© Beck für DIE ZEIT

Es gibt Begriffe, auf die viele sich sofort einigen können. Und es gibt Begriffe, die so kontrovers und provokant sind, dass sie Streit stiften, noch ehe man sie überhaupt ganz verstanden hat. Wie die beiden Wörter, die in der vorigen Woche im Diskurs um Ostdeutschland aufgetaucht sind und die manche Menschen unwillkürlich zornig gemacht haben. Der eine Begriff lautet: Migranten. Der andere: Kolonie.

Sind Ostdeutsche, so wie es eine neue Studie des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) nahelegt, im Grunde Migranten in Deutschland?

Und ist der Osten, wie es eine wissenschaftliche Tagung unter Leitung des Dresdner Kulturwissenschaftlers Paul Kaiser in den vergangenen Tagen suggerierte, eine Kolonie des Westens? "Kolonie Ost? Aspekte von 'Kolonialisierung' in Ostdeutschland seit 1990" nannte Kaiser sein Symposium in Dresden, es ging am Freitag zu Ende.

Beide Begriffe haben eines gemeinsam: Sie betonen die Migrationsgeschichte der Ostdeutschen, die Geschichte von Zu- und Abwanderung in den vergangenen Jahrzehnten. Sie speisen den Osten in den großen Migrationsdiskurs ein und brechen damit ein Tabu. Aber Kolonialisierung? Kann man das wirklich sagen?

Wer dieser Frage nachgeht, landet schnell bei Thomas Krüger, dem Präsidenten der Bundeszentrale für politische Bildung. Krüger war es, der vor anderthalb Jahren zuerst von der Kolonie sprach, die der Osten in Deutschland womöglich sei. Aber er hätte, sagt er, nie erwartet, dass sein kleines Wort eine so große Karriere machen würde.

Im Oktober 2017, so erzählt es Krüger, sei er auf Dienstreise in Zürich gewesen. Er hatte noch nicht einmal gefrühstückt, als er von der Berliner Zeitung gebeten wurde, nur rasch ein paar Fragen zum Osten zu beantworten. Krüger, im heutigen Thüringen geboren, machte sich Notizen, telefonierte kurz mit der Redaktion. Interview fertig – er ging frühstücken und dachte sich nichts weiter. Doch nach Erscheinen musste er sich monatelang rechtfertigen, wegen dieses Satzes: "In der Fläche wird die Dominanz der Westdeutschen in den Eliten immer noch als kultureller Kolonialismus erlebt." Was Krüger meinte: Bis heute ist ein Großteil der Führungspositionen im Osten mit Westdeutschen besetzt; bis heute haben viele Ostdeutsche das Gefühl, fremdregiert zu werden; nicht selbst bestimmen zu dürfen.

Aber Krüger hatte eben "Kolonialismus" gesagt. Dass auf diesem Wort jetzt eine ganze Tagung gegründet wurde, zu der man ihn, Krüger, auch noch als einen der Hauptgäste einlud? Als er davon hörte, habe er gedacht, das ende wohl nie, sagt er. Er würde den Satz heute nicht wiederholen. Warum er die Tagung trotzdem besucht hat? "Wichtig ist, wohin man will mit diesem Wort", sagt Krüger.

Ja, wohin denn? Das ist dann etwas, das man mit Paul Kaiser besprechen sollte; dem Mann, der die Tagung ins Leben rief. "Ostdeutsche", sagt Kaiser, "nehmen an vielen Diskursen nur als Zeitzeugen oder Leserbriefschreiber teil. Das darf nicht sein. Ostdeutsche müssen am Prozess der Deutung beteiligt werden!" Darum gehe es ihm. Eben eine "Bestandsaufnahme" zu schaffen, "über die Dimension der strukturellen Verwerfungen der letzten 30 Jahre, die ja offensichtlich sind". Von einer Kolonialisierung des Ostens zu sprechen ist dabei natürlich eine gewollte Provokation. Schließlich hat das, was hier nach 1989 passiert ist, nicht tatsächlich etwas mit der Unterwerfung anderer Völker oder gar: den Verbrechen der Kolonialzeit zu tun. So sagt es auch Kaiser: Der Osten sei natürlich keine Kolonie im tatsächlichen Sinne. Aber es gehe um die Frage, "mit welchem analytischen Arsenal" man den Osten beschreibe. Und dabei helfe der Begriff. Er solle Aufmerksamkeit schaffen. Dafür, welche Dominanz der Westen im Osten bis heute ausübe.

