Im Herbst 1969 offenbart sich Samuel Beckett das Schicksal in seiner ganzen, slapstickhaften Tücke. Zuerst verliert er einen Teil seines Gebisses, dann bekommt er den Nobelpreis. Es ist schwer zu entscheiden, was ihn härter trifft.

Am 13. Oktober 1969 schildert Beckett die Zahnkatastrophe in einem Brief an seine Vertraute Barbara Bray: "Heute zum 3. Mal geschwommen im balsamischen Wasser. Beim Rauskommen fiel mir ein Viertel der oberen Stummel samt Rialtobrücke in den Sand. Sprechen und Kauen nahezu unmöglich. Aber Trinken und Schweigen unbeeinträchtigt." Die Preiskatastrophe trifft ihn zehn Tage später. Er, der Gesellschaft schwer erträgt und sich lebenslang fühlt, als sei er der "Eihaut" nie ganz entkommen, wird zum öffentlichen Künstler.

Beckett hatte soeben in Berlin Das letzte Band inszeniert; nun wollte er sich in Tunesien erholen. Dann dies! Stummelzähnig im Hotel festsitzend, ereilt ihn, was er später "Blitz" und "Todesstoß" nennt. Er verweigert alle Interviews, derweil die Not sich zu verschlimmern droht – "was ein Ende des Sprechens und Kauens bedeuten würde".

Jetzt kommt alles zusammen: Glanz, Elend und Komik eines gepeinigten Genies, auf das Geld und Ruhm niederprasseln, als wären es Pech und Schwefel. Aus Not verfasst er neue Texte – "ohne zu wissen, wofür und wen es interessiert". Wohlgemerkt: Das schreibt Beckett, als er der berühmteste Schriftsteller der Welt ist.

Er hatte stets das Gefühl, nie ganz "da", nicht wirklich geboren worden zu sein – diese Disposition ermöglichte es ihm, sein Werk zu schaffen, aber sie verwehrte ihm auch das Glück des Gelingens. Er war, wie seine Briefe zeigen, von Erfolg nicht zu erreichen.

15.000 Briefe hat Beckett, der von 1906 bis 1989 lebte, hinterlassen. In vier Bänden ist seine Korrespondenz dokumentiert – also sein Teil der Korrespondenz. Der letzte, jetzt auf Deutsch erschienene Band hat den Titel Was bleibt, wenn die Schreie enden? und dokumentiert die Jahre von 1966 bis zu seinem Tod. Und obwohl der Band fast 1000 Seiten umfasst, enthält er nur zwölf Prozent der Briefe, die Beckett in diesem letzten Lebensabschnitt schrieb.

Die Herausgeber haben, Becketts Anweisungen folgend, alles weggelassen, was nicht dem Werk gilt. So fehlen alle Hinweise darauf, wie groß das Ausmaß der Privatkorrespondenz Becketts ist und wie sich ein rein privater Brief, um nicht zu sagen: ein Liebesbrief von ihm wohl läse. Briefe an seine Frau enthält der Band nicht, vielleicht gibt es keine. Vielleicht gibt es so etwas wie ein intimes Schreiben bei Beckett sowieso nicht; das betreffende Erfahrungsmaterial dürfte, vielfach gefiltert, in sein Werk geflossen sein.

Ein Brief aus Berlin, wo er in diesen Jahren oft arbeitet, liest sich so: "Hab mir das Haar von einem Mädchen schneiden lassen. Mochte das Gefühl ihrer Hand, so sehr, daß ich mich umentschied und mich shampoonieren ließ."