Vielleicht neigen Künstler, vor allem die unbekannten, doch zu größerer Unausgeglichenheit als die gewöhnlichen Menschen mit ihren halb erfolgreichen Angestelltenkarrieren, halb klugen Kindern und All-inclusive-Pauschalurlauben, die brutzelnd in halb diktatorischen Ländern verbracht werden, weil ja alles so anstrengend ist mit den ganzen Überstunden und dem Chef. Die "Prosa der Verhältnisse" (Hegel), die nüchterne, gottlose Moderne, in der wir seit dem 19. Jahrhundert stecken, ist eine Übung in Demut: So schlecht ist ja alles nicht, aber etwas undramatisch und leer. (Die Unterhaltungsindustrie war immer dafür da, diese Leere zu lindern, und sie tut dies nach wie vor bravourös. Etwas Lebenssinn wirft höchstens noch Greta ab, und das ist jetzt nicht zynisch gemeint.)

Die Künstler aber, in ihrer Neigung, dem Alltagstrott zu entsagen, sind verdammt dazu, Kinder der Romantik zu bleiben, und kommen (trotz aller Dementis) vom Anspruch nicht los, dem Gewöhnlichen das Außerordentliche und frech Unangepasste entgegenzusetzen – noch die Anti-Kunst zehrt negativ vom Geniekult, er ist nicht auszurotten.

Das Außerordentliche kann sich extrovertiert zeigen (dann ist man mutig und kämpft auf Podien gegen soziale Missstände oder andere schlimme Sachen). Es kann aber auch ins Innere wandern, als Grandiositätsvorstellung von sich selbst. Dann hat der Künstler ein Problem. Schon die ungesund ausgiebige Beschäftigung mit Existenziellem (mit Sex, Liebe, Tod und Verwandtem) macht schrecklich nachdenklich. Aber erst der irrsinnige Anspruch an die eigene Meisterschaft sprengt die eh schon so beengte Brust. Und es hilft nicht einmal mehr das Bewusstsein von der eigenen Klischeehaftigkeit. Selbstironie ist den Künstlern so gut wie immer etwas Fernes.

Entlastung bringen Realitätsverschiebungen. Man hat mit einem Mal das ungute Gefühl, nicht auf dem Kopf gehen zu können, schneidet sich das Ohr ab, schießt sich am Wannsee in den Kopf oder doch nur, wie van Gogh, in den Bauch. Berühmt wird man eh so richtig erst posthum, das Leben ist, wie man seit Längerem weiß, nur etwas wert, wenn man es verachtet.

Wir schreiben das alles, weil am 19. Juni in Paris die Waffe versteigert wird, mit der sich 1890 van Gogh das Leben nahm. Sie gehört einer französischen Kneipiersfamilie aus Auvers-sur-Oise, die den Künstler einst in seinen letzten Lebensmonaten bewirtete. Der 7-mm-Lefaucheux-Revolver wurde in den Sechzigerjahren von einem Bauern auf einem Feld gefunden und der Familie übergeben. Auf 60.000 Euro wird das verrostete Ding geschätzt. Das ist billig, weiß der Teufel, warum. Der Lefaucheux-Revolver, mit dem Paul Verlaine 1873 auf seinen Geliebten Arthur Rimbaud schoss, erzielte vor drei Jahren 435.000 Euro. Und dabei überlebte der noch.