ZEIT: Träumen Sie von einem lateinischen Imperium unter romanischer Führung, wie es der russisch-französische Philosoph Alexandre Kojève nach dem Zweiten Weltkrieg entworfen hat?

Lévy: Ich war es, der den Text von Kojève über das lateinische Imperium zum ersten Mal publiziert hat. Das Interessante daran ist die Idee, die Gewichte in Europa wieder in Richtung Griechenland, Italien und zur lateinischen Welt hin auszubalancieren. Aber der Text von Kojève ist rätselhaft und sicher kein Modell. Das Großartige an der Europäischen Union ist ja gerade, dass es absolut kein historisches Vorbild für sie gibt.

ZEIT: Sie polemisieren in Ihrem Stück gegen die Brüsseler Bürokratie "ohne Seele und ohne Geist".

Lévy: Die Brüsseler Institutionen haben keine Aufgabe, kein Mandat, kein Charisma. Europa braucht aber Gesichter und keine Funktionäre.

ZEIT: Haben Sie den Roman Serotonin von Michel Houellebecq gelesen, in dem er sich über die Brüsseler Bürokraten mokiert, die den aufrechten französischen Milchbauern den Garaus machen?

Lévy: Ich bin absolut anderer Meinung. Houellebecq hat Angst, dass Frankreich zu einem Museum wird, das von Chinesen und Russen besucht wird. Aber man kann die Globalisierung nicht aufhalten, man muss sie gestalten.

ZEIT: Welche zeitgenössischen europäischen Autoren und Autorinnen lesen Sie?

Lévy: Die 29 Autoren, die mit mir den Aufruf für Europa unterzeichnet haben. Unter den deutschsprachigen sind das Peter Schneider, Hans Christoph Buch, Herta Müller und Robert Menasse. Die deutsche Presse kann ich nicht lesen, ich habe da meine sprachlichen Grenzen.

ZEIT: Das Gespräch zwischen den europäischen Intellektuellen ist nicht verstummt?

Lévy: Es geht nicht nur um Austausch, das macht schon das Erasmus-Programm. Es geht darum, die Welt gleichzeitig von Berlin, von Mailand, von Paris und von Madrid aus zu betrachten. Es geht um die Gleichzeitigkeit der Perspektiven wie in den Romanen von Sartre und Dos Passos. Russland sieht anders aus, je nachdem, ob man es von Kiew, von Vilnius oder von Athen aus betrachtet.

ZEIT: Sie vergleichen die gegenwärtige Europa-Politik mit der zur Zeit des Münchner Abkommens, als die europäischen Mächte hofften, Hitler zu besänftigen, indem sie die Annexion der Tschechoslowakei duldeten.

Lévy: Wenn man die Annexion der Krim akzeptiert, akzeptiert man dann als Nächstes die Annexion des Donbass und dann die der baltischen Staaten? Europa hat Angst vor Putin. Es kauft ihm seine Geschichte, dass er sich nur verteidigen will, viel zu bereitwillig ab.

ZEIT: Statt was zu tun?

Lévy: Statt die Kurden zu unterstützen und die letzten demokratischen, freien Syrer.

ZEIT: Und unterstützen heißt ...

Lévy: Waffen liefern, den Luftraum sichern oder zumindest damit drohen.

ZEIT: Am Ende Ihres Stückes rufen Sie eine Menge berühmter Männer auf, die Ihr ideales Europa führen sollen. Albert Camus soll für die Revolte zuständig sein, Sigmund Freud für die Hypnose, Michel Houellebecq für die Tierrechte und Federico Fellini für die Frauenrechte. Jorge Semprún soll die Verteidigung übernehmen, Denis Diderot die Bildung, George Soros die Finanzen und Henri Michaux das Gesundheitswesen. Das ist ein ziemlich erlesenes Kulturpatriarchat.

Lévy:(durchsucht den Text in seinem Handy) Und Mutter Teresa, Melina Mercouri, Penélope Cruz, Anne Frank. Es gibt schon auch ein paar Frauen.

ZEIT: Werden Sie sich irgendwann zurückziehen und in aller Ruhe nur noch Bücher schreiben?

Lévy: Nein, ich mache weiter.

ZEIT: Lieber auf offener Bühne sterben als im stillen Kämmerlein?

Lévy: Ich sterbe noch nicht. Das heißt, ich weiß schon, dass ich eines Tages sterben werde. Aber Sterben steht jetzt noch nicht auf dem Programm. Die Leute, die sich zurückziehen, für die steht Sterben auf dem Programm. Ich mache es wie Sartre, alles gleichzeitig, leben und schreiben, tagsüber politisch aktiv sein, nachts am großen Flaubert-Buch weiterarbeiten.

ZEIT: Und was ist Ihr Programm für die Nacht?

Lévy: Dante und Thomas Bernhard. Und mein Europa-Stück, dieses verrückte Palimpsest. Nacht für Nacht sitze ich irgendwo allein in einem Hotelzimmer und schreibe weiter an meinem Stück.