Amoz Oz hat einmal erzählt: "In meiner Kindheit war Jerusalem ein total verrückter Ort." Es habe Leute gegeben, die ins Land gekommen seien, um eine westliche, liberale, säkulare, moderne Demokratie zu gründen. Andere jedoch wollten die biblischen Königreiche von David und Salomon wiederherstellen. "Wieder andere wollten nur dasitzen und auf den Messias warten. Manche sahen sich selbst als Messias. Jeder war ein Erlöser. Jeder wollte irgendwen kreuzigen oder selbst gekreuzigt werden."

Es war also zu Amos Oz’ Kindheit in Jerusalem ungefähr wie vor 2000 Jahren, als Pharisäer, Sadduzäer, Essener, Hohepriester, Schriftgelehrte, Zeloten und Sikarier das nahe Ende erwarteten, miteinander stritten, einander bekämpften und sich am liebsten gegenseitig gekreuzigt hätten. Unter ihnen war damals auch Jesus, der tatsächlich am Kreuz endete, nach drei Tagen von den Toten auferstand, gen Himmel fuhr und versprach, wiederzukommen.

Mal angenommen, diese sagenhafte Wiederkunft wäre jetzt: Auf wessen Seite würde Jesus sich schlagen, die jüdische oder die christliche? Auf die der Israelis oder die der Palästinenser? Hätte er Sympathien für Terroristen, Rebellen, Revolutionäre? Was würde er dem Papst, dem EKD-Ratsvorsitzenden und den orthodoxen Patriarchen von Kiew, Moskau und Istanbul sagen? Und was den christlichen Unterstützern von Donald Trump? Oder dessen erbitterten Gegnern? Würde er sich einer gendergerechten Sprache befleißigen?

Es ist unmöglich, darauf Antworten zu geben, aber zugleich nicht schwer zu prognostizieren: Die Geschichte würde sich annähernd wiederholen. Zuerst Begeisterung, dann Enttäuschung, am Ende die Kreuzigung, wenn auch nur medial diesmal. Ein bisschen Zivilisationsfortschritt hat es ja gegeben seitdem.

Die Lage, die Jesus vorfände, käme ihm wohl irgendwie bekannt vor: Dutzende verschiedenster Gruppen und Grüppchen hören einander nicht mehr zu, hassen sich, befehden sich. Nur die Rollenverteilung wäre nicht mehr so eindeutig. Den Pharisäer, zum Beispiel, fänden wir heute in mehrfacher Ausfertigung. Zu Jesu Zeiten war er klar erkennbar als der Mann, der im Tempel betete: "Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die anderen Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner." Heute findet man diesen Typus in linker, rechter, liberaler, konservativer und sozialdemokratischer Gestalt, in der jeder dafür dankt, dass er nicht so sei wie die anderen.

Die meisten würden Jesus zunächst für einen der Ihren halten und wären begeistert. Die Enttäuschung jedoch würde in dem Moment einsetzen, in dem alle sähen, wer an seinem Tisch sitzen darf.

Kurze Erinnerung: Damals bestand seine Tischgemeinschaft aus Zöllnern, Huren, Ausgestoßenen, aber auch aus ganz normalem Volk, Fischern, Handwerkern, Frauen, Kindern und auch ein paar Gebildeten.

Heute säße da natürlich der für Gerechtigkeit kämpfende Sozialdemokrat neben der grünen Streiterin für Minderheiten. Aber auch den Chauvis von der Jungen Union würde Jesus ein Plätzchen frei halten, dem Bonusbanker und dem Cum-Ex-Betrüger, dem Massentierhalter und dem Chef von Rheinmetall, und wenn Alexander Gauland und Björn Höcke hereinspaziert kämen, würde er ihnen nicht die Tür weisen, denn auch heute ist jeder und jede eingeladen, das Reich Gottes zu schmecken.

Der Sozialdemokrat und die Grüne würden dann vermutlich den Raum unter Protest verlassen. Rasch wäre dieser Jesus in liberalen Kreisen erledigt und unter Linken zu einer Persona non grata erklärt. Mit einem, der sich mit den falschen Leuten umgibt, will man als anständiger Bürger nichts zu tun haben. Dasselbe Missverständnis, das schon vor 2000 Jahren die Pharisäer und Schriftgelehrten gegen Jesus aufgebracht hatte, würde heute die honorigen Bürger gegen Jesus aufbringen.