Die Scherztherapie

Jonas schläft seit zwei Wochen in einem Krankenhausbett. An seinem Türschild in der Kinderabteilung des Wiener Donauspitals streckt Disneys König der Löwen stolz seine Brust nach vorn. Der dreijährige Bub ist zart und blass. Eine schwere Lungenentzündung hat 14 Tage lang heftig an seinem Körper gezehrt. Wenn die Türe zu seinem Zimmer aufgeht, sinkt Jonas noch etwas tiefer unter sein Laken. Dass es selten gut ist, wenn sich im Spital die Zimmertüre öffnet, hat er schnell gelernt: Dann bekommt er vielleicht Venenzugänge gelegt, Spritzen gesetzt, Schmerzen.

Diesmal aber stehen Dagmar und Helfgott in der Tür. Neugierig spähen die beiden in Jonas’ Zimmer. Mit großen Augen guckt der Bub zurück. Dagmar trägt eine große, grüne Feder in ihrem Haar, die Helfgott an dessen roter, runder Nase kitzelt. Helfgott stimmt seine Ukulele an, als die beiden Clowns langsam in Jonas’ Zimmer eintreten. Jonas verzieht keine Miene. Dagmar verliert beim Singen von Alle meine Entchen ihre Stimme und quakt wie eine Ente, aber Jonas lacht nicht. Helfgott wird von der Feder wieder an seiner Nase gekitzelt, muss niesen und stolpert über seine eigenen Beine. Jonas zeigt noch immer keine Regung. Als Helfgott einen unbedachten Schritt nach hinten macht und über den blechernen Mistkübel poltert, da bricht es plötzlich aus dem Jungen heraus. Seit einem Vierteljahrhundert ereignen sich nun in den österreichischen Kinderkliniken immer wieder ähnliche Situationen.

Dagmar und Helfgott sind zwei von mehr als 70 Clowns, die im Auftrag der Roten Nasen Österreich ein wenig Heiterkeit in Krankenzimmer zwischen Niederösterreich und Tirol bringen. Die vor 25 Jahren gegründete Organisation ist neben den CliniClowns und den Clowndoctors der größte Verein, der auf Lachen als Therapie setzt. Von Österreich ausgehend, verbreitete sich diese Idee vor allem in Richtung Osten. 2003 gründeten die Roten Nasen Österreich ein internationales Pendant, seither etablierten sie ihr Konzept unter anderem in Ungarn, Tschechien, Polen, Kroatien, Litauen, aber auch in Jordanien und Palästina.

Wenn Ärzte den Spaßmachern temporär das Behandlungszimmer überlassen, irritiert das gelegentlich erwachsene Besucher. Die Situation ist ernst, was soll da ein Clown schon ausrichten? Doch immer wieder atmen Patienten, Angehörige, Pflegepersonal und Ärzte auf, wenn die Schauspieler mit ihren zu großen Schuhen und dem weit über den Bauchnabel hoch gezogenen Hosenbund die Stationen betreten; im Schlepptau ein Bündel an Emotionen, die zwischen Linoleumböden und Neonleuchten auf Krankenhausfluren in der Regel rar sind: Staunen und Lachen.

Auch Herbert Kurz steht in seinem weißen Kittel am Gang der Kinderabteilung im Donauspital und hält sich entzückt die Hände vor den Mund. Der Arzt ist Leiter der Station und großer Fan von Dagmar und Helfgott. "Die Arbeit, die die Clowns hier leisten, ist unschätzbar", sagt er. Der kleine Jonas sei schwer krank gewesen und hätte hier keine leichte Zeit gehabt. Die Clowns hätten ihm zumindest ein paar Momente der Freude beschert.

Seit 1997 Jahren arbeitet der Mediziner auf der Kinderstation. Die Clown-Besuche habe er von Anfang an unterstützt, erzählt er. "Das Lachen tut nicht nur den Kindern und ihren Angehörigen gut, sondern auch den anderen Patienten. Und auch dem Pflegepersonal, für das die Clowns eine große Stütze sein können, wenn die Kinder vor Behandlungen Angst haben." Herbert Kurz sagt, Ärzte könnten von den Clowns die eine oder andere Lektion lernen – vor allem in Sachen Empathie.

Was Lachen als Medizin bewirken kann, zeigt eine Pilotstudie der Uni-Klinik Greifswald und der Humboldt-Universität Berlin. 31 Patienten wurden dort vor vier Jahren untersucht: 17 von ihnen bekamen regelmäßigen Clown-Besuch, 14 nicht. Das Ergebnis: Der Spiegel des Hormons Oxytocin stieg bei Kindern, die vor Operationen mit den Spaßmachern lachen durften, um 30 Prozent. Oxytocin, auch "Kuschelhormon" genannt, erhöht unter anderem das Vertrauen zu Mitmenschen und kann Stress abbauen. Bei der Kontrollgruppe, die keine Interaktion mit den Clowns hatte, blieb der Wert konstant. Auch Befragungen der Kinder, Eltern und Mitarbeiter zeigten, dass Kinder, die von den Clowns unterhalten wurden, weniger Angst hatten. Sowohl auf körperlicher wie auch auf seelischer Ebene waren positive Veränderungen zu sehen.

