Es war nicht nur seine leise Stimme. Es war diese Mischung aus Kompetenz, Eleganz und Bescheidenheit, die Gerhard Neumann in der Germanistik unverwechselbar machte. Selbst nach ungelenken Vorträgen im Seminar begann er bereitwillig begeistert: "Das leuchtet mir sehr ein ..." Eine höfliche Floskel, oft der Auftakt eines kleinen Vortrags, den Neumann mit "Sie sagen also ..." fortsetzte, woraufhin er seinen Studenten aber, so dreist wie freundlich, Gedanken unterschob, von denen sie nur träumen konnten. Niemand protestierte. Neumann ging es um die Sache, in lässig zelebrierter Form.

Am 27. Dezember 2017 ist Gerhard Neumann, einer der bedeutendsten deutschen Literaturwissenschaftler, 83-jährig gestorben. Jetzt sorgt er mit einem nachgelassenen, so ehrlich wirkenden wie risikoreichen Werk an der Grenze zwischen Essay und Lebensroman für Aufsehen. Er erzählt darin nicht memoirenhaft aufs erfolgreiche Ende hin, sondern stellt Erinnerungen, private Briefe, komplexe Gedanken und naive Schulaufsätze als gleichberechtigte Materialien nebeneinander. Das hat etwas vom Konzept der Bricolage, des modernen Eingeständnisses vom Leben als Bastelei, und erinnert an Derridas Konzept der "Dekonstruktion". Als habe Neumann die gediegene Form, die sein Leben abgab, am Ende selbst zerstören wollen.

Eine behütete Kindheit in Brünn geht in eine armselige Vertriebenenjugend über, die man bei dem weltläufigen Wissenschaftler nie vermutet hätte. Auch das bieder-schreckliche Hausmusik-Foto, das in der Süddeutschen Zeitung sein Nazi-Elternhaus illustrieren sollte, präsentiert und kommentiert er selbst in seinem Buch. Wichtig ist die Geschichte dazu: Dem Vater, damals Direktor der Gewerbeschule in Pilsen, schenkten tschechische Schüler einen Notenständer mit SS-Deko, der verwendet wurde. Neumann erzählt, wie ein wohlmeinender Verwandter das "SS" während der Digitalisierung des Fotos wegretuschierte – und lässt es so stehen. Die Wahrheit, heißt das, ist dem Menschen zumutbar. Neumann, 1934 geboren, erzählt, wie der Mann einer Tante, Lehrer an einer Napola in Wien, bei Familienanlässen Juden imitierte. Er erzählt, wie sein Vater, im Garten stehend, den Einmarsch Hitlers herausposaunte: "Ich war mir ungewiss, ob es eine Schreckens- oder eine Freudennachricht war." Beim zweiten Erzählen schreibt Neumann: "Heute klingt es mir wie ein 'Christ ist erstanden!' in den Ohren."

Neumanns immer wieder neu ansetzendes Erzählen, das er mit sich verändernder Erinnerung begründet, beschert seinem Selbstversuch einige Wiederholungen. Und doch bleibt er in einem klar: Er wisse nicht, ob sein Vater Antisemit war. "Ich finde hier keine Erinnerungsspur." Und was nicht entscheidbar ist, muss offenbleiben.

An diesem Beharren, so Neumann, scheiterte eine wichtige Beziehung seines Lebens, die er jetzt zum Ausgangspunkt seines Selbstversuchs macht: die zu Paul Celan. Initialzündung war die "Kränkung", die ihm Celan zufügte. Neumann hatte den Dichter Mitte der Sechzigerjahre in Paris bei dem Beckett-Übersetzer Elmar Tophoven kennengelernt und mit Gerhart Baumann dafür gesorgt, dass Celan seine legendären Freiburger Universitätslesungen 1967 und 1968 hielt. Neumann fiel in diesem Zusammenhang eine delikate Funktion zu: Er war der Fahrer, der Celan und Heidegger zu ihrem berühmten Treffen in der Hütte des Philosophen brachte. Als "der Mensch, der uns fuhr", ist er im Gedicht Todtnauberg erwähnt, Celan schenkte Neumann einen gewidmeten Sonderdruck.

Alles schien in Ordnung – wäre da nicht Die absolute Metapher, ein Aufsatz von 1970, den Neumann über Celan im Verhältnis zu Mallarmé verfasste. Heikel, denn Mallarmé galt als Dichter, der die Wirklichkeit aus der Literatur tilgen wollte, während Celan noch vom komplexesten Gedicht verlangte, dass es von Erfahrung durchdrungen sei. Celan war schon durch die Plagiatsvorwürfe von Claire Goll schwer getroffen worden. Jetzt hatte sein Jugendfreund Immanuel Weißglas im Februar 1970 in der Bukarester Zeitschrift Neue Literatur das Gedicht Er veröffentlicht – traditioneller als Celans Todesfuge, aber vor ihr entstanden und mit unübersehbarer Verwandtschaft in der Bildsprache: "nicht enge" Gräber in der Luft, ein "Meister" aus Deutschland, der "mit Schlangen" spielt, und so weiter. Sollte etwa Celans berühmtestes Gedicht nicht auf eigener Erfahrung beruhen? Fragen nach dem Wirklichkeitsbezug peinigten Celan. Er brach jeden Kontakt mit Neumann ab.

Neumann meint, es habe einen zweiten Grund gegeben. Er habe die ihm schon in Todtnauberg zugedachte Rolle eines "Zeugen" nicht erfüllen können, weil seine eigene Erfahrung damit nach dem Zweiten Weltkrieg kollidierte. Celan erwartete – dazu gibt es Aussagen vieler jüdischer Freunde – von Deutschen Antisemitismus-Geständnisse vor neuen Gesprächen, gerade von Heidegger, dem er sich sprachlich nahe fühlte. Edmond Jabès, der französisch-ägyptische Autor jüdischer Herkunft, sagte es radikal: "Seinen Henkern im Namen der Sprache, die sie mit ihm teilten, trotzen und sie auf die Knie zwingen. Darum ging es vor allem."

Celan, der wichtigste deutschsprachige Dichter des 20. Jahrhunderts, als privater Rächer? Das bleibt eine Provokation. Während noch viele in der Gruppe 47, in Sachen Mitläufertum befangen, Celan nicht ernst nehmen wollten, wurde er immer wieder zum Heiligenbildchen des empfindsamen Dichters reingewaschen. Er war empfindsam und schwer verletzt. Aber das machte ihn nicht sanft.

Gerhard Neumann: Selbstversuch. Rombach Verlag, Freiburg i. Br./Berlin/Wien 2018; 386 S., 58,– €