Das Jubiläum schreitet fort, und die Entzauberung des Bauhauses ebenso. Walter Gropius wurde in einer Biografie unlängst als architektonischer Cagliostro entlarvt, unbegabt, aber furchtlos und mit echtem Marketingtalent ausgestattet. Die Selbstidealisierung gehört zum Bauhaus, ebenso wie ihre Helden lange genug den weiblichen Anteil am späteren Erfolg verschwiegen. Das Jubiläumsjahr rückt manches zurecht.

In Weimar, wo das Bauhaus 1919 gegründet wurde, sind dessen Anfänge nun in einem neuen Museum zu betrachten. Ins genauere Licht tritt ein weltanschaulich irritierendes, künstlerisch teils überwältigendes Experiment der Moderne, ein jugendlicher Größenwahn, der sich nach Versuch und Irrtum in sehr zeitgeistigen Dingen und Bauwerken niederschlug, ein vieldeutiges Phänomen, das triumphal in die Welt hinaus wirkte und das kulturelle Bild Deutschlands bis heute mitprägt. Was das neue Museum nicht ist: die Apotheose des Bauhauses, die große nationale Ausstellung demokratischer deutscher Moderne, wie man sie vielleicht gerne hätte, von sämtlichen ideologischen Flecken gereinigt wie ein White Cube.

Seit 1995 geplant, ist der Bau fristgerecht und sogar innerhalb seines Finanzrahmens fertig geworden. Das ist für Bundesland und Stadt ein großer kulturpolitischer Erfolg. Gleichzeitig wurde die Renovierung des Neuen Museums abgeschlossen, das nun seine Dauerausstellung Van de Velde, Nietzsche und die Moderne zeigt, also in stil- und ideengeschichtlicher Perspektive auch die Vorgeschichte des Bauhauses sichtbar macht. Dessen Neuartigkeit hat sehr wohl mit seinem Ort zu tun, und dies zu belegen ist auch für den Ort wichtig. Zu Recht prognostizierte Hellmut Seemann, der scheidende Präsident der Klassik Stiftung Weimar: "Die intellektuelle Physiognomie dieser Stadt wird sich ändern."

Der Walrossbart als Markenzeichen – in Weimar wird auch sichtbar, wie prägend der Nietzsche-Kult für viele Bauhäusler war. © Thomas Müller/Klassik Stiftung Weimar

Weimar komplettiert mit den beiden Eröffnungen sein einzigartiges Netz von Gedenkstätten und Museen, den Bogen von der Reformations- bis in die Nachkriegszeit hinein spannend. Neben der Klassik bildet die klassische Moderne nun einen zweiten Schwerpunkt. Es gibt keinen anderen Platz, an dem die Aufschwünge und Abgründe der deutschen Kultur, ihre Irrwege und ihr Gelingendes so eindringlich und kompakt zu erfahren sind wie in dieser Stadt. Berlin mag seine Leuchttürme besitzen, wird dabei aber zur globalen Metropole. Weimar in Thüringen ist das Prunkstück des kulturellen Föderalismus in Deutschland.

Die Architektin Heike Hanada ist für den Bauhaus-Neubau verantwortlich, es ist ein strenger Kubus, intelligent in drei Geschosse aufgeteilt, dabei wenig sich selbst inszenierend. Viele neuere Museumsgebäude drängen sich vor die Ausstellung, dieses nicht. Die Weimarer Phase des Bauhauses endete 1925 mit seiner ersten Schließung. Die sechs Jahre setzten die Tradition der Kunstgewerbeschule am Ort fort, nach der Zäsur des Ersten Weltkriegs allerdings mit Nachdruck als Neuanfang markiert, wenngleich aus geistiger Not. Es war die Ratlosigkeit der Zeit, die eine Unzahl neuer Ideen hervortrieb, darunter auch krause.

Die museale Präsentation bündelt nun thematisch: Sie hebt die Fantasien um den Neuen Menschen hervor, das gemeinschaftliche Experiment als neues Normalverhalten, aber auch die Vorstellungen, wie das Leben in einer nun als modern sich verstehenden Industriegesellschaft zu standardisieren sei. So bilden die Interieurs der Zwanziger einen weiteren Schwerpunkt. Teils werden die Einrichtungen des 1923 zu Werbezwecken präsentierten Hauses Am Horn rekonstruiert.

Den Theaterexperimenten des Bauhauses wird Aufmerksamkeit zuteil, auch den Versuchen, die neueste Technik wie Fotografie oder Film mit ziemlich alten Vorstellungen von Handwerk, Gemeinschaft und Genialität zu verschmelzen. Manches sieht im Rückblick nach Werkunterricht und Spielkreis aus, und vielen, die ein feierliches, ja normatives Bild vom Bauhaus mitbringen, wird so viel Vorläufigkeit missfallen.