Die großen Themen fehlen mir

Welches Image hat die Europäische Union? Viele Menschen bemängeln, zu wenig Einblick zu haben. © Luke MacGregor/Bloomberg/Getty Images

Gökalp Yesilbala, 30, arbeitet als Steuerberater bei einem Dax-Konzern und ist vor Kurzem zum ersten Mal Vater geworden.

Bezogen auf mein Privatleben, hat die EU-Politik der vergangenen Jahre wenig Neuerungen für mich gebracht. Sie macht sich zwar in vielen sehr kleinteiligen Bereichen wie Passagierrechten, Bananenkrümmungen, Roaminggebühren und dergleichen bemerkbar. Die großen Themen werden aber schon lange nicht mehr berührt, weil die Mitgliedsstaaten keine gemeinsame Richtung und Linie haben.

Beruflich habe ich viele Berührungspunkte mit EU-Regulatorik (Steuerrecht, Aufsichtsrecht, et cetera) und finde, dass viele Regelungen an der Realität vorbeigehen. Die EU verschwendet ihre Zeit damit, über Zeitumstellungen zu debattieren, statt wirklich wichtige Themen wie zum Beispiel eine gemeinsame europäische Flüchtlingspolitik, Reformen des Euro und eine gemeinsame europäische Gewinnermittlung für steuerliche Zwecke voranzutreiben. Die Geschlossenheit, die die EU im Rahmen der Brexit-Verhandlungen gegenüber Großbritannien zeigt, wünsche ich mir auch für diese Themen.

Ich finde gut, dass die EU Haltung zeigt

Alenka Ambrož, 57, ist Dozentin für Kommunikation an der Hochschule für Technik in Brugg in der Schweiz.

Ich selbst lebe in der Schweiz und wurde als Schulkind dort eingebürgert, ursprünglich stamme ich aus Slowenien. Eine kritische Auseinandersetzung mit der Europäischen Union und die Wahrung der Interessen der Schweiz gegenüber der EU unterstütze ich; die gut Schweizerische Tradition des "Rosinenpickens" hingegen ist ein Auslaufmodell. Die Schweizer Wirtschaft braucht die EU.

Die EU hat bei mir auch einen besonderen privaten Stellenwert. Im Oktober vergangenen Jahres erhielt ich zusätzlich die slowenische Staatsbürgerschaft, vor drei Wochen erst den slowenischen Identitätsausweis und damit alle Rechte als EU-Bürgerin. Warum stehe ich für die EU ein? Wenn in Estland seit einigen Tagen die teils rechtsextreme Partei Ekre an der Regierung beteiligt ist, dann ist es essenziell, dass sich die politische Zukunft des Landes nicht unter Ausschluss der europäischen Öffentlichkeit abspielt. In Ungarn, deren Fidesz-Partei aus der EU-Parteienfamilie EVP ausgeschlossen wurde, sieht man, wie wichtig das ist. Wenn Viktor Orbáns schmutzige Kampagne gegen den Präsidenten der EU-Kommission und gegen George Soros von der EU scharf kritisiert und mit einer Gegenkampagne bekämpft wird, dann ist die EU wendig, schnell und schlagkräftig und nicht nur ein grauer, unbeweglicher Administrativ-Riese.

Es fällt mir schwer, Vorteile aufzuzählen

Anuschka Eberhardt, 41, ist momentan Hausfrau. Sie lebt mit ihrem Mann und den drei Kindern in Baden-Württemberg.

Wenn ich an die EU denke, fallen mir erst einmal negative Dinge ein: spanische Erdbeeren im Februar, Diskussionen mit einer griechischen Freundin über die "Griechenlandrettung", jahrelanger Ärger meines Vaters, der als Bauunternehmer heftige, wettbewerbsverzerrende Konkurrenz aus Osteuropa hatte. Und jetzt auch noch die Sorge unserer britischen Verwandtschaft wegen des Brexits.

Warum fällt es auf der anderen Seite so schwer, konkrete Vorteile der EU aufzuzählen? Dass wir seit 20 Jahren in militärischem Frieden leben, ist sicher ein Punkt, aber er begegnet einem nicht im Supermarktregal. Als ich in meinem Bekanntenkreis die EU-Frage stellte, sagte ein emeritierter Professor, er bemerke die EU durch "den Wegfall des Devisentausches, einfacheres und billigeres Reisen, höchste Sozialstandards der Welt ..." So etwas fällt aber natürlich nur einem polyglotten Menschen auf. Eine Mutter antwortete: "Das ist eine gute Frage, die ich mir selber schon des Öfteren gestellt habe und auf die ich keine Antwort weiß. Mir fehlt da wirklich ein bisschen der Einblick, und ich wünschte, wir würden von den Politikern da mehr Aufklärung bekommen." Ich glaube, so geht es vielen. Vielleicht würden Fernsehduelle wie vor der Bundestagswahl helfen, das zu ändern?