Garabet Nasri fährt durch Rakka. © Daniel Etter

Er vergisst immer mehr. Manchmal geht er aus dem Haus, setzt sich in seinen Transporter, von dem man sich wundert, dass er überhaupt noch fährt, scheppert durch die staubigen Straßen von Rakka in Richtung seiner Werkstatt und merkt irgendwann, dass er sich in der Trümmerlandschaft verloren hat. Vor den Ereignissen, sagt Garabet Ilias Nasri, seien die Augen besser gewesen und er habe für drei junge Männer arbeiten können. Heute sitzt er, 72 Jahre alt, meist auf einem der Metallhocker auf der matschigen, ölgetränkten Straße vor der Werkstatt, trinkt Tee und lässt seinen Mitarbeiter Autos zusammenschweißen, welche die Arbeit nicht wert scheinen. Die Ereignisse haben Garabet gebrochen, und es ist, als hätten sie ihm die Worte geraubt, sie zu beschreiben.

Es war ein Tag im Herbst des Jahres 2016. Der orange Anzug, den der Islamische Staat den Todgeweihten vorbehielt, lag wie eine Drohung vor ihm in der Zelle. So viel weiß er noch. Seine Exekution sollte am nächsten Tag stattfinden. Konvertiere – und wir lassen dich frei, hieß es. Aber Garabet wollte standhaft sein, wollte seinen Glauben nicht verleugnen. Also bereitete er sich auf seinen Tod vor.

Nicht weit entfernt hatte sich der Tunesier, der sich Abu al-Fida nannte, bei Garabets Frau Rosa Nasri angekündigt. Als sie hörte, dass Abu al-Fida auf dem Weg war, habe sie die Kreuze und Ikonen in ihrer Wohnung versteckt.

Abu al-Fida war Herrscher über die Christen in der Hierarchie des Islamischen Staates in Rakka. Sein Name ist Arabisch für "Vater der Erlösung". Es war der Alias, unter dem ihn die Christen in der Stadt kannten. Er gab sich gütig und Rosa die Hoffnung, dass sie ihren Mann lebendig wiedersehen würde. Nur eine Bedingung: Sie solle Garabet dazu bewegen, zu konvertieren, dann würde er überleben. Sie könne eine Nachricht auf Band sprechen, die Abu al-Fida ihrem Mann übergeben wolle.

Konvertiere – und wir lassen dich frei, hieß es. Aber Garabet wollte standhaft sein, wollte seinen Glauben nicht verleugnen. Also bereitete er sich auf seinen Tod vor.

Der Dieselofen in ihrem Wohnzimmer heizt zischend gegen die Kälte an. Die Kreuze und Ikonen hängen wieder. Seit Garabet sich auf seinen Tod vorbereitete, sind zwei Jahre vergangen. Seine und Rosas Wohnung liegt im Erdgeschoss eines Hauses, das mit Einschusslöchern übersät ist. In der ersten Etage klafft ein Loch, wo einst eine Wand war. Aus dem Balkon im zweiten Stock hängt eine verkohlte Wolldecke. Sie muss dort seit mehr als einem Jahr liegen. Die Wohnung im dritten Stock, in die nach der Befreiung wieder eine Familie einzog, ist notdürftig mit Betonziegeln geflickt. Niemand traut sich in die Wohnungen in der ersten und zweiten Etage hinein, sagt Rosa. Zu groß ist die Angst, dass die Kämpfer des Islamischen Staates sie vor ihrem Abzug vermint haben.

Staub legt sich über die Trümmer der Stadt

Draußen legt sich der Staub über die Trümmer der Stadt, deren Name die Welt in Furcht versetzt hat. Rakka war für vier Jahre De-facto-Hauptstadt des Islamischen Staates. Die Stadt war dafür berüchtigt, dass in den Straßen schwarz maskierte Kämpfer patrouillierten, die jeden Regelbruch gegen ihr Moralverständnis hart bestraften, die auf den Plätzen der Stadt Menschen exekutierten und ihre Köpfe auf Zäunen aufspießten. Rakka war stadtgewordener Terror.

Das, was man hier als die Ereignisse bezeichnet, begann vor mehr als acht Jahren. Damals, Anfang 2011, lehnten sich die ersten Menschen in Syrien gegen eine Regierung auf, die sie vernachlässigte und unterdrückte. Die Proteste nahmen im Norden des Landes ihren Anfang und erfassten viele der ländlichen Gebiete. Präsident Baschar al-Assad ließ sie brutal niederschlagen. Desertierte Offiziere, die nicht gegen die Demonstranten vorgehen wollten, organisierten sich zur Freien Syrischen Armee. Anders als ihr Name es vermuten lässt, war sie mehr als ein loser Zusammenschluss verschiedener bewaffneter Gruppierungen ohne zentrale Hierarchie. Spätestens im folgenden Jahr war die Situation zu einem Bürgerkrieg eskaliert. Damals gründeten Mitglieder von Al-Kaida und dem Islamischen Staat im Irak mit Jabhat al-Nusra eine der ersten radikalislamischen Gruppierungen in den Reihen der Opposition gegen Assad.

In Syrien lebt eine der ältesten christlichen Gemeinden der Welt. In der antiken syrischen Stadt Antiochien nannten sich die Anhänger Jesu zum ersten Mal Christen. Vor den Ereignissen lebten geschätzt 2,5 Millionen von ihnen im Land. Seitdem sind zwischen 300.000 und 800.000 geflohen. Genaue Zahlen gibt es nicht. In Rakka war die Zäsur besonders tief. Bevor der Islamische Staat kam, lebten hier 2000 Christen, heute sind es vielleicht noch ein Dutzend Versprengte. Garabet und Rosa sind unter ihnen. Sie gehören zu den wenigen, welche die Stadt nie verlassen haben. Nicht weil sie nicht wollten, sondern weil sie nicht konnten.

Im März 2013 nahmen die Rebellen Rakka ein, die Stadt, in der Garabet aufwuchs und die immer seine Heimat war. Für einen fliehenden Moment gab es die Hoffnung, sie könnte zu einem Vorbild für ein demokratisches Syrien nach Assad werden. Junge Menschen organisierten sich und gründeten zivile Selbstverwaltungen. Aber es herrschte Anarchie, und keine Gruppierung schaffte es, die Stadt unter Kontrolle zu bringen. Die Rebelleneinheiten waren zu zerklüftet und die Zivilisten zu schwach. Dann kamen die Männer mit den schwarzen Masken und füllten das Vakuum.