Es ist eine düstere Szenerie, die der amerikanische Schriftsteller Stewart O’Nan hier entwirft, eine von mörderischen Geheimnissen und albtraumhaften Erinnerungen verfinsterte Stadt- und Seelenlandschaft, in der es nie Tag zu werden scheint. Der Ort des Geschehens: Jerusalem kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, eine Stadt der Sperrstunden, Bombenanschläge und des Verrats. Es ist die Zeit, als Palästina von einer britischen Mandatsregierung verwaltet wird; militante jüdische Widerstandsgruppen, die die Gründung des Staates Israels durchsetzen wollen, agieren – zuweilen auch gegeneinander – im Untergrund.

Auch Brand, ein lettischer Jude, der als Einziger seiner Familie den deutschen Todeslagern entkam, hat sich nach seiner Übersiedlung einer zionistischen Organisation angeschlossen, der Hagana, aus der später das israelische Militär hervorgehen wird. Tagsüber kutschiert er Touristen durch die Stadt, nachts seine Auftraggeber zu Attentaten auf Brücken und britische Militärzüge. Meist aber sitzt er in seinem Taxi und wartet. Auf Eva zum Beispiel, die als Prostituierte im King David Hotel, dem Hauptsitz der Briten, Informationen für die Untergrundkämpfer "anschafft" und mit der er nicht nur das Bett, sondern auch ein ähnliches Schicksal teilt.

Die nur halb eingestandene Liebe der beiden Untergrundkämpfer ist noch das Spannendste an diesem Roman. Eva hat ihren Mann in den Todeslagern verloren und ist anders als Brand von der ethischen Unhinterfragbarkeit des blutigen Kampfes für die gerechte Sache überzeugt. Brand quält der Gewissenskonflikt, dass er dem Morden assistiert.

Wie lebt man nach einer Katastrophe weiter? Das ist die Frage, die den 1961 geborenen, höchst produktiven Stewart O’Nan Buch für Buch aufs Neue umtreibt. In Stadt der Geheimnisse, seinem 17. Roman neben etlichen Kurzgeschichten und Stücken, zeichnet er das Bild eines Mannes, der "zu schwach ist, sich umzubringen, aber nicht stark genug, es nicht zu wollen". Brand ist ein Verfolgter der Erinnerungen an seine Toten, die nicht gerettet zu haben er sich nicht verzeiht. Als Befehlsempfänger, der von seinen zwielichtigen militanten Auftraggebern im Dunkeln gelassen wird, ist er zudem einmal mehr Gefangener einer Situation, in der andere sein Tun und Lassen bestimmen. Zwangsläufig wird er Opfer eines Verrats.

Ein ergreifendes Schicksal, ein moralischer Konflikt, eine historisch brisante Zeit mit hochaktuellen Folgen – es ist eine ganze Menge, was Stewart O’Nan hier geschultert hat. Und doch zieht einen das Ganze nicht wirklich in den Bann. Man wird das Gefühl nicht los, der Autor habe sich selbst einen Auftrag gegeben, anstatt ein ihn wirklich bewegendes Thema zu wählen. Das mag daran liegen, dass er all das, was die Figuren für sich behalten, mit akribischen Beschreibungen der Szenerie kompensiert. O’Nan, der erklärtermaßen nie in Jerusalem war, hat für den Roman so ausgiebig recherchiert, dass zumindest die von Bombenblitzen erhellte Topografie der "City of Secrets" kein Geheimnis bleibt.

Unermüdlich reiht er ein Attentat an das andere, sodass man über weite Strecken des Buches im Taxi von einem Anschlag zum nächsten fährt. Teils Psychogramm, teils Thriller, teils Action-Movie, ist der Roman aber einerseits zu vage und andererseits zu komplex. Brands Kombattanten bleiben, ebenso wie die Gegner, Schemen – Figuren ohne Charakter, Innenleben oder Kontur. Stewart O’Nan delegiert das gesamte Geheimnis seines Romans an die äußere Konstruktion eines ebenso gewichtigen wie schwer entwirrbaren Plots.

Stewart O’Nan: Stadt der Geheimnisse
Roman; aus dem Englischen von Thomas Gunkel; Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2018; 224 S., 20,– €, als E-Book 16,99 €