Nie ist er geflohen. Keiner der vielen Kriege, die Afghanistan in den vergangenen Jahrzehnten erschüttert haben, hat ihn je vertrieben. Immer hat er, Osman Mirsad, 60 Jahre alt, stolzer Sohn reicher Großgrundbesitzer, einen Weg gefunden, sich zu arrangieren. Doch jetzt, an diesem Wintertag 2019, sitzt er zwischen seinen Kindern, mit gesenktem Kopf, und sagt mit rauer Stimme: "Wir sind am Ende."

Mirsad ist der Projektleiter der kleinen deutschen Hilfsorganisation Katachel e. V. Er hockt auf dem Teppichboden einer Wohnung in Kabul, neben ihm drei seiner Kinder. Sie alle sehen nur kurz auf ihren Vater, dann schauen sie wieder weg. Sie können es nicht ertragen: sein Betteln. Diese Scham.

"Wir flehen die deutsche Regierung an", sagt ihr Vater. "Sie ist unsere letzte Hoffnung." Viele Jahre hat er für den Verein aus dem niedersächsischen Wolfsburg in Afghanistan dringend benötigte Schulen gebaut. Er hat sie feierlich eingeweiht, mit Gouverneur und allen Würdenträgern, öffentlich, für jeden sichtbar. Er focht Rechtsstreitigkeiten vor den Gerichten aus, zahlte Schmiergelder, wenn nötig, er hielt den Kontakt zu der deutschen Vereinsgründerin Sybille Schnehage, einer 68-jährigen Physikerin, die aus Sicherheitsgründen selbst nicht mehr ins Land darf. Seit Jahren verwehrt ihr die deutsche Regierung die Ausreise nach Afghanistan (ZEIT Nr. 36/18).

Zwei Jahrzehnte lang hatte sie uneingeschränkt Osmans Vorgänger vertraut, Dadgul Delawar, der sie systematisch betrog. Er hinterzog viele Hunderttausend Euro, beschäftigte nur seinen eigenen Clan, überschrieb heimlich Grundstücke, die er für das Projekt hätte erwerben sollen, auf seinen eigenen Namen. Er war zu einem der mächtigsten Männer der Region aufgestiegen und soll mehrere Menschen umgebracht haben, um seine Macht abzusichern. Als ihn Schnehage schließlich seines Postens enthob, drohte er ihr und allen, die noch mit ihr zusammenarbeiteten. Selbst nachdem er zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt worden war, agierte er weiterhin aus dem Gefängnis heraus, bedrohte die Deutsche und ihr Team.

Mirsad, der Mann, der die Hilfsorganisation nach der Krise gerettet, sie neu aufgebaut hatte, muss nun selbst gerettet werden.

Im bürgerkriegszerrütteten Afghanistan, in dem weder Gerichte funktionieren noch die Polizei, ist der Konflikt mit den Taliban für jemanden wie Osman Mirsad nur eine von vielen Gefahren. In der Anarchie dieses Landes kann jeder größere Streit zwischen Nachbarn zum Kleinkrieg werden, jedes böse Wort zur bösen Tat.

In wenigen Monaten könnte die Situation noch sehr viel schlimmer werden. US-Präsident Donald Trump hat einen raschen Rückzug amerikanischer Truppen angekündigt. In einer Woche setzen sich erneut Vertreter der Taliban mit US-Diplomaten im Golfstaat Katar zusammen. Wie schon beim Abzug der Roten Armee 1989 prognostizieren viele bei einem US-Rückzug den Zusammenbruch der afghanischen Regierung, neue Kämpfe, blutiger als in den Jahrzehnten zuvor, einen Krieg jeder gegen jeden. Ein Vakuum, in das sämtliche Regionalmächte stoßen würden, zuvorderst Pakistan, der Iran, Saudi-Arabien, Russland und Indien, um die Vorherrschaft des jeweils anderen zu verhindern.

Die Afghanen, die bisher für internationale Organisationen und ausländische Militärs arbeiten, fürchten, nach dem US-Abzug zum Freiwild zu werden. Schon jetzt leben sie gefährlich. Vor Kurzem blockierten Dutzende ehemalige afghanische Bundeswehr-Angestellte den Zugang zum Lager der Deutschen in Masar-i-Scharif. Köche, Putzhilfen, Übersetzer demonstrierten wochenlang, um humanitäre Visa für Deutschland gewährt zu bekommen. In diesen Visa sehen sie den Rettungsanker, der ihnen ein neues Leben in Sicherheit ermöglicht. 760 ehemalige Angestellte der Bundeswehr, des Auswärtigen Amtes und anderer deutscher Behörden wurden in den vergangenen Jahren zu ihrem eigenen Schutz bereits aus dem Land geholt, das macht, die Familien dazugerechnet: 3240 Menschen. Jetzt aber, wo die Lage in Afghanistan zu eskalieren droht, ist unklar, ob das Auswärtige Amt das Übersiedelungsprogramm fortführen wird. Das Außenministerium war gegenüber der ZEIT zu keiner Stellungnahme bereit.

Die Leidensgeschichte der Familie Mirsad begann vor sechs Jahren mit einem Sprengstoffanschlag vor ihrem Haus in Kundus. Der damals neunjährige Omar, Osmans Sohn, wurde von zwei Splittern getroffen, einer traf ihn ins linke Bein, von wo er herausoperiert werden konnte, ein anderer durchdrang die Prostata, an einer Stelle, die ganz nah an der Hauptarterie liegt, weshalb die Ärzte den Splitter dort beließen. "Bis heute hat er starke Schmerzen", sagt Osman über seinen Sohn. Drei Jahre später traf es wieder Omar. Diesmal wurde der Junge auf dem Nachhauseweg von der Schule entführt.