Der Klimawandel als Touristenattraktion? Doch, das geht. Willkommen in Rotterdam, der niederländischen Hafen- und Wirtschaftsmetropole, die auch ohne Erderwärmung schon größtenteils unter dem Meeresspiegel liegt. Vom Hauptbahnhof Rotterdam Centraal schlendert man zu Fuß nach Norden zum Zomerhofkwartier, einst eine heruntergekommene Gegend mit Leerstand, jetzt ein hippes Viertel mit kleinen Firmen, Kneipen, einem neuen Spitznamen (ZoHo) und dem Anspruch, "klimasicher" zu werden. Wie der Rest der Stadt. Rotterdam wird seit einigen Jahren umgebaut nach dem Motto: Das Wasser aufhalten, aufsaugen – oder schwimmen.

Besucher aus aller Welt kommen, um zu staunen und zu lernen. Dämme und Schleusen werden verstärkt, Dächer begrünt, Häuser auf Pontons gesetzt, Kühe demnächst in schwimmenden Ställen gemolken – und in ZoHo spielt man Basketball in Auffangbecken. Im Fall einer Sturmflut versinken Körbe und Zuschauertribünen im aufgestauten Wasser. Heute scheint die Sonne, Jugendliche probieren Slam-Dunks, einen Wurf, bei dem der Spieler den Basketball beim Sprung von oben in den Korb drückt. Oder sie rattern mit Skateboards über die Abflussrinnen. Macht Spaß, der Klimawandel. Denkt man jedenfalls in ZoHo.

"Typisch", sagt Bas Eickhout, Chemiker und Umweltwissenschaftler. "Wir Niederländer glauben, dass man mit Technologie alles in den Griff bekommt. Mit Fluten kennen wir uns ja seit Jahrhunderten aus." Weswegen seine Landsleute die Klimakrise bislang recht entspannt betrachtet hätten. Zu entspannt, wie er findet. Sein Land ist Avantgarde, wenn es um die Anpassung an den Klimawandel geht. Bei der Bekämpfung der Ursachen, also dem Ausstoß von Treibhausgasen, ist der nationale Ehrgeiz deutlich geringer.

Bas Eickhout erwischt man mit etwas Glück zwei Zugstunden von Rotterdam entfernt in Brüssel. Seit 2009 sitzt der 42-Jährige für die niederländische GroenLinks-Partei im Europäischen Parlament (EP). Im Duo mit seiner deutschen Fraktionskollegin Ska Keller tritt er bei den EU-Parlamentswahlen im Mai als Spitzenkandidat der Grünen an, absolviert Wahlkampftermine in Ungarn, Österreich, Belgien, Parlamentssitzungen in Brüssel und Straßburg und Auftritte daheim, wo GroenLinks für die Energiewende wirbt.

Ein gutes Jahrzehnt bleibt laut jüngstem Bericht des Weltklimarats, um mit drastischen Maßnahmen die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen und so ihre Folgen einigermaßen unter Kontrolle zu halten.

Ein gutes Jahrzehnt entspricht zwei Legislaturperioden des Europäischen Parlaments, dem einzigen direkt gewählten Organ der Europäischen Union. Die EU ist der zweitgrößte Wirtschaftsraum der Welt und immer noch der zweitgrößte Verursacher von CO₂-Emissionen. Um den Vorgaben des Klimarats auch nur annähernd gerecht zu werden, müssen sich Europas Staaten gewaltig strecken.

Die Veränderungen der CO2-Emissionen seit 1990 im EU-Vergleich

2016 stieß die EU fast 4.500 Millionen Tonnen CO2 aus, für 2017 schätzt das Statistische Amt der EU einen weiteren Anstieg um 1,8 Prozent. Weniger Emissionen als Deutschland produzieren einige ehemalige Ostblockstaaten – dank der Neustrukturierung ihrer Industrie.

Quelle: Umweltbundesamt (Zahlen für 2016) © ZEIT-Grafik

Die EU wiederum, die in den vergangenen Jahren mit Investitionsprogrammen und Vorgaben zur Energieeffizienz, erneuerbaren Quellen und zur Abgasreduzierung wichtige Pflöcke eingeschlagen hat, müsste ihre Mitgliedsländer viel stärker mobilisieren und regulieren. Und das EU-Parlament, bislang die fortschrittlichste Institution bei der Klimapolitik, müsste den gesamten europäischen Apparat mit Resolutionen, Haushaltsbeschlüssen und Gesetzen viel stärker antreiben. Denn die nächsten Jahre sind entscheidend, will Europa noch irgendwie sein selbst gestecktes Ziel erreichen: bis 2030 die Emissionen um 40 Prozent im Vergleich zu 1990 verringern, bis 2050 "Klimaneutralität" erreichen, also nicht mehr Treibhausgase produzieren, als durch künstliche und natürliche Speicher wie zum Beispiel Wälder gebunden werden können. Voraussetzung wäre eine rasante Beschleunigung auf dem Weg zu einer Wirtschaft ohne fossile Brennstoffe.