Eine S-Bahn jagt zwischen Gewächshäusern, Autogaragen und Einkaufszentren hindurch. Der letzte Schnee von den Bergspitzen blendet die Augen, im Nebenabteil fliegen vulgäre Worte hin und her. Und als die Fahrt am Bahnhof in Locarno zu Ende geht, findet der Erzähler, also der Schriftsteller Alberto Nessi, in der Kioskablage ein Buch über den perfekten Suizid.

Willkommen im Tessin. Willkommen in der Welt von Alberto Nessi. Wo nichts mehr ist, wie es früher einmal gewesen ist, wo alles so wird wie überall.

In seinem neuen Buch Svizzera Italiana nimmt der Tessiner Schriftsteller seine Leser mit auf 15 literarische Bahnfahrten. Auf eine Reise durch den literarischen Kosmos der italienischsprachigen Schweiz von Aline Valangin bis Anna Gnesa und Plinio Martini. Nessi tritt darin als Erzähler und Intellektueller auf, beschreibt schonungslos das Tessiner Anti-Idyll und begegnet wahren Personen, die die Geschichte der Täler mit ihren tiefen dunklen Schatten erzählen.

Da ist Giuseppe aus Mailand, der mit 700 Franken sein Glück im Casinò von Lugano versucht und in der Tasche ein Evangelium hat, im Kopf aber den italienischen Lyriker Salvatore Quasimodo, dessen Lamento per il sud er auswendig rezitiert.

Das Tessin ist eine einzige Stadt von Chiasso bis Biasca

Da sind die zeitgenössischen Autoren, über die Nessi in einer der Geschichten sinniert. Ihm kommen sie entwurzelt vor, desorientiert und verloren in den Städten. Nicht nur in Berlin, Zürich oder New York, sondern auch im Tessin. Trauer empfinde er keine, auch keine Nostalgie, "doch da ist ein Bedauern. Die Gesellschaft hat ein ungezügeltes Wachstum hinter sich. Die wilde Zersiedelung der Landschaft ist Ausdruck davon, die ästhetische Kakophonie, die Vulgarität im Alltag ebenso."

Wenn man Alberto Nessi an einem seiner Lieblingsorte, in einer Osteria in der Altstadt von Mendrisio, trifft, werden seine eigenen Wurzeln greifbar. "Ciao Alberto!", ruft man ihm aus den Winkeln und Gassen zu. Der Buchbinder, ein vorbeisausender Velofahrer, eine Passantin.

Hier, im südlichsten Zipfel der Schweiz, kam Alberto Nessi vor 78 Jahren zur Welt. Heute lebt er mit seiner Frau nur ein paar Kilometer weiter im 200-Einwohner-Dörfchen Bruzella im Muggiotal.

In keinem anderen Kanton der Schweiz sei so viel über die eigene Identität geschrieben worden wie im Tessin, schrieb einst der Historiker Georg Kreis. Nun geht Alberto Nessi auf eine solche Spurensuche, dreht die Steine um, unter denen Geschichte und Geschichten liegen.

Dass das 197 Seiten dünne Buch in einer Reihe über literarische Städte erschienen ist, erstaunt auf den ersten Blick. Für Nessi passt es. Das Tessin sei längst nämlich längst zu einer città diffusa, zu einer Bandstadt von Chiasso bis Biasca geworden; einer Stadt, in der Orte und Dörfer zusammengewachsen seien, der aber die urbane Kultur fehle.

Als Beispiel dafür kann man die Reise sehen, auf der es Nessi in seinem Buch nach Lugano verschlägt, ins Stadtquartier Besso und dort in die Bar Coyote Ugly. Auf riesigen Leinwänden laufen Trickfilme und Bierreklamen, laute Musik füllt den Raum, stumm starren die Gäste auf ihre Smartphones oder in die Gratiszeitung 20 minuti. Nessi erinnert sich an den Roman La disdetta von Anna Felder, in dem sie schildert, wie rasant sich Lugano in den 1960er-Jahren verändert hat. Wie alte Häuser abgebrochen wurden und Neubauten weichen mussten, bis das Zentrum nicht wiederzuerkennen war. Das Licht des Südens, schreibt Nessi, ist geblieben. Doch die Talböden sind verschandelt.

Neben dem Tessin als Stadt widmet sich Nessi der Peripherie. Eindringlich schildert er, wie die Bergtäler von Entvölkerung bedroht sind. Erzählt die Geschichten, die die Bungeejumper, denen er im Verzascatal begegnet, nicht kennen. Dass man dort, wo nun von Felsklippen gesprungen wird, einst einen See bauen wollte, so schön wie jener von Ascona. Stattdessen entstand der Verzasca-Stausee, ein trister Fjord, in dem ein Stück des alten Tessins versunken ist. Und mit ihm die Mahnung der Schriftstellerin und Lehrerin Anna Gnesa aus dem Verzascatal. Zwei Jahre vor dem Staudammbau warnte sie 1963: Elektrizität sei austauschbar, nicht aber die Jahrtausende alte Schönheit des Tals, das Spiel von Wasser, Grün und Steinen, das an den Anfang aller Zeiten erinnere.

Die Stimmen der Schriftsteller sind für Nessi untrennbar mit der Landschaft verbunden. "Landschaft, das ist Geografie, das ist Geschichte, das sind aber auch die Stimmen der Schriftsteller, die hier gewesen sind", sagt er. Kultur heiße auch, fähig zu sein, die Erinnerung wach zu halten an Autoren aus der Vergangenheit. "Sie drohen vergessen zu werden. An ihre Texte zu erinnern ist eine ethische Aufgabe für die Schriftsteller von heute."