Siri Hustvedt ist eine renommierte, international erfolgreiche Schriftstellerin – und ein bisschen mehr. Sie ist, was man einen Literaturstar nennt. Sie hat Glamour, ein profiliertes Image und nicht zuletzt eine biografische Legende. Die erzählt von einer Schriftstellerin, die aus dem Schatten ihres ebenfalls schreibenden Ehemannes so weit und so deutlich herausgetreten ist, dass es mitunter wirkt, als stehe der amerikanische Literaturstar Paul Auster nun mit einem Bein im Schatten seiner Gattin Siri Hustvedt.

Nach eigenem Bekunden hat sie derlei Privatanekdoten reichlich satt, und es stimmt natürlich: Mit dem ästhetischen Rang ihres Werks haben sie, streng puristisch betrachtet, nichts zu tun. Genauso stimmt aber, dass sich der kommunikative Raum, den die Literatur einnimmt, noch nie allein gedruckten Worten verdankte, sondern auch ihrem Drumherum, ihrem gesellschaftlichen Schauspiel samt Prominenz. Und Stars wie Siri Hustvedt füllen nun mal Theatersäle. Das als Unterhaltungsevent abzutun wäre ein Fehler. Der Starauftritt repräsentiert die Literatur als mobilisierende Veranstaltung, die Besucherzahlen der Leipziger Buchmesse wie der lit.Cologne sprechen für sich. Und diese Repräsentanz kommt letzten Endes jeder Lesung im Bibliotheksraum einer Kleinstadt zugute.

Nun ist es aber so, dass sich Literaturstars von Filmstars, Musikstars oder Showstars insofern unterscheiden, als ihre Kerndisziplin das Dichten und Denken ist. Zu Recht nimmt die Mitwelt an, in ihrem Kopf gehe es außerordentlich rege und interessant zu, was auf Siri Hustvedt zweifellos zutrifft. Sie hat nicht nur eine Reihe beachtlicher Romane verfasst, sondern sich tief in die Wissenschaft der Neurologie und der Psychoanalyse, in die Geschlechtertheorie und die Kunstgeschichte eingearbeitet. Sie hält weltweit Vorträge, deren Reiz im Cross-over all dieser Wissensgebiete besteht. Soeben ist gleichzeitig mit dem neuen Roman auch ein umfangreicher Sammelband mit Essays auf Deutsch erschienen, Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen (Essays über Kunst, Geschlecht und Geist; aus dem Englischen von Uli Aumüller und Grete Osterwald; Rowohlt Verlag, Hamburg 2019; 528 S., 26,– €).

Was Siri Hustvedt denkt, hat Gewicht. Und sie ist beileibe nicht der erste und einzige Literaturstar, welcher der verführerischen Annahme erliegt, jeder seiner Gedanken sei gleichermaßen gewichtig und wert, zum Ausdruck gebracht zu werden. Genau das aber ist im neuen Roman der seit Langem in New York lebenden, 1955 als Kind norwegischer Einwanderer in Northfield geborenen Schriftstellerin geschehen. Es herrscht in ihm ein verstörendes Klima, und es lässt sich nicht verschweigen: Es handelt sich dabei um die heiße Luft eines speziell weiblichen Narzissmus.

Der deutsche Titel lautet Damals. Der englische Memories of the Future ("Erinnerungen an die Zukunft") lässt das Gewebe der Zeitschichten besser erahnen. Erzählerin ist eine S.H. genannte Frau Mitte sechzig, Siri Hustvedt selbst also und doch nicht, sondern eine fiktionale Figur. Diese S.H. blickt auf das Jahr 1979 und auf die 23-jährige Frau zurück, die sie damals war: ein Mensch im Aufbruchsmodus, ein Wesen auf der Suche nach allem, nach Geist und Erotik, nach Abenteuern und nicht zuletzt nach dem eigenen Schreiben. Aus der amerikanischen Provinz stammend – deshalb ihr Spitzname "Minnesota" –, ist sie nach New York gekommen, bewohnt ein heruntergekommenes Apartment an der Upper West Side, lebt von der Hand in den Mund, gelegentlich auch von einem Bagel aus der Mülltonne, und hat sich ein Jahr Zeit genommen, um an einem Detektivroman zu schreiben, bevor sie an der Columbia University Literatur studieren wird. So weit gleicht das Setting aufs Haar dem von Hustvedts Debüt Die unsichtbare Frau, erschienen 1992. Von diesem unterscheidet sich Damals jedoch wie der Bungalow vom Palast. Denn hier stecken gleich mehrere Bücher in einem.

Erstens klassische Memoiren, die den Frühling eines intellektuellen Frauenlebens an dessen herbstlicher Reife abgleichen. Zweitens Passagen des Detektivromans, mit dem die junge S.H. kämpft. Sein Held heißt Ian und eifert einem gewissen Sherlock Holmes nach, einer Romanfigur mit den Initialen S. H. also. Er geht mit einer jungen Frau namens Isadora auf Verbrecherjagd, einer Art weiblichem Watson. Drittens das Tagebuch, welches die Erzählerin 1978/79 führte und das sie vier Jahrzehnte später bei ihrer betagten Mutter findet, als diese ins Altenheim umzieht. Und viertens ein Text, der sich als Abhörprotokoll bezeichnen ließe. Aus dem New Yorker Nachbarapartment dringen die gespenstischen Monologe einer offenbar neurotischen Frau an das Ohr von S.H. Sie heißt Lucy Bride. Mal schreit und wütet, mal klagt, lamentiert und jammert Lucy. Das dadaistische Hörspiel zieht S.H. so in seinen Bann, dass sie sich ein Stethoskop besorgt und nächtelang damit vor der Zimmerwand liegt. Immer wieder ist in Lucys Selbstgesprächen von einem toten Mädchen die Rede. Ist es ihr eigenes? Geht es um einen Mord? Um einen Suizid? Ist der Detektivroman Realität geworden, oder lenkt die Realität den Gang der Detektivgeschichte? Sicher ist, dass wir uns hier in einem Erzählwerk von hoher texttheoretischer Ambition befinden.