Zwei Stunden in Schwäbisch Gmünd © Illustration: Monja Gentschow für DIE ZEIT

Für keine andere Stadt in Deutschland wurde mehr Geld ausgegeben, damit Sie sie nicht sehen müssen. 280 Millionen Euro investierte der Bund in die teuerste Ortsumgehung der Republik: einen Tunnel, der die B 29 östlich von Stuttgart unter Schwäbisch Gmünd hindurchführt. Deshalb fahren neben denen, die es wirklich wollen, nur noch Klaustrophobiker mit dem Auto direkt durch die Stadt.

Sie sind von vornherein mit dem Zug gekommen und starten also am Bahnhof. Linkerhand drängt sich Ihnen ein goldener Gebäudewürfel auf. Er soll daran erinnern, dass Gmünd mal ein Zentrum des Gold- und Silberhandwerks war. Gefällt’s Ihnen nicht? Jetzt seien Sie mal nicht so anspruchsvoll! Vor Jahren war das alles noch zubetoniert. Heute finden es selbst arrogante Stuttgarter ganz schön hier, auch wenn die das nie zugeben würden. Also, treten Sie näher. Vor Ihnen vereinen sich Josefsbach und Rems. Der Name der Stadt, er verdankt sich den Mündungen diverser Bäche in den Fluss Rems. Setzen Sie sich ans Ufer und genießen Sie das Gefühl von Urlaub.

Spazieren Sie danach die Promenade am Josefsbach entlang und durch die Bocksgasse. Verlieben Sie sich, umringt von Fachwerkhäusern, bunten Fassaden und der Johanniskirche, in einen der schönsten Marktplätze Süddeutschlands. Lauschen Sie dem Glockenspiel, das tagsüber alle zwei Stunden vom Rathaus her erklingt. Eine Stele auf dem Johannisplatz nebenan erklärt Ihnen, dass Gmünd die älteste Stadt der Staufer ist. Konradin, der Letzte seines Geschlechts, feierte hier einst Weihnachten, brach dann, um Sizilien für sich zu reklamieren, in Richtung Italien auf und wurde dort geköpft. Atmen Sie den Geist der Geschichte, und denken Sie darüber nach, ob nicht auch Ihre Ansprüche im Leben etwas hoch gegriffen sind.

Gestört werden Sie dabei vielleicht durch Prozessionen von 40-, 50-, 60-, 70- oder 80-Jährigen in Anzug und Zylinder. Das kommt, wenn es wärmer ist, immer wieder mal vor und heißt: Altersgenossenfest. Gleichaltrige organisieren sich hier in Vereinen und feiern gemeinsam ihre runden Geburtstage. Dann spielen Trompeter vom Kirchturm, und alle singen ein Lied von einem gewissen Alois. Der wird darin erst gegrüßt ("Grüß de Gott, Alois"), dann um eine Einladung gebeten ("Zahl a Maß, Alois") und schließlich, weil Freundschaft hierzulande spätestens bei der Rechnung aufhört, bedroht: "Wenn’s net zahlsch, Alois, lecksch me am Arsch, Alois." Sie mögen das ungehobelt finden. Die Unesco nennt das "immaterielles Kulturerbe".

Jetzt brauchen Sie erst mal einen Kaffee? Trinken Sie den im gemütlichen Café Margrit. Das diente schon als Kulisse für einen Fernsehfilm. Die gepolsterten Sessel dort stammen noch aus der Zeit, als Ludwig Erhard Kanzler war. Die Atmosphäre ist so großtantig, dass es schon wieder hip wäre – wenn es denn Hipster gäbe in Gmünd.

Vielleicht wollen Sie hier ja mit Einheimischen ins Gespräch kommen. Ihr Eisbrecher: Carlo Pedersoli alias Bud Spencer. Für Sie mag der nur ein Western-Raufbold sein. Für viele Gmünder ist er ein Lokalheld. 1951 schwamm er hier für die italienische Nationalmannschaft und verguckte sich in eine Bäckerstochter. 2011 wurde er beinahe Pate für den Umgehungstunnel. Damals ließ die Stadt online über dessen Namen abstimmen. Studenten mobilisierten über Facebook Hunderttausende Stimmen für "Bud-Spencer-Tunnel". Das war dem Stadtrat dann doch zu ulkig. Dafür wurde das Freibad auf den Namen Bud Spencer getauft. Pedersoli kam persönlich zur Taufe.

Schauen Sie sich das gotische Münster gegenüber dem Café Margrit an. Auf den zweiten Blick werden Sie merken, dass etwas fehlt: Türme. Die stürzten bei Umbauarbeiten im Jahr 1497 ein. Statt sie teuer wieder aufzubauen, hängte man die Kirchenglocken einfach in eins der Nachbarhäuser. Schwaben ...

Ihr Abschluss-Selfie schießen Sie acht Gehminuten weiter auf dem Zeiselberg, der eigentlich nur ein Hügel ist. Besonders im Abendlicht haben Sie da den tollsten Blick auf das Tal und die Stadt. Gönnen Sie sich dort ein Bier, nehmen Sie einen Gmünder in den Arm, und sagen Sie ihm, dass seine Stadt "gar ned so schlecht" sei. Das ist Schwäbisch für: wunderschön.