Lange nachdem die anderen das Feld verlassen haben, steht Franz Wagner in einer Sporthalle in Berlin in der Nähe des Checkpoint Charlie und flucht. Fuck. Kein Treffer, der Ball prallt vom Ring auf den Boden. Der nächste Wurf. Pass vom Trainer, Wagner fängt, springt ab, wirft. Drin. Seine Mitspieler sind schon in der Kabine, das Training ist vorbei. Wagner macht weiter, immer wieder von vorn: Pass, Sprung, Wurf, drin. Zwei, drei, vier nacheinander, wie von einem Magneten gesteuert fallen die Bälle in den Korb. Fünf, sechs, sieben.

Franz Wagner ist 17 Jahre alt, Basketballspieler bei Alba Berlin. Und wohl das größte Nachwuchstalent Deutschlands.

Es ist einer der letzten Tage im März, das Ende einer Woche, an deren Beginn Franz Wagner mit Alba Berlin ins Europapokal-Finale eingezogen ist. "Ich hoffe, dass wir das Ding gewinnen", sagt er. Er sitzt auf einer Holzbank am Rande der Trainingshalle. Das Ding, der EuroCup, so etwas wie die Europa League im Fußball, wäre der erste große internationale Pokal einer deutschen Basketballmannschaft seit fast 25 Jahren. Im ersten Spiel der Finalserie am Dienstag verlor Alba gegen den Gegner aus Valencia mit 75:89. Dass es jetzt überhaupt wieder so weit sein könnte, liegt auch an Franz Wagner – und an einem Versuch, der begann, als Wagner fünf Jahre alt war: Leistungs- und Breitensport gleichzeitig mit einem Jugendprogramm zu fördern.

Alba Berlin hat ein Sportangebot für Kinder und Jugendliche geschaffen, das einzigartig ist in Deutschland. Der Verein kooperiert mit staatlichen und privaten Bildungseinrichtungen, bietet seit Kurzem sogar einen Bachelorstudiengang an. Dahinter steht eine Idee, die bei vielen Profivereinen eine immer größere Rolle spielt: Kinder und Jugendliche, die eines Tages Profis sein könnten, durch Nachwuchsprogramme und -akademien von klein auf an sich zu binden. Die Vereine hoffen, sich dadurch teure Transfers zu ersparen, weil sie vergleichsweise günstig eigene Profis ausbilden. Die Talente wiederum erhalten die Möglichkeit, durch die Kooperation zwischen Clubs und Schulen Leistungssport und Ausbildung auf hohem Niveau zu verbinden.

Wenige Tage nach dem Finaleinzug sitzt Marco Baldi in einem Restaurant in Berlin-Mitte und guckt zufrieden. Baldi ist der Manager von Alba Berlin, seit knapp 30 Jahren leitet er den Verein und hat in dieser Zeit fast alles erlebt. Ende der 1990er-Jahre etwa gewann Alba sieben Meistertitel hintereinander. Das Team bestand damals zum großen Teil aus Spielern, die Alba selbst ausgebildet hatte. Doch dann kippte die Ausländerbegrenzung der Liga, mit einem Mal konnten die Vereine unbegrenzt Spieler aufstellen, für die es in ihrer Heimat nicht zum Profi gereicht hatte, die meisten von ihnen kamen aus den USA. Deutsche Jugendspieler hatten es schwerer, sich durchzusetzen, der Aufwand, sie auszubilden, lohnte sich kaum noch.

Auch Baldi verpflichtete mehrere US-Amerikaner, gleichzeitig rückten aus dem Nachwuchs kaum noch Talente nach. Die Erfolge von früher blieben aus. Es war zu dieser Zeit, kurz nach der Jahrtausendwende, als Baldi mit Henning Harnisch zusammensaß, einem ehemaligen Alba-Spieler und Basketball-Europameister. Das sei nicht mehr das Alba, das er kenne, sagte der, so erinnert sich Baldi. Und er, Baldi, antwortete, dann hilf uns, das zu ändern und mach mit. Harnisch machte mit. 2006 startete der Verein unter seiner Verantwortung ein radikal erneuertes Jugendprogramm.

"Wir wollten mit dem Programm etwas Nachhaltiges schaffen", sagt Baldi. Es sollte um mehr gehen als darum, das nächste Spiel zu gewinnen. Berlin habe wenig Geld, aber viele Menschen. Dieses Potenzial wollten sie nutzen. Den Kern des neuen Konzepts bildete eine simple Idee: Wenn die Kinder nicht zum Verein kommen, kommt der Verein eben zu den Kindern. Sie sollten dazu gebracht werden, Basketball zu spielen. Denn je präsenter der Sport in der Stadt, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder und Jugendliche ihn ausüben. Das Projekt hatte zunächst keinen direkten Nutzen für den Verein. Nur eine Hoffnung: "Durch die Masse sollten auch in der Spitze wieder Spieler ankommen", sagt Baldi.

Also begann Alba damit, seine Trainer an Schulen zu schicken. Die Basketball-AGs starteten erst an Grundschulen, dann an Oberschulen, mittlerweile kommen Alba-Trainer sogar in Kitas und leiten Bewegungsangebote. Gemeinsam mit Wohnungsbaugenossenschaften bietet der Verein in einkommensschwachen Bezirken Basketballtrainings an. Und er will künftig als freier Träger bei der Ganztagsbetreuung an Grundschulen mitwirken.