DIE ZEIT: Abend für Abend stehen Sie allein auf riesigen Bühnen und monologisieren über Europa. Wie nennen Sie das, was Sie da machen?

Bernard-Henri Lévy: Ich glaube, es ist Theater.

ZEIT: Der Philosoph als Theaterautor und Schauspieler. Ist das Modell dafür noch immer Jean-Paul Sartre, über den Sie ein Buch geschrieben haben?

Lévy: Die Philosophie des Engagements war von Anfang an mein Lebensmodus, meine manière d’être. Sartre bleibt mein Modell.

ZEIT: Der Philosoph, der von der Bühne herab eine politische Botschaft verkündet, ist inzwischen ein wenig aus der Mode gekommen.

Lévy: Das Theater überlebt seit 25 Jahrhunderten, warum sollte es vierzig Jahre nach Sartres Tod plötzlich altmodisch werden?

ZEIT: Sie touren wie einer der barfüßigen Wanderprediger der 1920er-Jahre durch die Lande und warnen die Leute vor dem nahen Untergang der westlichen Welt.

Lévy: Ein Prediger bin ich auf keinen Fall. Für mich ist Engagement nicht nur eine Sache von Ideen. Es ist auch eine Sache des Körpers. Als ich die Kurden verteidigen wollte, bin ich zu ihnen gefahren. Als ich die Aufständischen in Sarajewo verteidigt habe, bin ich zu ihnen gefahren. Jetzt habe ich einen Text geschrieben, und wenn ich will, dass dieser Text absolut wahr und aufrichtig rüberkommt, muss ich ihn selbst sprechen.

ZEIT: Das heißt, Sie spielen gar nicht?

Lévy: Ich spiele vielleicht ein bisschen, aber vollkommen aufrichtig. Ich spiele vor riesigen Sälen, in Amsterdam waren es 1500 Leute, in Madrid auch 1500, in Mailand 2000. Die Stimme muss tragen.

ZEIT: Wer ist dieser Typ, der da spricht?

Lévy: Ein französischer Schriftsteller, der die Tragödien der letzten fünfzig Jahre durchlebt hat, vor allem die Bombardierung Bosniens. Er hat unheilbare Verletzungen. Er denkt, dass es fünf vor zwölf ist und dass sein Haus, dass Europa um Mitternacht in Flammen aufgeht.

ZEIT: Glauben Sie das ernsthaft?

Lévy: Europa wird auseinanderfallen, sogar der Euro wird verschwinden, wenn wir nichts tun.

ZEIT: Schuld daran sind in Ihrem Stück die linken und rechten Populisten. Sie zählen aber auch die Gelbwesten zu den Totengräbern Europas.

Lévy: Auch soziale Bewegungen sind vor dem Faschismus nicht gefeit. Viele der Forderungen der Gelbwesten ähneln dem Programm von Marine Le Pen.

ZEIT: Welche?

Lévy: Der Hass gegen die Republik, die Abkehr von der repräsentativen Demokratie, die Idee, zum Élysée-Palast zu ziehen, um den Präsidenten der Republik herauszufordern. Wenn der Front National so etwas täte, würden alle aufschreien.

ZEIT: Wenn Europa heute kurz vor dem Untergang stehen soll, wann ging es ihm denn dann gut?

Lévy: Zum Beispiel unter Kohl und Mitterrand. Damals war man bereit, einen Preis für das langfristige Wohlergehen Europas zu zahlen und dafür auf kurzfristige nationale Vorteile zu verzichten.

ZEIT: Kohl und Mitterrand sind Ihr europäisches Traumpaar?

Lévy: Wenn Sie Helmut Kohl mit Madame Krampe-Ka... Ka...

ZEIT: Nur Mut!

Lévy: ... mit Madame Kramp-Karrenbauer vergleichen, muss ich sagen, dass wir große Rückschritte gemacht haben. Ich habe ihre Antwort auf den Brief von Macron gelesen, ich sehe, dass ihrer Partei die europäische Hoffnung mehr und mehr zur Last wird. Die Großzügigkeit der Kohl-Jahre ist nirgends mehr zu erkennen.

ZEIT: Woran liegt das?

Lévy: Die rechten und linken Populisten üben einen ungeheuren Druck auf die politische Klasse aus. In Frankreich biedert man sich den Gelbwesten an, in Deutschland der AfD. Die politische Klasse hat Angst, ihre Werte zu verteidigen.