Untersuchungen wie diese veranlassen Krankenkassen weltweit zum Umdenken. In den Niederlanden, Israel oder Brasilien übernehmen sie die Kosten für eine Scherztherapie ganz oder teilweise. In Deutschland sind Clown-Doktoren seit Ende 2017 offiziell Teil der Präventionsarbeit in Pflegeeinrichtungen für Demenzpatienten und Menschen, die aufgrund körperlicher, kognitiver oder psychischer Beeinträchtigungen auf Betreuung angewiesen sind. "In Zukunft fänden wir es wünschenswert, dass auch Clown-Visiten bei Kindern systemisch gefördert würden, da Clowns eine Lücke im Bereich der Gesundheitsförderung schließen," sagt eine Sprecherin der Roten Nasen Deutschland.

"Es ist Zeit, die Clowns endlich ernster zu nehmen"

Eine Entwicklung, die in Österreich zurzeit nicht absehbar ist. Hierzulande wird der Clown-Einsatz durch Spenden ermöglicht. "Der Clown als Kassenleistung wäre eine Anerkennung des Berufsstandes und auch des Patientenbedürfnisses nach zwischenmenschlichem Kontakt, aber wir wollen das nicht um jeden Preis", sagt Giora Seeliger, Gründer von Rote Nasen Österreich. Wenn Clowns ein so enges Zeitfenster hätten wie etwa Masseure, die auf Kassenbasis arbeiten und streng im Zehnminutentakt abgerechnet werden, wäre das wohl kontraproduktiv.

Über Spenden nahmen die Roten Nasen 2017 über acht Millionen Euro ein. Von den Krankenkassen übernommene Kosten würden die Spendenbereitschaft der Bevölkerung vermutlich schmälern, befürchtet Seeliger, die Organisationen hingen dagegen am Gängelband der Sozialversicherungen. Dann würden sie wohl einen Teil ihrer Autonomie einbüßen.

Seit Jahresbeginn sind die Roten Nasen in Österreich dazu übergegangen, ihre Clowns in fixen Dienstverhältnissen anzustellen. Dagmar und Helfgott nehmen nun nach ihren Einsätzen Feder und Hut ab und füllen ihre Stundenlisten aus. Für die Krankenhausclowns, die meist ausgebildete Schauspieler sind, bedeutet das oft auch einen Schritt aus prekären Arbeitsverhältnissen hinaus. Weil es in Österreich aber keine spezialisierten Clown-Schulen gibt, ist es für Organisationen wie die Roten Nasen nicht ganz einfach, Nachwuchs zu finden. Zu den Patienten darf dann auch nur, wer eine strenge Ausbildung hinter sich hat und laufend Workshops zur Weiterbildung besucht.

Michael Christensen sieht gar nicht lustig aus, eher ein bisschen müde. Er hat den ganzen Vormittag in Wien eine Master-Klasse von Clown-Anwärtern trainiert, dabei gelacht und vor Energie gesprüht. In der Mittagspause sacken seine Schultern ein paar Zentimeter ab. Er reibt sich die Augen, denen auf dem Weg vom Trainingsraum zum Mittagessen ein Gutteil ihres Glanzes abhandengekommen ist.

Der Amerikaner Christensen ist eine Legende. 1986 gründete der heute 72-Jährige in New York seine Big Apple Circus Clown Care Unit, seither gilt er als Vater der Clown-Doktoren. Ausgehend von New York, verbreitete sich seine Idee über den gesamten Globus; in einem Tempo, in dem sich für gewöhnlich nur sehr gute oder sehr schlechte Ideen verbreiten. "Je ernster die Situation", erklärt Christensen und zitiert dabei den US-Komiker Mel Brooks, "umso lustiger darf Comedy sein." Und wo finden sich wohl ernstere Situationen als dort, wo Menschen leiden? Christensen brachte die Clowns dorthin, wo sie seiner Ansicht nach hingehörten: ins Krankenhaus. "Weil ein weißer Punkt auf pechschwarzem Grund besonders hell scheint."

"Wie wir in das Zimmer reingehen, ist entscheidend", erklärt Michael Christensen seinen Schülern beim Trainings-Workshop. Vier Tage lang ist er in Wien, um sein Wissen weiterzugeben.

Christensen schickt einzelne Teilnehmer vor die Tür, verändert minimale Dinge im Raum und versteckt ein gelbes Gummihuhn. Wer wieder hereinkommt, muss die Veränderung benennen können und das Hühnchen finden. Im Kontakt mit dem Patienten sind die Details entscheidend. Intuitiv und in Sekundenschnelle müssen die Schauspieler die Atmosphäre im Raum erfassen: Hat der Patient Angst? Ist er nervös? Freut er sich? Teilen sich mehrere Personen ein Krankenzimmer, potenziert sich die Herausforderung.

"Grundsätzlich ist es an der Zeit, die Clowns endlich ernster zu nehmen", sagt Giora Seeliger. Die rote Nase steht als Sinnbild für jenen Platz, der in nüchterner Klinikumgebung für Menschliches sorgt. In einer Welt, in der ein Händereichen oft erst nach ausgiebiger Desinfektion erfolgt, kann der Clown Distanzen überwinden und einen Moment lang Wohlbefinden verbreiten. Ein Lichtblick inmitten von Langeweile und Trostlosigkeit, die Klinik- und Heimaufenthalte oft mit sich bringen. Die Roten Nasen erzählen dazu die Geschichte einer demenzkranken Frau im Pflegeheim, der ein Clown auf seinen Knien eine Rose überreichte. "Ich nehme Ihre Blume an, aber ich bin schon vergeben", antwortete die Patientin auf die Geste des Künstlers. Seit sechs Monaten hatte sie kein Wort gesprochen.