Mit Wachstum tun sich die Schweizer Grünen schwer, sie setzen lieber auf Subsistenz. Und jetzt das: 23 zusätzliche Parlamentssitze hat die Partei in nur 14 Tagen gewonnen. Neun in Zürich, sechs in Baselland, acht in Luzern, und im Tessin konnte sie ihre sechs Mandate halten. 216 grüne Politikerinnen und Politiker sitzen heute in den kantonalen Parlamenten. So viele wie noch nie.

Spricht man dieser Tage mit der Grünen Regula Rytz, ist da eine Parteipräsidentin in der Leitung, die ihr Glück kaum fassen kann. Eine grüne Welle hat die Schweiz erfasst. Man könnte auch sagen: Die rechtsbürgerlichen Parteien haben eine grüne Quittung für ihre wenig umweltfreundliche Politik erhalten.

So oder so, ihr Erfolg konfrontiert die Grünen mit der für sie entscheidenden Frage: Wie kommen wir raus aus der Nische?

Dass die Grünen wachsen müssen, ist unbestritten. Außer sie wollen sich bei ihren Wählern unglaubwürdig machen. Denn all die Probleme, für die sie in den vergangenen Wochen mit ihren Lösungsvorschlägen punkteten, verschwinden nicht über Nacht. Und auch nicht in einer Legislaturperiode.

Den Klimawandel aufzuhalten, das Insektensterben zu stoppen, die Energiewende zu schaffen, das sind Generationenprojekte, und die stemmt keine Sieben-Prozent-Partei.

Also blicken die Schweizer Ökos über die Grenze nach Deutschland. Dort bieten sich die Grünen als Alternative zu den kriselnden Volksparteien CDU und SPD an. Sie gewinnen Tausende Neuwähler, und dies nicht nur im linken Spektrum, sondern bis weit in die politische Mitte. Im nahen Bayern sind sie mit 18 Prozent Wähleranteil zweitstärkste Kraft, in Baden-Württemberg stellt die 30-Prozent-Partei sogar den Ministerpräsidenten – und in der bundesdeutschen Sonntagsfrage sagten Anfang April zwischen 17 und 20 Prozent der Befragten, sie würden bei den nächsten Bundestagswahlen grün wählen. Die deutschen Grünen entwickeln sich hin zur staatstragenden Partei.

In der Schweiz hingegen gelten die Grünen als Polit-Zwilling der Sozialdemokraten. Allerdings ohne Vertreter im Bundesrat und mit lediglich sieben Sitzen in den kantonalen Exekutiven. Seit bald 40 Jahren beackern die beiden linken Parteien dieselbe politische Klientel und holen insgesamt jeweils zwischen 25 und 30 Prozent der Stimmen – und tauschen dabei munter gegenseitig ihre Wähler aus.

Auch in Bundesbern unterscheiden sich die beiden Parteien nur marginal. Sie lancieren im Stile von Oppositionskräften eine Initiative um die andere, die im durch und durch bürgerlich geprägten Land Mal für Mal chancenlos bleibt. Sei es, wenn sie, wie das die Sozialdemokraten taten, einen nationalen Mindestlohn fordern, oder, wie die Grünen, die Schweiz zu einer green economy umbauen wollten.

In den Parlamentarier-Rankings positionieren sich die Grünen, im Gegensatz zu Deutschland, wo sie als moderater als die SPD gelten, als linkste Kraft. Erst recht, seit sich 2004 mit den Grünliberalen der rechte Flügel der Ökopartei abgespaltet hat und sich seither als wirtschaftsfreundliche Alternative zum grünen Original anbietet.

Diese Parteispaltung musste häufig als Erklärung dafür herhalten, warum sich die Grünen in den vergangenen Jahren schwertaten. Das Ökolager sei gespalten worden, hieß es. Doch die Grünliberalen sind heute vor allem dort stark, wo auch ihre Urpartei viele Stimmen holt, in den urbanen Stammlanden.

Beide Parteien begeistern am liebsten hippe Innenstadt-Quartiere, wo ihnen mit viel Wohlwollen begegnet wird. Neuerdings wagen sie sich auch in die verstädterten Vororte. Aber um richtig zu wachsen, müssten sie dorthin gehen, wo es wehtut. Wo sie die Menschen erst noch für ihre eigenen Anliegen gewinnen müssen.

Die Grünen müssten aufs Land, in die ländliche Agglo, in die konservative Mitte.

Noch im November 2018 sagte Regula Rytz in der Aargauer Zeitung: "Den Begriff 'konservativ' würde ich für unsere grünen Werte nicht brauchen." Sie wollte sich damit abgrenzen vom Winfried Kretschmann, dem grünen Ministerpräsidenten aus Baden-Württemberg, der sich das Etikett des "aufgeklärten, grünen Konservatismus" aufklebte. Rytz setze lieber auf moderne Begriffe wie "Chancengleichheit" oder "enkeltauglich". Während der Katholik Kretschmann unter Heimat "die Landschaften" versteht, "die wir kennen und in denen wir uns wohlfühlen", gab sich Rytz säkular und kosmopolitisch: "Unsere Heimat ist die Welt."