Es ist etwas Besonderes, nach vielen Jahren als Kinokritikerin einer Geschichte zu begegnen, die man so noch nicht gesehen hat. Und das liegt nicht nur daran, dass es in unseren Breitengraden wenig Interesse für Trolle, ihre Gefühle, ihre Geschlechtsorgane und ihren Sex gibt.

Border (Schwedisch: Gräns) heißt der in Cannes gefeierte und von Schweden für den Oscar nominierte Film. Gedreht hat ihn der aus dem Iran stammende Regisseur Ali Abbasi. Seine Heldin Tina wirkt zunächst einmal: anders. Die stämmige Frau mit den eher groben Gesichtszügen arbeitet als Zollbeamtin im Hafengebäude der Fähre zwischen Dänemark und Schweden. Da steht sie etwas verloren mit ihrer spülwasserfarbenen Uniform im Gang für Nichts-zu-Verzollen. Tina hat eine einzigartige Gabe: Sie kann menschliche Gefühle riechen. Schon auf eine Entfernung von einigen Metern wittert sie Scham, Schuld, Angst, Aufregung, erspürt, ob ein Passagier etwas schmuggeln will. Im harmloseren Fall ein paar Flaschen Schnaps, im schlimmsten Fall eine SIM-Karte mit kinderpornografischen Bildern.

Eines Tages fällt der Zollbeamtin bei einer Kontrolle ein Rock-n’-Roll-hafter Typ mit Lederjacke auf: Er ist genauso stämmig wie sie und hat ähnliche Gesichtszüge. In seinem Gepäck befindet sich eine Brutvorrichtung für Insektenlarven. Vore, so heißt er, ist ein Troll, und Tina wird sich in ihm selbst erkennen. Was nun beginnt, ist die Liebesgeschichte zweier Wesen, die sich der Andersartigkeit erwehren, die man in ihnen sieht. Und es ist die Geschichte von Tina, die ihren Weg finden muss zwischen Menschen, Trollen und einem neuen Gefühl für sich und den eigenen Körper.

Natürlich fragt man sich, weshalb ein in Teheran geborener und aufgewachsener Regisseur, der in Dänemark die Filmschule besuchte, einen schwedischen Film über Trolle gedreht hat. Besser: Wir rufen Ali Abbasi über Skype in Stockholm an und fragen ihn selbst, wie ein Iraner auf Trolle verfällt.

Während unserer Unterhaltung lässt Abbasi die Kamera seines Computers ausgeschaltet. Er habe gerade eine kleine Operation hinter sich, erzählt er freimütig: Seine Nase sei ihm angesichts all der wohlgeformten Schauspielernasen in Cannes zu groß erschienen. Womit wir mittendrin im Thema seines Films wären. Auch die Trolle in Border haben einen chirurgischen Eingriff hinter sich, von dem nur noch eine Narbe über dem Steißbein zeugt. Als Kindern wurden ihnen ihre haarigen Schwänzchen entfernt, um der menschlichen Norm zu entsprechen. Nein, sagt Abbasi, in seinem Film spiegele sich nicht die Minderheitenerfahrung eines Fremden im hohen Norden: "Nur weil ich aus dem Mittleren Osten stamme und hier lebe, heißt das noch nicht, dass ich marginalisiert bin." In Border sei es ihm um etwas ganz anderes gegangen: "Wir leben im Zeitalter der Identitätspolitik. Und natürlich kann ich meine Herkunft nicht ändern. Aber für mich ist Identität etwas Fließendes, genauso wie Gruppenzugehörigkeiten, politische oder sexuelle Orientierungen."

Mit Abbasis Heldin begeben wir uns auf eine Entdeckungsreise. Sie beginnt bei Tinas Selbstbild, einem auf den ersten Blick hässlichen Wesen mit vorstehenden Zähnen, pockiger Gesichtshaut und flaumbedecktem Körper. Abbasis präzise kadrierte Bilder hinterfragen die Wirkung dieser Körperlichkeit. Seine Kamera folgt Tina in ihr Leben, in ihr Häuschen im Wald und in ihren Alltag, offenbart eine einsame empfindsame Seele. Sie zeigt Tinas asexuelle Beziehung mit einem Typen, der sich mehr für seine Hunde interessiert als für sie. Immer vertrauter wird uns dieses von sich selbst befremdete Wesen. Als Tina Vore, den Troll, kennenlernt, steht plötzlich etwas ganz anderes im Raum: Seelenverwandtschaft, überwältigende Verbundenheit. Und Glück. Wir erleben: Troll-Sex ist schön und explosiv. Es ist die Frau, die dabei eine Art Penis ausfährt. Dieser Sex findet mit Vorliebe in grünen, dampfenden Wäldern statt, zwischen rieselnden Bächen und moosbewachsenen Bäumen. Danach werden Insektenlarven aus der Baumrinde herausgepult und ekstatisch aufgegessen. "Tina will zu jemandem gehören", sagt Abbasi. "Oder zu etwas. Als sie herausfindet, dass sie ein Troll ist, denkt sie, dies sei nun die Befreiung. Aber das trifft eben nicht zu. Und so erschafft sie sich eine Art dritte Identität." Oder auch eine vierte. Auch was Elternschaft betrifft, hält die Troll-Existenz interessante Varianten bereit.

Der Film durchläuft mindestens so viele Transformationen wie seine Heldin. Border ist ein Liebesdrama. Ein Polizeithriller über die Verbrechen, die Tina mit ihrem untrüglichen Gespür aufdeckt und die sie in die Abgründe des Menschseins führen. Es ist ein Film über den Guerillakampf einer Minderheit gegen eine Mehrheit: Tina muss erfahren, dass ihre Eltern in die Psychiatrie gesteckt wurden und dort umkamen. Dass sie eines von vielen Troll-Kindern ist, die von Menschen adoptiert wurden. Und dass Vore, ihr Troll-Geliebter, einen terroristischen Rachefeldzug gegen die Menschengesellschaft führt.

Ein Film, womöglich weiser als sein Regisseur

Border hat auch eine politische Pointe: Eine Troll-Frau bewacht die Grenze eines Landes, einer Gesellschaft, die sie letztlich ihrer Identität beraubt hat. Aber die Ästhetik des Films führt weiter, in parabelhafte, mystische Gefilde. Aus fast philosophischer Distanz blickt die Kamera auf Trolle, Menschen, Wälder. Auch auf den riesigen Elch, der eines Nachts völlig unvermittelt vor Tinas Haus erscheint und mit der ewigen Geduld des Tieres in die Kamera glotzt. "Ich habe diesen Film wahrscheinlich so gedreht wie David Lean Lawrence von Arabien", sagt Ali Abbasi. "Lean wusste nichts über die Wüste, und gerade deshalb fand er die Essenz einer Landschaft und einer Lebensform. Er war genau der qualifizierte Tourist, der ich in Skandinavien bin. Gerade weil ich in einem sehr trockenen Land aufwuchs, ist die nordische Natur für mich mystisch. So wie die Wüste für David Lean."

Es mag indiskret erscheinen, aber journalistisch gesehen kommt man gar nicht umhin, Ali Abbasi doch noch auf seine Nasenoperation anzusprechen: Schließlich hat er einen Film gedreht, der körperliche Normen auf nie gesehene Weise über den Haufen wirft. Er nimmt es mit Humor. Womöglich sei sein Film weiser als er selbst, sagt Abbasi. "Vielleicht hat meine Nase etwas verloren. Und vielleicht werde ich, falls ich mit einem anderen Film noch mal nach Cannes eingeladen werde, jenseits aller Nasenfragen zu meinen Wurzeln finden."