Und das mit der Aufmerksamkeit funktioniert auf Kaisers Tagung. Am ersten Abend sitzen über 100 Wissenschaftler im Raum, mehr als erwartet; einige sind aus Westdeutschland angereist, viele Medienleute sind da, später werden Zeitungen und Fernsehsender groß berichten. Auf der Bühne sind einige zentrale Stimmen des aktuellen Ost-Diskurses versammelt: Sachsens SPD-Integrationsministerin Petra Köpping, der Kulturmanager Michael Schindhelm, Verleger Christoph Links, eben Thomas Krüger, außerdem der Forscher Raj Kollmorgen (siehe Text unten). Unter ihnen findet sich keiner, der den Osten tatsächlich mit einer Kolonie gleichsetzen würde. Viele warnen sogar davor, das zu tun. Aber im Befund sind alle vereint: dass Ostdeutsche im Schnitt bis heute wirtschaftlich schlechter stehen; dass sie in den Eliten bis heute stark unterrepräsentiert sind. Christoph Links, der Verleger, sagt: Der Aspekt der Kolonialisierung, der noch am ehesten auf Ostdeutschland anwendbar sei, sei jener der wirtschaftlichen Ausbeutung, weil "80 Prozent der ostdeutschen Industrien kaputtgegangen" seien und die Ostdeutschen heute kaum etwas vom Kapital ihres Landesteils hätten. Dem widerspricht jedoch gleich Raj Kollmorgen: Ja, es sei etwas schiefgelaufen bei der Abwicklung der Betriebe. Aber der Osten habe dafür vom Wohlstand des Westens profitiert.

Es wird, das ist auf dieser Tagung zu besichtigen, seit einiger Zeit neu über den Osten nachgedacht; es wird versucht, ihn mit neuen Begriffen zu fassen, und die Migrationsforscherin Naika Foroutan steht dafür sinnbildlich. Auch Foroutan ist in Dresden dabei, vor allem ist sie aber zurzeit in den Schlagzeilen: als die Frau, die die Ostdeutschen zu Migranten erklärt hat.

Foroutans Studie am Berliner Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung wurde in der vergangenen Woche zunächst bei ZEIT ONLINE ausgewertet. Foroutan, Tochter einer deutschen Mutter und eines iranischen Vaters, sagt: Sie habe sich gewundert, dass Ostdeutsche und Migranten lange nicht zusammen gedacht wurden. Ihre Studie untersucht, vereinfacht gesagt, was die Gesellschaft über Ostdeutsche und Muslime denkt, und fragt, ob es Parallelen gibt. Foroutan erklärt, dass sie sich auf Muslime konzentriere, weil diese oft im Fokus der Migrationsdebatten stünden. Die Erkenntnisse ihrer Studie sind zum Teil erwartbar (Ostdeutsche und Muslime müssen mit Stereotypen kämpfen), einige auch überraschend (Ostdeutsche fühlen sich genauso benachteiligt wie die Muslime).

Dass da jemand Ostdeutsche mit Migranten in Verbindung bringt, das regt an allen Seiten erst einmal auf, zumindest einige: Menschen mit Migrationshintergrund sehen ihre Lage verharmlost – Ostdeutsche hätten es schon deshalb leichter als tatsächliche Migranten, weil sie nicht mit Rassismus zu kämpfen hätten. Aber auch manche Ostdeutsche werden wütend, weil sie der Vergleich stört, weil sie sich nicht als Zuwanderer sehen. Und Westdeutsche werden sauer, weil nun auch noch Ostdeutsche anfangen, Privilegien der Mehrheitsgesellschaft anzuzweifeln, für sich selbst einzufordern. Ein bisschen hat diese Wut mit den Missverständnissen zu tun, die die Studie auslöste.

