Fahnen runter!

ZEIT-Redakteur Jochen Bittner hat sich in einem Buchprojekt mit dem Zusammenhalt in Deutschland befasst. Wir veröffentlichen  einen Auszug aus "Zur Sache, Deutschland: Was die zerstrittene Republik wieder eint".

Das zunehmende Bedürfnis vieler Journalisten, der Öffentlichkeit zu beweisen, wo sie politisch stehen, ist unübersehbar. Psychologisch ist dieser Verortungswunsch verständlich. In polarisierten Zeiten, in denen die Einsortierung von Menschen schneller vonstattengeht als die Prüfung ihrer Argumente, will niemand in der falschen Schublade landen. Trotzdem sind allzu klare öffentliche Positionierungen von Journalisten falsch, denn sie befördern ebenjenes polarisierte Klima, in dem die Schubladenangst erst gedeiht.

Berichterstatter sind Schiedsrichter der öffentlichen Debatte. Fallen sie aus der Rolle, indem sie dem Ball einer Mannschaft einen Schubs geben, leidet ihre Autorität. Und darunter leidet das Vertrauen darin, dass Journalisten sich um Objektivität wenigstens bemühen.

Es gibt Journalisten, die dieser Distanz-Idee mittlerweile ausdrücklich widersprechen. Sie finden nicht, dass es parteilich ist, sich für universelle Werte zu engagieren. Sie halten im Gegenteil einen "werteorientierten Journalismus" für das Gebot der Stunde. Einfach nur zu sagen, was ist, legitimiert ihrer Meinung nach, was ist. Mit einem solchen Verständnis von Journalismus, schrieb etwa der Redaktionsleiter der WDR-Sendung Monitor, Georg Restle, im Juli 2018 in der Hauszeitung des Senders, "will ich nichts zu tun haben". Zum einen, so Restle, liege die Wahrheit höchst selten in der Mitte, zum anderen drohten "Journalisten im Neutralitätswahn nicht mehr wahr(zu)nehmen, wenn sie längst zum verlängerten Arm derer geworden sind, die mit ihrem Beharren auf journalistischer Objektivität nur ihre eigene Agenda oder ihre eigenen Geschäftsinteressen im Sinn haben".

Deswegen trat Restle unter anderem auf der Bühne einer Großdemonstration in Berlin im Oktober 2018 auf, die unter dem Motto "Unteilbar – Für eine offene und freie Gesellschaft" stand. Er sei von Kolleginnen und Kollegen im WDR gefragt worden, was ihm eigentlich einfalle, sich als Journalist mit einer Sache gemein zu machen, berichtete er dem Publikum. "Ich habe den Kollegen gesagt: Verdammt noch mal, wie kann man sich mit einer solchen Sache, für die diese Demonstration, für die ihr alle steht, nicht gemein machen?" Wenn die Menschenwürde im Mittelmeer ertrinke, weil Deutschland dort Menschen sterben lasse, wenn völkischer Nationalismus sich wieder breitmache, wenn Religionsfreiheit nicht mehr für alle gelten solle, so Restle, "wenn die Freiheitswerte dieser Demokratie in Gefahr sind, dann ist Haltung gefragt, und für diese Haltung sollten auch, und besonders, Journalisten stehen".

Diese Position klingt erst einmal nobel. Sie ist aber aus mehreren Gründen problematisch. Einerseits unterstellt Restle damit, dass Journalisten, die an solchen Demos nicht teilnehmen, nicht oder nicht im selben Maße wie er für Freiheitlichkeit eintreten. Er übersieht zudem – was schwerer wiegt – den Grund, warum Journalisten durch Artikel 5 des Grundgesetzes besonders geschützt sind. Diesen Grund hat das Bundesverfassungsgericht in seinem berühmten Spiegel-Urteil aus dem Jahr 1966 auf den Punkt gebracht:

"Soll der Bürger politische Entscheidungen treffen, muß er umfassend informiert sein, aber auch die Meinungen kennen und gegeneinander abwägen können, die andere sich gebildet haben. Die Presse hält diese ständige Diskussion in Gang; sie beschafft die Informationen, nimmt selbst dazu Stellung und wirkt damit als orientierende Kraft in der öffentlichen Auseinandersetzung. (...) Sie faßt die in der Gesellschaft und ihren Gruppen unaufhörlich sich neu bildenden Meinungen und Forderungen kritisch zusammen."

Genau dies, Meinungen und Forderungen kritisch zusammenzufassen und Orientierung zu bieten, können Journalisten nicht glaubhaft leisten, wenn sie sich an Demonstrationen beteiligen. Schließlich machen sie sich damit zum Teil von Forderungen, über die sie unabhängig berichten sollten. Wenn der Redaktionsleiter eines der wichtigsten politischen Magazine des öffentlich-rechtlichen Rundfunks auf einer Großdemonstration spricht, dann begibt er sich in einen Interessenkonflikt. Denn was passiert beispielsweise, wenn die Organisatoren der Demonstration das selbst gesetzte Motto gar nicht einlösen? Beim "Marsch für Vielfalt" waren laut den Organisatoren der "Unteilbar"-Demo Bundesflaggen unerwünscht. Ein Journalist, zu dessen Berichtsinteressen die Freiheitlichkeit der Bundesrepublik gehört, sollte hier doch eher Kritik anmelden als seine Teilnahme.

