. Typisch hierfür ist etwa der ehemalige Spiegel-Redakteur Jürgen Hohmeyer, der in Polkes Bild 1982 einen "witzigen Hinweis auf überpersönliche (etwa: massenmediale) Quellen der Kunst" erblickte. Hajo Müller beschrieb es 2007 in der ZEIT als "ein ziemlich albernes und ziemlich berühmtes Bild, das damals, 1969, auf eine schöne Entheiliger-Karriere deutete".

Was genau aber Polke entheiligt habe, wurde in den wenigsten Texten deutlich. War es der Spiritismus? Das hehre Meisterwerk? Die Ironisierung des inspirierten Künstlers, die "Umschreibung der Künstlerrolle" (die Kunsthistorikerin Claudia Hattendorff) spielen gewiss eine Rolle, doch ebenso gewiss reicht das nicht aus, um den Erfolg des Bildes zu erklären.

Schon 1966 bis 1968 hatte Polke einige Zeichnungen und Offsetdrucke angefertigt und ihnen einen ähnlichen, nur im Präsens statt im Präteritum gesetzten Titel gegeben: Höhere Wesen befehlen. In einem bekenntnisartig formulierten Text schrieb Polke dazu: "Ich stand vor der Leinwand und wollte einen Blumenstrauß malen. Da erhielt ich von höheren Wesen den Befehl: Keinen Blumenstrauß! Flamingos malen! Erst wollte ich weitermalen, doch dann wusste ich, dass sie es ernst meinten." Das war nicht weniger witzig, doch die Serie blieb weitgehend unbeachtet.

Als wichtig wird oft der kritisch-ironische Umgang mit einer Abstraktion erachtet, die damals in Westdeutschland noch immer vorherrschend war. Der Kunsthistoriker Christian Spies sprach von einem "autoritären Anspruch" der auf Abstraktion geeichten Lehrergeneration von Polke. Doch der Bezug zur Abstraktion reicht erheblich weiter zurück. Man kann Polkes Bild auch als Auseinandersetzung mit den künstlerischen Avantgarden der Zehnerjahre des 20. Jahrhunderts begreifen.

Schon sein Titel erinnert an die wichtige Bedeutung von Spiritismus und Theosophie für die Anfänge der Abstraktion (bei den Künstlern Hilma af Klint und Wassily Kandinsky beispielsweise). Zugleich werden durch Polkes Witz die antiautoritären Gesten der Dada-Bewegung reaktiviert. Nicht zuletzt verweist das schwarze Dreieck des Bildes an der "oberen rechten Ecke" auf ein Hauptwerk der Abstraktion und eine der Ikonen der Malerei des 20. Jahrhunderts: das Schwarze Quadrat Kasimir Malewitschs von 1915. Dieses Bild war ursprünglich provokativ an einer Ecke des Ausstellungsraumes weit oben aufgehängt worden, an der Stelle also, wo in Russland traditionell die Ikonen angebracht waren.

Die Möglichkeit, Polkes Bild als Anknüpfung und Ironisierung gleich mehrerer zentraler Positionen der frühen Moderne zu deuten, macht Höhere Wesen befahlen zu einer sehr guten Arbeit. Aber wird sie dadurch zu einem Schlüsselwerk der Bundesrepublik? Fehlt nicht ein Geschichts- und Gesellschaftsbezug, den man gerade von Bildern, die in der politisch bewegten Zeit um 1968 entstanden, erwarten könnte?

Das Cover von "Er ist wieder da" von Timur Vermes. Ist es Zufall, dass das Motiv dem Polke-Bild ähnelt?

Um diese Frage zu beantworten, lohnt es sich, den Blick von der Kunstwelt abzuwenden und auf eine andere Ikone zu richten, eine Ikone deutscher Buchcoverkunst: Johannes Wiebels Umschlagbild zu Timur Vermes’ Buch Er ist wieder da. Selbst jene, die mit dem Buch, das von der Rückkehr Hitlers erzählt, nichts anfangen konnten, räumten die Qualität des Covers ein. Für Wolfgang Höbel vom Spiegel war es schlicht "ein Coup": "Hitlers Ölscheitel in Schwarz auf weißem Grund, dazu formen die Buchstaben des Titels den Bürstenschnauzer: der 'Führer'-Spuk als ikonografischer Minimalismus."

Vermes’ Bestseller erschien in mehr als vierzig Ländern – stets mit Wiebels Cover. Was den Erfolg erleichterte, war die konsequente Reduktion auf Schwarz-Weiß, die bis nahe an die Abstraktion reichende Stilisierung Hitlers durch Konzentration auf die Hitler-Tolle und den Er ist wieder da-Schnurrbart, der zugleich als witzige Pointe funktionierte.