Um den Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier tobt eine ungewöhnlich scharfe Debatte. Nicht etwa in der Opposition, sondern dort, wo der CDU-Mann natürliche Verbündete haben sollte: in der Wirtschaft. So attestiert der Verbandschef der Familienunternehmer dem Minister, dass er sein Ministerium beschädige. Schlimmer kann es für einen Erben des großen Ludwig Erhard kaum kommen. Andere führende Wirtschaftsleute geben sich ebenfalls schwer enttäuscht und werfen ihm vor, er verletze das Ansehen seiner Partei.

Nun kann man zu Recht behaupten, Peter Altmaier habe diese Kritik verdient. Schließlich setzt er auf eine Industriepolitik aus dem vergangenen Jahrhundert und will dafür sorgen, dass neue "Champions" entstehen – fusionierte oder hochgepäppelte Großkonzerne, die es im nationalen Interesse mit dem Rest der Welt aufnehmen sollen. Das ist Zeitgeist-Politik aus Angst vor Peking und Washington und natürlich in angesagten Bereichen wie der künstlichen Intelligenz oder den Autobatterien.

Bloß ist der Staat kein guter Pfadfinder für künftige Spitzentechnologien. Zudem entsteht die meiste Innovation in kleinen und mittelgroßen Unternehmen. Und auch wenn Ludwig Erhard für viel herhalten muss: Man darf ziemlich sicher sein, dass der Vater der sozialen Marktwirtschaft keinen großindustriellen Fantasien hinterhergelaufen wäre.

Trotzdem ist der Jurist Altmaier auch ein Opfer von Umständen, für die er wenig kann. Die Zeiten werden gerade härter, weil die deutsche Wirtschaft erstmals seit zehn Jahren einen Schwächeanfall erleidet. Die Exporte gehen zurück, die Aufträge und auch die Produktion der deutschen Industrie.

Lange war Deutschland beim Wachstum ganz vorn in Europa, jetzt taumelt die größte EU-Volkswirtschaft mit einer erwarteten Rate von weit unter einem Prozent fast ihrem Ende zu. Auf einmal schaut die Wirtschaft wieder auf die Wirtschaftspolitik – und stellt fest: Es gibt eigentlich keine, die diesen Namen verdient.

Die große Koalition hat sich über Jahre darauf konzentriert, diversen Wählergruppen mehr Geld zukommen zu lassen. Zum Beispiel über die Rente mit 63, die Grundrente oder das Baukindergeld. Mehr Wähler hat ihr das nicht eingetragen, wohl aber hat es verhindert, dass sie sich um die Zukunftsfähigkeit der Wirtschaft gekümmert hat.

Wachstum (plus 20 Prozent in diesem Jahrzehnt) und Steuergeld (plus 40 Prozent) kamen praktisch von allein. Und jetzt, bei der ersten ernst zu nehmenden Schwäche nach zehn Jahren Boom, dreht sich die Debatte sofort darum, die im Grundgesetz verankerte Schuldenbremse auszuschalten und auf Pump alle möglichen Investitionen nachzuholen, für die man eine Dekade lang Zeit und Geld gehabt hätte.

Kein Wunder, dass die Wirtschaft nervös wird. Die Wähler sollten es auch sein. Vor allem sollten sie den Regierenden und auch Peter Altmaier nicht glauben, wenn diese behaupten, sie hätten endlich eine Strategie und wüssten, was zu tun sei. Die große Stärke im Land sind nicht die Konzerne – tatsächlich leiden gerade erstaunlich viele von ihnen, von Bayer bis Volkswagen, unter selbst verschuldeten Krisen. Erfolg beschert es auch nicht, sie gegen das Ausland zu verteidigen. Die deutsche Erfahrung in der globalen Welt sei, dass mit mehr Offenheit mehr Jobs entstehen, hat die Kanzlerin gerade gesagt. Genau. Den Wohlstand garantieren deshalb innovative Mittelständler zusammen mit ihren vielen gut ausgebildeten Mitarbeitern. Und die Herausforderung liegt darin, diese Stärken ins digitale Zeitalter zu überführen.

Wie das geht, weiß noch niemand so genau, weder die Markt- noch die Staatsfreunde. Wie hilft das Bildungssystem sozial benachteiligten Kindern künftig am wirksamsten? Wie organisiert man lebenslanges Lernen? Welche Steuerregeln belohnen Innovationen, welche verhindern das reine Absahnen? Wie facht man Wettbewerb auf digitalen Märkten an, die von Monopolen geprägt sind?

Es wird höchste Zeit, mit möglichen Lösungen zu experimentieren und zu schauen, was woanders auf der Welt funktioniert. Obwohl es dem Land heute viel besser geht, ist die Situation ähnlich der des kranken Mannes von Europa vor zwanzig Jahren. Deutschland muss wieder lernen, lernen, lernen. Es braucht weniger Besserwisser und mehr Bessermacher.

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