Die Mehrheitsmeinung ist eine der stärksten Kräfte des Universums

Journalisten sorgen dafür, dass die Demokratie wehrhaft bleibt, indem sie im Meinungsstreit gute Argumente von schlechten trennen, nicht indem sie sich zum Teil eines Arguments machen. Der Kampf von Journalisten – um es pathetischer zu formulieren – für Freiheit, Wahrheit und Gerechtigkeit besteht nicht im politischen Aktivismus für diese Werte, sondern in der kritischen Wacht über alle politisch Aktiven. Journalisten sind Diskursbefeuerer, ihre Methode ist die Kritik, ihr Mittel ist die Vernunft, ihr Maßstab ist die Humanität – gegen jeden und alles. Objektivität ist keine Naivität gegenüber dem Bestehenden. Das Ringen um Objektivität ist der schlimmste Feind all jener, die versteckte Agenden betreiben, unter welchem Banner auch immer.

In den USA ist es den Journalisten vieler wichtiger Medien verboten, an Demonstrationen teilzunehmen. Im Ethikkodex des National Public Radio (NPR), eines Zusammenschlusses von 800 Stationen in den USA, heißt es: "Während wir beobachten, unterlassen wir es, aktiv an solchen öffentlichen Veranstaltungen (...) teilzunehmen, über die unsere Organisation berichten könnte." Journalisten der New York Times ist es strengstens untersagt, an Demonstrationen teilzunehmen. Selbst Petitionen zu unterzeichnen sei ein No-Go, berichtete mir ein Redakteur der Times. "Und der Himmel hilf, wenn ich jemals Geld an eine politische Kampagne spenden würde."

Die deutsche Medienbranche sollte über solche Richtlinien ebenfalls nachdenken, im Interesse ihrer Glaubwürdigkeit und aus Respekt vor sich selbst.

Ein weiterer Vorwurf gegenüber Journalisten lautet, sie stünden mehrheitlich links vom gesellschaftlichen Durchschnitt. Das ist zunächst einmal richtig. Nach einer Umfrage unter 775 Journalisten kamen Medienforscher der Universität München 2017 zu dem Ergebnis, dass sich die meisten deutschen Journalisten politisch links der Mitte positionierten. Auf einer Skala von 0 (links) bis 10 (rechts) lag der Mittelwert bei 3,96. Dieser Wert ist nun allerdings weder extrem noch überraschend. Zum Ethos des Journalisten gehört die Wächterrolle gegenüber den Mächtigen, und da die Regierungen der Bundesrepublik in der Regel von Mitte-rechts-Bündnissen gestellt wurden, ist das Linksabrücken der Mehrheit der Journalisten ein Zeichen für einen gewissen Distanz-Ehrgeiz.

Außerdem muss die politische Einstellung kein Indiz für einen mangelnden Objektivitätsanspruch sein. Journalisten können sehr wohl unterscheiden zwischen ihrem beruflichen Handwerk und ihrer privaten Meinung.

Ein Problem entsteht eher, wenn Journalisten missionarischen Eifer entwickeln, also glauben, eine bestimmte Weltsicht befördern zu müssen. Insofern sind zwei andere Werte aus der Studie interessanter. Demnach sehen 66,7 Prozent der befragten Journalisten es als ihre Aufgabe, "Toleranz und kulturelle Vielfalt" zu fördern. Nur 46,9 Prozent hingegen finden, es gehöre zu ihrer beruflichen Rolle, "den Menschen die Möglichkeit zu geben, ihre Ansichten zu artikulieren". Das ist ein seltsames Missverhältnis mit einem Zug ins Pädagogische.

Ein Beispiel für die Verlockung, in politisch aufgeladenen Zeiten in den Aktivismus zu kippen, lieferte Anfang 2019 der Sender Deutschlandfunk Kultur. Auf seinem Twitter-Account postete er ein "Sharepic", also ein Grafikbild, mit der Aufschrift "Nazis raus". Dazu hieß es: "Ein Tweet für alle Trolle und Rechten". Man muss sich vor Augen führen, was damit alles gleichgesetzt wird: der industrielle Massenmord an über sechs Millionen Menschen und ein Vernichtungskrieg in Europa, die politische Richtung des Konservatismus (klassischerweise als rechts bezeichnet) und Leute, die im Internet Beleidigungen oder Unfug von sich geben.

Jeder Meinungsdrall, ob linker oder rechter, wird dann gefährlich, wenn er in Gruppen zum unhinterfragten Mainstream wird. Die Mehrheitsmeinung ist eine der stärksten Kräfte des Universums. Ihr skeptisch zu begegnen und prinzipiell zu widerstehen gehört zum journalistischen Berufsethos.

Aber diese Widerständigkeit muss man sich leisten können – und zwar auch ganz wörtlich, im wirtschaftlichen Sinne. Wer heute in den Journalismus einsteigen will, weiß, dass er eine Laufbahn in einer Branche mit oft prekären Arbeitsbedingungen wählt. Wer einen Job hat, wird sich also an ihn klammern. Das wiederum kann dazu führen, sich im Zweifel konform zu verhalten. Niemand verärgert gern den Chef, an dem seine Stelle hängt. Journalisten müssen aber jeden Tag dazu bereit sein, und zwar immer öfter bei den Themen, bei denen es gefühlt ums Eingemachte geht. Gute Chefs wissen das und lassen diese Freiheit zu. Aber wissen auch alle junge Journalisten, dass sie sich diese Freiheit nicht nur nehmen dürfen, sondern müssen?

Dieser Text ist ein Auszug aus Jochen Bittners neuem Buch "Zur Sache, Deutschland! Was die zerstrittene Republik wieder eint", das soeben in der Edition Körber erschienen ist.