Dass man sie für radikal hält, befremdet Florentina Holzinger. Sie findet das "kurios". Dabei kann man, objektiv betrachtet, schon irgendwie verstehen, dass manche Leute ihre Arbeiten extrem nennen. In ihrem Projekt Kein Applaus für Scheiße aus dem Jahr 2011, das sie gemeinsam mit ihrem langjährigen Bühnenpartner Vincent Riebeek erarbeitete, spielen Körperflüssigkeiten eine wichtige Rolle. Die Mischung aus Trash, Pop, Tanz und Akrobatik mit deutlichen Anleihen bei der Performance-Kunst der Sechziger- und Siebzigerjahre erregte hohes Aufsehen.

Seither gilt Holzinger als Extremkünstlerin – und als große Nachwuchshoffnung in der Tanzszene. Mittlerweile arbeitet die 1986 in Wien geborene und an der Amsterdamer School for New Dance Development (SNDO) ausgebildete Choreografin allein. "Die Zeit mit Vincent ist untrennbar verbunden mit der Arbeit, die ich jetzt mache. Aber in gewissen Dingen wollte ich mich klarer ausdrücken, keine Kompromisse mehr eingehen." Was das bedeutet, zeigt sich sehr schön in ihrer 2018 für den österreichischen Nestroy-Preis nominierten Arbeit Apollon, die sie endgültig zur "Galionsfigur der Tanzszene" (Der Standard) machte. "Eine kalkulierte Grenzüberschreitung, die in jeder Hinsicht wehtut, die aber auch zeigt, was Performancekunst leisten kann.

Wer Apollon einmal gesehen hat, vergisst diese Bilder (und die dadurch ausgelösten Emotionen) nie wieder. Das ist große Kunst", hieß es in der Jury-Begründung. Das Wiener Tanzquartier warnte auf seiner Homepage davor, dass in der Neu-Interpretation von George Balanchines neoklassischem Ballett Apollon musagète "selbstverletzende Handlungen" zu sehen seien, die "auf manche Zuschauer_innen eine verstörende Wirkung haben könnten". Kampnagel in Hamburg informierte: "Wer kein Blut sehen kann, sollte hier ausnahmsweise wirklich fernbleiben." So kann man es auch sagen. In der Performance, die das zugrunde liegende Ballett recht angstfrei auseinandernimmt, spielen sechs nackte Frauen (Renée Copraij, Evelyn Frantti, Annina Lara Maria Machaz, Xana Novais, Maria Netti Nüganen und Holzinger selbst) nicht nur sehr befreit mit diversen (Geschlechter-)Rollen, sie zeigen akrobatische Kunststücke, heben Gewichte, treiben sich acht Zentimeter lange Nägel in die Nase oder tackern sich Spielkarten an die Haut. Der titelgebende Gott wird durch einen mechanischen Rodeo-Bullen ersetzt und schließlich – weil eigentlich überflüssig – mit Schweißapparaten zerlegt. Natürlich spielen auch diverse Körperausscheidungen eine Rolle.

"Apollon ist eine Abhandlung darüber, wie meine Arbeit aufgenommen und kommuniziert wurde: als provokativ, radikal, pornografisch. Darauf wollte ich noch mal insistieren", erklärt Holzinger. Das Wort "insistieren" sagt schon viel über sie und ihre Arbeit aus. Sie ist keine, die ein großes Bohei um sich und ihre Kunst macht, aber sie besteht auf dem, was sie tut. Keine, die aufhört, wenn es wehtut – eher die, die weitermacht, um zu sehen, woher der Schmerz kommt und wo er einen hinführt. Sie beharrt in Apollon auf all dem, was ihr so nachgesagt wurde.

In gewisser Weise bestätigt sie es – und versucht klarzustellen, worum es ihr eigentlich geht. Ein Austesten der Möglichkeiten und Grenzen des Körpers, ein Spiel mit den an ihn gerichteten Zuschreibungen. Wichtiges Strukturelement in Apollon ist die sogenannte Sideshow, auch bekannt als Freak-Show. Holzinger holt damit ein Genre auf die große Bühne, das sonst eher belächelt wird. "Marina Abramović tourt gerade mit ihren alten Videoarbeiten, wo sie sich etwa auf der Leinwand peitscht. Ich finde es krass, mit welcher Ignoranz das Kunstpublikum daneben ein Genre behandelt, das genau solche Sachen auf täglicher Basis und mit einem vollkommen anderen Wertesystem praktiziert. Nur dass es sich eben nicht Kunst, sondern Unterhaltung nennt."

Unterhaltung ist auch für Holzinger ein wichtiger Aspekt. Nicht dass das in ihrer Branche so außerordentlich wäre – nur geht selten jemand so offen damit um: "Im Endeffekt will ich nichts anderes, als Leute zu unterhalten – in erster Linie mich selber. Kunst muss einen Unterhaltungswert haben, sonst macht man keine Kohle damit. Das wussten schon die Aktionisten in den Siebzigern." Sie selbst schaut sich viel lieber den Cirque du Soleil oder David Copperfield an als Tanz-Performances oder Theater. "Meine Motivation liegt darin, dass ich gerne Sachen mache, die ich so noch nicht gesehen habe. Das ist es, was ich den Leuten geben kann." Ein weiterer Grund, warum das Element Sideshow in Apollon eine große Rolle spielt: "Ich wollte mit Menschen arbeiten, die sehr spezifisch mit dem Material Körper umgehen, die spezielle Disziplinen ausüben. Es war beabsichtigt, dass Apollon in eine extrem körperliche Richtung geht – aber genau darüber machen wir uns auch lustig." Das wird tatsächlich oft übersehen: Apollon ist ein sehr, sehr lustiger Abend.