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In der Türkei reicht es nicht, Wahlen nur zu gewinnen. Man muss anschließend auch noch die Wahlurnen bewachen. Ich weiß nicht, in welchem Land man jemals Abgeordnete auf den Säcken mit den Wahlzetteln übernachten sah – in der Türkei gehört dieses absurde Bild gerade zum Alltag.

Aus vorangegangenen Wahlen kennen wir bereits, dass in verlassenen Häusern 250 Personen in einer Wohnung registriert waren; dass ausgerechnet während der Auszählung der Strom ausfiel und während dieses Blackouts Urnen gestohlen wurden.

Trotz all dieser Schikanen hat die Opposition die vergangenen Wahlen gewonnen. Sie stellt jetzt theoretisch den Bürgermeister in Istanbul, in Ankara, in Antalya. Die Regierungspartei verkündet: "Wir erkennen das Resultat nicht an, ihr habt betrogen", lässt die Stimmen neu auszählen und übt Druck auf die Wahlkommission aus. Erdoğans Devise scheint zu lauten: Zählt neu, bis ich der Sieger bin. Doch vergebens. Jede Auszählung ergibt mehr Stimmen für die Opposition.

Die Regierung weiß genau, dass sie verloren hat, verzögert aus mehreren Gründen aber die Bekanntgabe des Endergebnisses.

Zunächst gibt es in den jahrelang von der Regierung kontrollierten Städten, vor allem in Istanbul, eine Menge Unterlagen, die beseitigt, Ausschreibungen, die in letzter Sekunde vergeben, und Angestellte, die ausgewechselt werden müssen. Zudem versucht man, der Basis zu vermitteln, man sei nicht besiegt, die anderen lägen durch Betrug vorn. Auch will man die Triumphstimmung in der Opposition abwürgen. Obwohl es die eigentlich gar nicht gab. Die Opposition ging nicht auf die Straße, demonstrierte auch nicht gegen die Regierung. In der Sorge, wie Erdoğan voraussichtlich reagiert und dass es zu Provokationen kommen könnte, feierte man den Sieg zu Hause und im eigenen Quartier.

Viele wetten darauf, wie es nun weitergeht. Ich vermute, dass Erdoğan, der die Massen bislang mit einer Opferrolle beeindrucken konnte, dem neuen Istanbuler Bürgermeister diese Chance nicht zugestehen will. Deshalb wird er wohl nach einer Weile des Widerstands genötigt sein, zähneknirschend den Schlüssel zu dieser Stadt auszuhändigen, die als Tor zur Türkei gilt. Anschließend wird er alles tun, um ihn in der Kommunalverwaltung zu behindern. Und er wird alles unternehmen, um weitere Wahlerfolge der Opposition in der Zukunft zu verhindern.

Ein schwieriges Unterfangen, denn Erdoğan hat mit der Verschärfung der Wirtschaftskrise längst seinen Trumpf eingebüßt, alternativlos zu sein.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe