Wenn Tilo Wesche sich als Philosoph darum sorgt, dass die fast religiöse Wertschätzung des privaten Eigentums auf Kosten der Demokratie und der Natur geht, dann möchte ich als Soziologe entgegnen: Das Eigentum kann Freiheit erst ermöglichen, wenn das Erbrecht als ein Schlüssel zur Gleichheit dafür sorgt, dass diese Freiheit nicht nur von wenigen an wenige vererbt wird. Wesche stellt zu Recht fest, dass die Eigentumsfrage in Vergessenheit geriet, aber bemerkenswert ist auch, dass das Erbrecht als politisches Instrument der Eigentumsverteilung heute fast unsichtbar ist – auch in Wesches Essay taucht es kaum auf.

Dabei ist für einen Zeitraum von ungefähr 150 Jahren das Erbrecht sowohl von Konservativen als auch von Liberalen und Sozialisten als zentrale Stellschraube gesellschaftspolitischer Reformen wahrgenommen worden. Was aus heutiger Perspektive fast unvorstellbar erscheint, war für die Zeitgenossen zwischen 1791 – als der Graf Mirabeau das Erbrecht als "Quell der Ungleichheit und des Unfriedens" auf die Agenda der Französischen Revolution setzte – und dem frühen 20. Jahrhundert eine Selbstverständlichkeit: Erbrecht steht im Zentrum politischer Konflikte. Es geht ja nicht nur um Freiheit, sondern um Macht.

Die Herrschaft des Adels konnte sich – nicht nur im feudalen Frankreich – lange über ein Erbrecht und über Erbpraktiken festigen, die den Landbesitz ungeteilt von Generation zu Generation führten. Reichtum war wesentlich mit Landbesitz verknüpft. Auch in den USA wird seit dem revolutionären 18. Jahrhundert über das Erben debattiert, dort geht es primär um gleiche Chancen: Für den amerikanischen Sozialreformer Orestes Brownson war im Jahr 1840 nur eine Erbschaftsteuer, die mit dem Lebensende eines Vermögenden sein Eigentum dem Staat übereignet, mit den liberalen Prinzipien der Chancengleichheit vereinbar. Er sah es als Aufgabe der Gesellschaft und des Staates an, durch eine gleichmäßige Verteilung des Vermögens einer Volkswirtschaft gleiche Startpositionen zu schaffen.

Heute steuern wir erneut auf ein hohes Niveau ungleichen Eigentums und ungleicher Chancen zu, das durch das Vererben fortgesetzt wird. Zwei Drittel des privaten Vermögens gehören nur zehn Prozent der Bevölkerung. Dies hat Folgen. Ein erstes Beispiel: Wohneigentum zu erlangen kann zumindest in den Metropolen jungen Menschen fast nur noch gelingen, wenn sie durch Erbschaften oder Schenkungen unterstützt werden. Zweites Beispiel: Durch die Alterung der Gesellschaft werden Erbschaften eine zunehmende Bedeutung zur Deckung des Lebensbedarfs im Alter erlangen. Doch nur wenige werden auf eine Erbschaft zurückgreifen können.

Vor hundert Jahren erhoben sich soziale Bewegungen, die die Besteuerung von Erbschaften zur Herstellung größerer sozialer Gerechtigkeit forderten. Wird eine demokratische Gesellschaft es dauerhaft hinnehmen, wenn längst vergangene Generationen über ihre Vermögensgeschicke bestimmen? Und wird sie hinnehmen, dass die Erben einen uneinholbaren Startvorteil haben? Geschichte wiederholt sich nicht: Doch dass im Erbrecht ein Schlüssel zur Freiheit durch Eigentum liegt, könnte sich herumsprechen.