Was ist die wichtigste Eigenschaft eines Mobilfunkvertrags? Das "Highspeed-Datenvolumen", mit dem der Anbieter so prominent wirbt? Die schöne "Allnet-Flat", mit der man in alle Netze so lange telefonieren kann, wie man will? Oder das neue Smartphone, das es für einen müden Euro spottgünstig dazugibt?

Nein. Das wahre Geheimnis eines neuen Mobilfunkvertrags verbirgt sich oft hinter einem kleinen Sternchen, das unschuldig neben dem Preis steht. Wer dem Symbol folgt, verfängt sich in einem klein geschriebenen Text aus Regeln und Bedingungen. Sie geben unter anderem Aufschluss darüber, wie lange der neue Vertrag mindestens läuft und wie schwer er sich kündigen lässt.

Ein gutes Beispiel ist die aktuelle Kampagne der Deutschen Telekom mit dem Slogan "Seid Alle #Dabei". Wer aufs Sternchen neben dem Lockpreis von 19,95 Euro für alle klickt, erfährt im Kleingedruckten unter anderem, dass damit eine Mindestvertragslaufzeit von 24 Monaten verbunden ist und die Preise nach ein paar Monaten sprunghaft steigen können. Es geht der Telekom offenbar nicht nur ums Dabeisein, sondern besonders ums Dabeibleiben.

Für die Verbraucher entpuppen sich Angebote dieser Art oft als Kostenfalle: Sie bleiben über Jahre im selben Tarif, weil sie den Wechsel scheuen, versäumen oder dabei Probleme erleben (ZEIT Nr. 12/19).

Justizministerin Katarina Barley (SPD) hat sich nun vorgenommen, solche Kostenfallen in Handy- und Stromverträgen zu beseitigen. Ein Eckpunktepapier ihres Ministeriums sieht unter anderem vor, dass Anbieter keine Verträge mehr anbieten dürfen, die länger als ein Jahr laufen. Kündigen Verbraucher solche Verträge nicht, können die sich zwar auch weiterhin automatisch verlängern – aber nur noch um höchstens drei Monate und nicht mehr um ein ganzes Jahr. Außerdem soll die Kündigungsfrist nur noch maximal einen Monat betragen, bisher sind es oft drei Monate. Kunden könnten sich also spontaner von einem Vertrag lossagen und zu einem anderen Anbieter wechseln. Das wäre gut für den Wettbewerb – und damit für den Verbraucher.

Barleys Pläne sind ein überfälliger Schritt in einer Zeit, in der technische Neuerungen die Angebote stetig verbessern und die Preise seit Jahren fallen. Sie passen in eine Zeit, in der es Verbraucher dank Netflix, Spotify und Co. gewohnt sind, Verträge monatlich per Klick kündigen zu können.

Wenn aus Barleys Vorhaben ein Gesetz wird, dann müssen die Verbraucher aber noch weiter umdenken. Das subventionierte Handy für einen Euro wird es womöglich nicht mehr geben, wenn der daran gekoppelte Vertrag nur noch ein Jahr lang laufen darf – einfach weil sich dieses Geschäftsmodell für die Anbieter dann weniger lohnt. Es kann auch sein, dass die kürzer laufenden Verträge etwas teurer sein werden als die Zweijahreskontrakte, die bisher üblich sind. Das zeigt die Erfahrung mit den monatlich kündbaren Tarifen, die Unternehmen jetzt auch schon anbieten, ohne sie groß zu bewerben; meist kosten sie ein paar Euro mehr. Doch es ist nicht zu befürchten, dass Verbraucher unterm Strich mehr bezahlen müssen – wenn sie nur bereit sind, die neue Freiheit zu nutzen und schneller und häufiger den Anbieter zu wechseln. So können sie Geld sparen, ohne sich lange zu binden; und Anbieter werden Druck verspüren, Preissenkungen auch an Bestandskunden weiterzugeben. Sich umzugewöhnen kann Nerven kosten, aber es wird sich lohnen.

Zumal die Vorschläge Verbraucher auch vor anderen Kostenfallen schützen sollen. Etwa bei Strom- und Gasverträgen, die ihnen heute vielfach am Telefon untergeschoben werden (ZEIT Nr. 51/18). Geht es nach Barley, soll es zukünftig eine sogenannte Bestätigungslösung geben: Bevor ein am Telefon vereinbarter Vertrag gültig wird, müssen Energieanbieter eine Bestätigung "in Textform" einholen – also etwa per Mail oder SMS. Das macht das Wechseln ein wenig umständlicher, doch es ist ein großer Fortschritt für die Verbraucher, die dann nicht mehr so leicht überrumpelt werden können.

Die Vorschläge von Barley sind zudem eine Ermutigung an die Verbraucher, sich zur Wehr zu setzen, wenn Firmen gegen Regeln verstoßen. Wer zum Beispiel am Telefon von einem Unternehmen behelligt wird, ohne dass er dessen Werbeanrufen je zugestimmt hat, kann sich darüber bei der Bundesnetzagentur beschweren. Im Jahr 2018 hat die Behörde 62.000 solcher Beschwerden erhalten – ein neuer Höchststand. Und offenbar ein Weckruf für die Justizministerin: Barley will, dass Unternehmen künftig nachweisen müssen, dass ein Verbraucher in Telefonwerbung eingewilligt hat. Das wird unerlaubten Werbeanrufen per Telefon sicher kein Ende bereiten, aber es könnte sie reduzieren. Und es zeigt: Sich beschweren hilft!