Simon Vaut bahnt sich seinen Weg durch den voll besetzten Speisewagen des ICE. Wer ihn sieht, lässt ihn wie selbstverständlich durch. Vaut ist 196 Zentimeter groß, er trägt einen schwarzen Anzug, weißes Hemd, klassisch rote Krawatte. Er stellt sich mit festem Händedruck vor, schaut seinem Gegenüber in die Augen. Ein Profi. Zumindest auf den ersten Blick.

Vaut ist an diesem Montag nicht allein unterwegs. Eine Frau mit blonden, kurzen Haaren begleitet ihn. Vaut bestellt Apfelschorle, die Frau schenkt ihm ein. Immer wieder schüttelt sie leicht den Kopf. Wenn Vaut erzählt, unterbricht sie ihn manchmal. Sie sagt dann immer das Gleiche: Simon, das wäre doch nicht nötig gewesen. Du hättest es auch so geschafft. Vaut ist 41 Jahre alt, er stammt aus Hamburg. Die Frau ist seine Mutter. Sie begleitet ihn beim Gespräch mit der ZEIT als eine Art seelisch-moralischer Beistand.

Er, Vaut, würde seiner Mutter gern zustimmen, das spürt man, er würde ihr gern sagen: Ja, es wäre nicht nötig gewesen. Doch er findet auch: "Ohne diese Inszenierung hätte ich es nicht geschafft, sie war nötig, um die Kandidatur zu gewinnen." Hier, im Bordbistro, erzählt Vaut von dem Abend im September 2018, vom Nominierungsparteitag der SPD in Wildau, an dem er sich die Geschichte ausdachte, die ihn innerhalb kürzester Zeit zum Spitzenkandidaten der Brandenburger SPD für die Europawahl machte.

Diese Geschichte klingt jetzt, wo alle wissen, dass sie nicht wahr ist, lächerlich und banal. Damals klang sie noch charmant und einnehmend. Es sei "die Liebe in Gestalt von Doreen" gewesen, die ihn nach Brandenburg gebracht habe, hatte Vaut damals seinen neuen Genossen zugerufen. Er schwärmte davon, wie ihn der Regionalexpress jeden Abend um 18.07 Uhr von Berlin, wo er arbeitete, an die Havel bringe, zu Doreen.

Seine Mutter sagt, sie habe damals im Publikum gesessen und sich sehr, sehr unwohl gefühlt. Sie wusste, dass ihr Sohn in einer Eigentumswohnung in Berlin-Mitte wohnte, dass er vor allem zu Wahlkampfzwecken nach Brandenburg fuhr und mit der Frau, die er auf der Bühne als Liebe seines Lebens bezeichnete, eine komplizierte Beziehung irgendwo zwischen Freundschaft und Affäre führte. Vor gut einer Woche ist diese Lüge aufgeflogen. Doreen traf sich mit dem lokalen Fernsehsender SKB, gab den Reportern sogar Einblick in Chatprotokolle. Darin fragt Vaut seine vorgeschobene Freundin, ob sie sich vorstellen könne, beim Parteitag seine Hand zu nehmen.

Seit dieser Bericht öffentlich ist, hat sich im Leben von Simon Vaut so ziemlich alles verändert. Die SPD Brandenburg setzt nun auf seine Ersatzkandidatin Maja Wallstein, die Frau, die er bei dem Parteitag knapp besiegt hatte. Im Bundeswirtschaftsministerium, wo er die letzten Jahre gearbeitet hat, ist seine für den 1. April geplante Verbeamtung gestoppt worden, auch wenn die Unwahrheiten strafrechtlich nicht relevant sind. Vaut hat nun einerseits keine Termine mehr, andererseits steht sein Handy kaum mehr still. "Noch vor einer Woche musste ich alles geben, um eine Meldung in der Märkischen Oderzeitung zu bekommen", sagt Vaut. In den Berichten wurde seine Kandidatur meist als aussichtslos bezeichnet. Denn er war zwar Brandenburgs SPD-Europaspitzenkandidat, aber auf der deutschlandweiten Liste nur auf Platz 22 eingereiht. Damit dieser Platz zieht, müsste die SPD im Mai 22 Prozent oder mehr erreichen. Probleme, in die Zeitung zu kommen, hat er nun nicht mehr. "Münchhausen in der Mark" nannte ihn die taz. Dutzende Journalisten haben versucht, Simon Vaut zu erreichen. Der Spiegel besuchte ihn in seiner Berliner Wohnung.

Anders als viele andere Menschen, die beim Fälschen, Täuschen oder Betrügen erwischt worden sind, ist Vaut nicht abgetaucht. Immer wieder versucht er, die Geschichte neu zu deuten, sie so zu erzählen, dass sie nicht mehr ganz so schäbig klingt. Das Wort Lüge zum Beispiel vermeidet er, so gut es geht. Er redet, er will sich erklären. "Die Vorwürfe treffen zu", schreibt Vaut auf Facebook. "Ich bedauere mein Verhalten zutiefst." Es ist ein gutes Statement. Simon Vaut trifft darin, wie so oft, den richtigen Ton. Dutzende Kommentarschreiber zollen ihm Respekt. Viel zu selten werde in Deutschland mit Fehlern so offen umgegangen, wie er das tut. Vaut freut sich über die Kommentare. Seine Geschichte, das ist nun die eines Geläuterten.

Aber er erzählt eben auch schon wieder eine Geschichte: Einerseits bemüht er sich um Aufrichtigkeit. Andererseits fällt er immer wieder in den alten Modus zurück. Er verschickt Videos vom Parteitag in Wildau, vergleicht seine "Inszenierung" mit der seiner Konkurrentin Maja Wallstein und stellt zwischendurch ganz unbescheiden fest, er sei vielleicht einfach besser gewesen. Wallstein allerdings habe einen Vorteil gehabt: "Ihre Inszenierung beruht auf der Wahrheit. Sie ist tatsächlich Mutter und in Brandenburg verwurzelt." Dann spielt er die Aufnahme seiner Rede ab, sie gefällt ihm immer noch. Als das Video fertig ist, sagt er: "Ist wie bei einem Zaubertrick. Der sieht auch besser aus, wenn man nicht weiß, was der Zauberer wirklich macht."