DIE ZEIT: Herr Palmer, in vielen deutschen Städten demonstrieren Menschen für die Enteignung von Wohnungskonzernen. Finden Sie das richtig?

Boris Palmer: Ich kann es nachvollziehen. Ich bin Oberbürgermeister in Tübingen, in meiner Sprechstunde gibt es kein Thema, das die Menschen so sehr beschäftigt wie die Wohnungsproblematik. Die Leute sind verzweifelt.

ZEIT: Ökonomen sagen: Mit Enteignungen vertreibt man genau die Investoren, die man dringend braucht, um mehr Wohnungen zu bauen.

Palmer: Das Problem ist doch gerade, dass es zu viele Investoren gibt. Sie überbieten sich gegenseitig und treiben so die Preise immer weiter in die Höhe. Bei uns in Tübingen haben wir für jedes Grundstück zehn Investoren. Die wissen nicht, wohin mit dem billigen Geld, andere Anlagen finden sich nicht, weil es derzeit kaum mehr Zinsen gibt. Also investieren sie in Immobilien. Auf diese Leute kann ich gern verzichten. Wir brauchen die hier nicht. Investitionen ja – aber nur zu den Bedingungen der Stadt.

ZEIT: Wer baut dann bei Ihnen?

Palmer: Gerade hat die auf nachhaltige Projekte spezialisierte Umweltbank bei uns 160 Sozialwohnungen gebaut. Es geht also. Wir haben ein Programm gegen die Wohnungsnot gestartet. Seit 2014 gilt: Wenn neue Baugebiete ausgewiesen werden, kaufen wir als Stadt zunächst alle Grundstücke auf. Dann legen wir einen fairen Preis fest, zu dem wir sie weiterverkaufen. Ein Investor kann sich die Baufläche also nicht mehr dadurch sichern, dass er das meiste Geld auf den Tisch legt.

ZEIT: Wie dann?

Palmer: Wir schauen uns ganz genau an, was ein Kaufinteressent mit dem Grundstück vorhat. Wir fordern zum Beispiel, dass 90 Prozent des neu geschaffenen Wohnraums preisgebunden sind. Das heißt: Die Mieten dürfen nicht über eine bestimmte Obergrenze steigen. Und ein Drittel müssen Sozialwohnungen sein. Nur wer diese Anforderungen erfüllt, bekommt den Zuschlag.

ZEIT: Viele Investoren sagen: Bauen ist so teuer geworden, dass sich ein derart hoher Anteil an Sozialwohnungen überhaupt nicht rechnet.

Palmer: Das stimmt nur, wenn man die hohen Grundstückspreise als gottgegeben hinnimmt. Wir aber sorgen dafür, dass die Grundstücke günstig sind. Dann rechnet sich ein Projekt auch bei niedrigen Mieten. Wir müssen die Spirale aus steigenden Preisen und steigenden Mieten durchbrechen. Das geht nur, wenn der Staat eingreift.

ZEIT: Der Staat macht das Bauen aber auch teurer, zum Beispiel durch strenge Vorschriften bei der Wärmedämmung.

Palmer: Dieses Argument ist ein Täuschungsmanöver der Investoren. In Tübingen wird der Verkaufspreis eines Hauses oder einer Wohnung nur etwa zur Hälfe durch die Baukosten bestimmt, also zum Beispiel durch die Ausgaben für Baumaterialien oder die Löhne der Architekten und Handwerker.