Samson ruft an. Samson ruft an? Dann muss es wichtig sein. "Bro, wollen wir nach Jamaika? In Kingston ist ein riesiges Tribute-Konzert für Bob. Das wird irre!" Ich kenne Sam und seine wichtigen Mitteilungen seit einem Stipendium in den USA. Und vermisse ihn oft. Samsons Familie stammt aus Eritrea, er trägt Rastas bis zum unteren Rücken und ist Reggae-DJ. Bestimmt ein toller Reisebegleiter für Jamaika. Nur bin ich gar kein Reggae-Freund.

Mein Lebensgehör war recht frisch, 20 Jahre etwa, als ich in einer Leipziger Disco einen blassen, enge Jeans tragenden Typ beobachtete, der allein und außerhalb des Taktes zu Bob Marleys Could You Be Loved umherkrampfte. Er wollte sich so sehr mit dieser Musik vereinen, von ihr geliebt werden. Stattdessen schwang sie nur unverwandt an ihm vorbei. Später spülte es mich noch auf ein paar Reggae-Jams in Berlin. Zu Feuerzeuge in die Luft haltenden Rastafaris, die Reggae zu einer Art Religion erhoben. Alle kifften und riefen von Joint zu Joint inbrünstiger nach Jah, nach Gott. Ich habe von Gras immer nur Heißhunger auf Cashewkerne bekommen. So verfestigte sich meine Annahme, dass Reggae zwar cool klingt, aber im musikreligiösen Kulturkern nichts für mich ist.

Nicht nur Sam, auch die Unesco fordert mich nun aber zum Umdenken auf: Vor Kurzem hat sie Reggae zum Immateriellen Kulturerbe ernannt. Er sei ein Beitrag zu "Fragen der Ungerechtigkeit, des Widerstandes, der Liebe und Menschlichkeit", lobten die Kulturerbe-Aussucher. Zweifel. Habe ich die ganze Zeit was übersehen? One love and unity predigte Bob Marley immer wieder, schon klar. Aber man kann nicht jeden Graus weggrooven. Bob besang auch, dass every little thing alright sein werde, und starb mit 36 an Krebs.

Zum Teufel! So jung kommen Sam und ich interkontinental nicht mehr zusammen. Auf zur Reggae-Reise nach Jamaika! Mal schauen, wie nah ich dem gemütlichsten Menschheitserbe an dessen Ursprungsort kommen kann. Und vielleicht kriege ich ja auch eine leise Ahnung davon, wie die jamaikanischen Erst-Erben mit ihrer Musikkultur umgehen.

Sam und ich verfolgen einen akribisch konzipierten, nein, sorry, einen karibisch improvisierten Reiseplan: zuerst nach Negril mit seinem Seven Mile Beach. Dann vibes, vibes, nach Kingston zum Konzert, optionaler Schwenk nach Ocho Rios, früher Fischerdorf, heute Hafenstadt. Oder nach Montego Bay, Kreuzfahrt- und Partyhafen (noch mehr vibes). Reggae ist in Jamaika ohnehin überall.

Mit voll aufgedrehtem Radio reggae-reparieren zwei mittelalte Männer einen Jeep vor meiner Pension in Negril. Hier an der Westküste bin ich mit Sam verabredet, der aus Ohio anreist. In Negril umrunden die Straßen als schmale Streifchen die Schöpfung, die Herrschaft von Meerblau und Blühgrün anerkennend. Auch die dünnen Stromkabel beziehen den Himmel nur zurückhaltend. Halbhohe, bunte Häuschen am Wegesrand. Unweit steht eine Obsthändlerin an ihrem gelb gestrichenen Holzkarren und schält soundsynchron Akees.

Die Akee ist die Nationalfrucht Jamaikas und kommt eigentlich aus Afrika. So, wie auch Jamaikas Bevölkerung zu 90 Prozent aus Menschen besteht, die einst aus Afrika verschleppt wurden, um als Sklaven auf dieser Insel zu schuften. Deshalb sehen viele Jamaikaner ihr Land als afrikanisches an, Tausende Kilometer vom ursprünglichen Kontinent entfernt. Erst 1962 erzwang Jamaika seine Unabhängigkeit von den britischen Kolonialherren. Verblieb allerdings im Commonwealth und hat theoretisch nach wie vor Queen Elizabeth II zum Staatsoberhaupt – Königin von Jamaika. Auch deshalb ist Reggae immer noch Rebellion, Emanzipationsmusik.