DIE ZEIT: Herr Professor Hahn, Sie sind 92 Jahre alt, Sie waren bis 1993 Vorstandschef von Volkswagen. Eine Schule in Wolfsburg ist nach Ihnen benannt, es gibt auch 16 private Schulen und 17 Kindergärten in Sachsen unter dem Namen "Saxony International School Carl Hahn". Wie sind Sie vom Automanager zum Bildungsexperten geworden?

Carl H. Hahn: Durch meine Enkel. Als sie in die Schule gingen, erlebte ich hautnah: Unser Bildungssystem ist nicht zukunftsfähig.

ZEIT: Was hat Sie an den Schulen gestört?

Hahn: Die Welt verändert sich in einem unfassbaren Tempo. Das macht viele Menschen unsicher und nervös. Diese Angst können Schulen und Kindergärten ihnen nehmen, indem sie Menschen befähigen, die Welt richtig zu beurteilen. Die meisten schaffen das aber nicht. Dabei wäre dies existenziell.

ZEIT: Warum?

Hahn: Es hängt vom Intellekt der Nation ab, ob wir mit Weltposition weiterleben und in einer Demokratie urteilsfähig sind. Schon ehe es ein geeintes Deutschland gab, waren wir die führende Bildungsnation der Welt. Ende des 17. Jahrhunderts hatten wir fünfzig Universitäten, die Engländer nur zwei; Humboldt zeigte im 19. Jahrhundert der ganzen Welt, wie eine Universität zu gestalten sei; später haben wir in Deutschland den Computer erfunden, trotzdem sind im Rennen um die meisten Rechenoperationen pro Sekunde heute nur noch chinesische und amerikanische Computerfirmen beteiligt. Wir verspielen unsere einmalige Position, weil wir es nicht schaffen, in dieser radikal neuen Welt auch eine radikal neue Bildung zu leben. Wir können viel mehr.

ZEIT: Seit vielen Jahren heißt es, dass Deutschland mehr in Bildung investieren müsse, damit das Land im internationalen Wettbewerb nicht zurückfalle. Ist das als Begründung für eine radikale Bildungsreform nicht ein bisschen wenig?

Hahn: Es ist die zentrale Aufgabe von Kindergärten und Schulen, die Kinder für die Welt konkurrenzfähig zu machen. Dabei muss es um Leistung und Liebe gehen.

ZEIT: Was meinen Sie mit Liebe?

Hahn: Liebe ist für die meisten vielleicht ein ungewöhnlicher Bildungsbegriff. Aber die Frage der Liebe ist das wichtigste Element für das Zusammenleben der Menschen: Durch Liebe entstehen Zusammenhalt, Aufrichtigkeit, Selbstbestimmtheit, Mut, aber auch Kreativität und freudige Leistung. Konfuzius sagte vor 2500 Jahren: Wer seine Arbeit liebt, braucht nie zu arbeiten. Ich habe in meinem ganzen Leben nie gearbeitet.

ZEIT: Wie wollen Sie Liebe und Mut unterrichten?

Hahn: Durch gute Beispiele von Vorbildern – aber auch durch Beispiele, in denen Menschen versagt haben. Heute wissen wir: Es hat manchem an Mut gefehlt, auf die Fehlentwicklungen und Manipulationen von Abgaswerten frühzeitig genug hinzuweisen. So, dass man die Dieselkrise hätte vermeiden können. Es wurde lieber nichts gesagt oder sich nicht vehement genug gegen solche Entwicklungen gestemmt – oft aus reinem Selbsterhaltungstrieb. So ein Konformismus ist gefährlich. Kinder, die mutig sind, werden keine Konformisten.