Wer nur die Überschriften zu einigen Artikeln über die Studie las, konnte schnell den Eindruck gewinnen, Ostdeutsche hätten tatsächlich ebenso viele Probleme wie Migranten. "Ostdeutsche und Migranten ähnlich stark benachteiligt", stand so oder vergleichbar in verschiedenen Medien. Das ist nicht nur falsch. Sondern auch gar nicht das, was die Studie untersucht hat. In der ging es nicht um einen Ist-Zustand der Gesellschaft, sondern um persönliche Einschätzungen.

Ein Ergebnis: Ja, es gibt Analogien zwischen der Art und Weise, wie Ostdeutsche wahrgenommen werden, und der, wie Muslime wahrgenommen werden. Vor allem in den Stereotypen, die Westdeutsche (auch Ostdeutsche) gegenüber beiden Gruppen haben: So würden sich Muslime und Ostdeutsche jeweils nicht hinreichend von Extremismus distanzieren – das ist das eine Stereotyp. Muslime und Ostdeutsche machten sich gerne zum Opfer – das ist das zweite. Außerdem seien beide "noch nicht richtig im heutigen Deutschland angekommen" – drittes Stereotyp. Gerade dieser Aussage stimmt ein hoher Prozentsatz auf allen Seiten zu: Mehr als die Hälfte der Westdeutschen und noch mehr Ostdeutsche finden, dass das auf Muslime zutreffe. Bezogen auf Ostdeutsche sagt es mehr als jeder dritte Westdeutsche; und sogar etwa jeder dritte Ostdeutsche selbst: Ossis seien nicht im heutigen Deutschland angekommen. Jeder Dritte: Das ist viel. Schon wenn nur jeder Dritte glauben würde, Muslime und Ostdeutsche seien kein Teil der Gesellschaft im heutigen Deutschland, sagt Foroutan, könne das die Politik verändern. Es spreche für strukturelle Benachteiligung dieser Gruppen.

Strukturelle Benachteiligung zu benennen – das, sagen Forscher, bedeute indes nicht, dass man alle und jeden zu "Opfern" erklärt (auch das ist der Studie vorgeworfen worden, unter anderem von Jan Fleischhauer in dessen Spiegel Online -Kolumne).

Es bedeute vielmehr, auf bestimmte Mechanismen in unserer Gesellschaft hinzuweisen. Zum Beispiel: Es macht einen Unterschied, ob jemand eine Tante hat, die zugleich Chefin ist – und diesen Menschen zuerst anspricht, wenn sie einen Posten zu vergeben hat. Ostdeutschen und Migranten fehlt diese Tante noch oft. Das ist wohl einer der stärksten Punkte der Studie: Weil sie Analogien herstellt, kann sie neue Bündnisse ermöglichen. Nur so kann Politik beeinflusst und schließlich verändert werden.

Fragt man Naika Foroutan, die Migrationsforscherin, wie sie die Debatten um ihre Studie wahrgenommen hat, dann sagt sie: "Einige Leute haben offenbar bestimmte Dinge falsch verstanden." Ob sie ihre Untersuchung ein bisschen bereue? Nein, weil es ja in erster Linie um neue Impulse für die Forschung gehe. Und nicht darum, was einige Medien daraus machten.

Was bedeutet das also, wenn neue Wörter in einer Debatte auftauchen? Und die dann gleich so viel diskutiert, auch kritisiert werden?

Vielleicht sagt das erst mal noch nichts über die Wörter aus. Sondern zeigt vor allem eines: dass etwas in Bewegung, die richtige Sprache noch nicht gefunden ist. Dass die Debatte über den Osten, offenbar, eine neue Stufe genommen hat.