DIE ZEIT: Herr Bierhoff, welche Folgen hat der Rücktritt von DFB-Präsident Reinhard Grindel für den Deutschen Fußball-Bund? Sie als Direktor für die Nationalmannschaften und die Akademie des DFB werden es wissen.

Oliver Bierhoff: Reinhard Grindel hat in einer schwierigen Phase Verantwortung übernommen und persönliche Konsequenzen gezogen.

ZEIT: Sein Ausscheiden erinnerte eher an eine öffentliche Hinrichtung.

Bierhoff: Ich hätte mir das auch anders gewünscht. Unsere DFB-Geschäftsstelle ist professionell aufgestellt – auch mit der Unterstützung von externen Spezialisten. Ein Ergebnis dieser Reform ist das klare Bekenntnis, alle sportlichen Belange im Leistungsfußball in meiner Direktion zu bündeln.

ZEIT: Wer sucht denn jetzt einen Nachfolgekandidaten, wie läuft das ab?

Bierhoff: Rainer Koch und Reinhard Rauball moderieren den weiteren Prozess bis zum DFB-Bundestag im September. Erst kommen die Inhalte, dann die Personen.

ZEIT: Soll der Präsident des DFB weiter ehrenamtlich arbeiten? Der DFB hat 400 Mitarbeiter und einen Jahresumsatz von 400 Millionen Euro. Gehört an die Spitze dieses Verbandes nicht eine bezahlte Managerin oder ein bezahlter Manager?

Bierhoff: Sicher werden verschiedene Vorstellungen und Modelle besprochen, ich will aber der internen Diskussion nicht vorgreifen. Wie gesagt: Den Prozess steuern Rainer Koch und Reinhard Rauball.

ZEIT: Warum machen Sie den Job des DFB-Präsidenten nicht?

Bierhoff: Ich habe aktuell eine wunderbare und spannende Aufgabe, die ich als riesige Herausforderung sehe, der ich mich engagiert mit meinem Direktionsteam widme. Wir müssen die richtigen Weichen für die sportliche Entwicklung des Fußballs in Deutschland stellen. Mit dem Bau der neuen Verwaltung und der Akademie werden wir eine neue sportliche Heimat bekommen, in der wir unser gesamtes Wissen bündeln und Impulse setzen. Von dort aus wollen wir den deutschen Fußball entwickeln und Beiträge leisten, wieder zurück an die Weltspitze zu kommen. Das ist unser Anspruch.

ZEIT: Wann hat Sie Ihre Arbeit für den DFB das letzte Mal glücklich gemacht?

Bierhoff: Generell versuche ich mich von der allgemeinen emotionalen Stimmung frei zu machen, ich lebe meine Gefühle eher im Stillen aus.

ZEIT: War das auch im Moment des WM-Titelgewinns in Brasilien so?

Bierhoff: Auf den Erfolg in Brasilien haben wir zehn Jahre hingearbeitet. Ich habe mich riesig gefreut, intuitiv sofort aber auch gespürt, dass sich etwas verändern muss. Bei aller Euphorie konnte ich mich dieser Emotion nicht komplett hingeben, denn ich war in meinen Gedanken schon wieder ein paar Jahre weiter. Irgendetwas hat mich in der Euphorie gebremst.

ZEIT: Was hat Sie gestört?

Bierhoff: Ich wusste, dass der Erfolg verführerisch ist. Die großen Fehler macht man im Moment des Erfolges. Das ist wohl menschlich. Die Bereitschaft, weiterhin mehr zu tun und auch notwendige Veränderungen anzugehen, schwindet.

ZEIT: Bei der WM in Russland schied die Mannschaft bereits in der Vorrunde aus. Sie scheiterte an ihrer Selbstherrlichkeit. Wieso ist es Ihnen nicht gelungen, diese Eigendynamik aufzuhalten?

Bierhoff: Ich bezweifele, dass es ein mit der Nationalmannschaft vergleichbares Thema gibt, in das sich so viele Parteien einbringen: Trainer, Spieler, Berater, Medien, Fans, die Marketing- und die Fernsehpartner. Die Vereine haben Interessen, die Liga, die Landesverbände. Genauso wie sich in guten Zeiten ganz Deutschland am letzten Lagerfeuer der Nation wärmt, wie ich mal die Nationalmannschaft bezeichnet habe, so wissen 80 Millionen Deutsche in Krisenzeiten besser als der Bundestrainer, wie wir das Ausscheiden in Russland hätten verhindern können.