Neulich fuhr ich Zug. Ich saß an einem Tisch, mir gegenüber ein netter Herr, der aus dem Fenster schaute und so freundlich aussah wie der Alm-Öhi. Wir kamen sehr gut miteinander aus, arrangierten unter dem Tisch in wortloser Friedlichkeit die Beine aneinander vorbei, nickten uns zu und ließen uns dann in Ruhe. Wir waren kurz vor Köln, als der nette Herr in seine Tasche griff und etwas auspackte, das mich nachhaltig verstörte.

Einen ganzen Ring Fleischwurst.

Er legte diesen Ring Fleischwurst auf seine Zeitung, er klappte ein Taschenmesser auf, er schnitt eine Hälfte ab, er häutete diese Hälfte, er zerstückelte sie, er bestrich die Scheiben mit mittelscharfem Senf aus einer Tube. Dann aß er sie. Ohne Brot. Die Haut steckte er in den kleinen Mülleimer am Tisch.

Es gibt viele Anlässe für Fleischwurst, Wanderungen an der frischen Luft beispielsweise. Mir fallen aber viele Gelegenheiten ein, bei denen man sie meiner Meinung nach lieber zu Hause lassen sollte. Man nimmt Fleischwurst nicht mit, wenn man sich Schwanensee ansieht, man geht nicht zum Vorstellungsgespräch mit einem Fleischwurst-Collier, und man packt sie auch nicht im Zug aus, zumindest nicht im Ganzen. Ich gebe zu, es gibt kein Gesetz, das den Umgang mit Fleischwurst regelt, aber man wird ja noch mal träumen dürfen.

Generell nehme ich eine neue Fleischwurstigkeit der Gesellschaft wahr. Viele Menschen scheuen sich nicht, stark riechende Lebensmittel in der Öffentlichkeit auszupacken, eine "Das wird man ja wohl noch essen dürfen"-Bewegung. Ich glaube nicht, dass nette Menschen wie der Herr aus dem Zug andere belästigen wollen. Sie sind nur viel unterwegs, haben Stress und Hunger. Sie wissen ja auch nicht, dass ich Teil einer Minderheit bin. Forscher haben festgestellt, dass manche Menschen sich an unangenehme Gerüche nicht gewöhnen können, eine etwas zickige Randgruppe. Zu dieser Minderheit gehöre ich.

In einer Welt der Fleischwurstigkeit lebt es sich als Mitglied dieser Minderheit wirklich schlecht. Bifis und gekochte Eier sind noch harmlos. Ich stand einmal am Flughafen neben einer Frau, die vor der Sicherheitskontrolle noch schnell eine Tupperbox mit Borschtsch auslöffelte. Neulich erst, im Flugzeug, saß ich neben einer Dame, die aus einem Einmachglas Rucola mit Zwiebel-Essig-Sauce aß, um sieben Uhr morgens. Sie war dabei sehr nachdenklich. Sie sah versonnen aus dem Fenster, spießte immer wieder ein Blatt auf die Gabel, führte die Gabel unfassbar langsam zum Mund, wo diese noch einmal minutenlang verharrte, während die Frau den Wolken nachsah. Ich neige nicht zu Gewalt, ich bin so friedlich wie der Dalai Lama. Die Frau hatte großes Glück an diesem Tag.

Der nette Herr im Zug aß seine Fleischwurst auch so versunken, wie man nur essen kann, wenn man sich keiner Schuld bewusst ist. Ähnlich wenig schuldbewusst stelle ich mir die Person vor, die in Berlin für die Ecke Prenzlauer Allee/Knaackstraße die Begrünung ausgesucht hat. Dort stehen Ginkgobäume.

Weibliche Ginkgobäume tragen wundervoll gelbe Früchte. Sobald diese gelben Früchte im Herbst auf den Boden fallen und aufplatzen, beginnen sie bestialisch zu stinken. Ich weiß das zufällig genau, ich muss an dieser Ecke oft vorbei. Fast genauso oft, wie ich Zug fahre. Manche Menschen nennen den Ginkgo auch Stinkgo. Derjenige, der dachte, es sei eine prima Idee, diese Dinger in der Stadt zu pflanzen, hatte wahrscheinlich nichts Böses im Sinn, aber er sollte mir besser nicht im Zug begegnen.

Ich kann diese Bäume nicht fällen, das ist strafbar. Aber ich habe eine erste kleine Minderheiten-Forderung. Ich möchte der Deutschen Bahn unterbreiten: So wie es in ICEs Kinderabteile gibt, sollte es auch besondere Fleischwurstabteile geben. Dort treffen sich alle, denen ein geruchloses Croissant oder ein Apfel als Verpflegung nicht reichen. Dort werden Döner von riesigen Stäben runtergesäbelt, es wird Zwiebelkuchen aufgeschnitten, Fleischwürste fallen aus Ablagefächern direkt in den Senf. Dort treffen sich die Hungrigen, ein einziges wundervolles Stinkgo-Abteil, und ich sitz ganz weit weg.