Ein Buch wie ein Sprengsatz

Sibylle Berg hat einen neuen Roman geschrieben. Na ja, was sich so Roman nennt – würde es bei ihr heißen. Dieses "Na ja, was sich so ... nennt" zieht sich als eine der zahmeren Sprachformeln durch die 640 Seiten. Sibylle Berg kann auch härter. Sie kann extrem hart. Um die Wahrheit zu sagen: Mehr Härte als in diesem Roman mit dem sperrigen Titel GRM – Brainfuck ist schwer vorstellbar. Gegen seine Lektüre nahm sich die des jüngsten Werkes von Michel Houellebecq – auch kein Schriftsteller, der im Ruf steht, die Welt in verschönernden Tönen zu zeichnen – als Spaziergang über den sprichwörtlichen Ponyhof aus. Schon der Begriff Kulturpessimismus wirkt etwas zu nett für diese unnachgiebige Litanei, die sich poetologisch am ehesten in der Tradition der apokalyptischen Rede verorten ließe.

Was sich so große Literatur nennt: Sibylle Berg, 2015 bei der Leipziger Buchmesse © Sebastian Willnow/Getty Images

Wenn überhaupt. Denn Frau Berg, wie sie sich nennt, ist nun mal eine Liga für sich. Ein Gesamtkunstwerk aus Frisurtürmen, von ihrer Fangemeinde kultisch verehrten und ätzenden Kolumnen, 25 Theaterstücken, vierzehn in 35 Sprachen übersetzten Romanen. Lesungen mit Wassergläsern auf und artigen Literaturmoderatoren hinter dem Tisch gibt es bei ihr nicht. Sie tourt aktuell mit einer multimedialen Bühnenshow und einer englischen Band, deren mutmaßlich aus dem Punk hervorgegangene Musikrichtung sich Grime nennt, "Schmutz" also (daher die Slang-Abkürzung "GRM"), über die sich seitens unbedarfter Literaturkritik nur sagen lässt, sie klänge sehr laut und hämmernd.

Dass diese Sibylle Berg 1962 ausgerechnet in Weimar geboren wurde, der klassischen deutschen Dichterstadt schlechthin, ist eine Pointe, die von ihr stammen könnte. Dass sie sich nach ihrem Weggang aus der DDR, Mitte der Achtzigerjahre, und einigen beruflichen Umwegen in der komfortablen Schweiz niederließ, um von dort als grimmiges Orakel des Spätkapitalismus zu wirken, passt ins Bild einer Künstlerin, die sich gegen dessen Berechenbarkeit sträubt. Bei aller Tendenz zum Divenhaften entgeht ihr kein Schrecken. Kein besoffener Familienvater, "na ja, was sich so Vater nennt", der seine Notdurft im Eimer neben dem rattenbenagten Bett einer Sozialbauwohnung verrichtet. Kein Schritt der künstlichen Intelligenz auf dem Vormarsch zur Machtübernahme. Auf ebendiese läuft der im englischen Rochdale und in London angesiedelte, zeitlich etwa eine Dekade über das Jahr 2019 hinausreichende Roman zu: auf die Fantasie eines elektronischen Überwachungstotalitarismus nach chinesischem Vorbild hinter der Camouflage eines Sozialstaats mitteleuropäischen Zuschnitts.

Diese Fantasie fällt nicht ins Genre dystopischer Science-Fiction-Bücher, von denen es derzeit einige gibt. Sie ist das Ergebnis einer durchaus realistischen, wenn auch höchst düsteren Verlängerung der Gegenwart in die unmittelbare Zukunft, welche bei Sibylle Berg folgendermaßen aussieht: der Brexit vollzogen. Die englische Wirtschaft in der Hand chinesischer Firmen. Polizei und Militär privatisiert. Über den Städten ein Gewimmel von Drohnen. Der Premierminister eine Art grinsender Avatar. Die von einer IT-Mafia gelenkte Regierung beschließt ein garantiertes Mindesteinkommen für alle Bürger, in dessen Genuss jedoch nur kommt, wer sich einen Chip mit seinen sämtlichen persönlich-medizinischen Daten einpflanzen lässt.

Science-Fiction? Wenn man bedenkt, dass 2018 in der Schweiz ein Gesetz zur detektivischen Überwachung von Sozialversicherten beschlossen wurde (gegen das Sibylle Berg ein Aktionsbündnis auf die Beine stellte), sind die Verhältnisse, die GRM entwirft, zwar eine ins Radikale gedachte Romanidee. Aber aus der Luft gegriffen sind sie nicht. Irgendwann gegen Ende der Geschichte wird klar, dass hinter allem eine Riesenmaschine steht, die auch die IT-Mafia und sogar die Chinesen steuert. Bis dahin aber teilt Sibylle Berg nach allen Seiten aus, in einem stakkatohaften, den Satzbau aufbrechenden Stil: "Die Leute auf der Straße. Auf der Karen steht. Auf der sie jetzt nach Hause gehen wird. Nun ja, gehen. Oder schwimmen. Sie hat im Labor LSD genommen. Ein Teufelszeug, so angenehm retro-sinnlos. Heute nimmt der Bürger die Pille. Für gute Laune. Sie wird tonnenweise angeboten, zu einem Preis, der die Sprache der Subventionierung spricht."

Was sich an Perversem, Gemeinem und Katastrophalem denken lässt, kommt vor: Attentäter, die mit Macheten zufällige Passanten zerlegen, ein Elitesöhnchen, das die blutjunge Stiefmutter erwürgt, ihr den Embryo aus dem Leib reißt und diesen im Säurebad entsorgt, eine Bande pakistanischstämmiger Männer, die junge Mädchen als Sexsklavinnen halten, ein Hochhausbrand in London, dem Dutzende von Menschen zum Opfer fallen.

Sibylle Berg kann sogar extrem empathisch

Fiktion? Die Vergewaltigergang trieb jahrelang in Rochdale ihr Unwesen, bis die englische Polizei sich erbarmte und den Opfern Gehör schenkte. Der Brand des Grenfell Tower ereignete sich am 14. Juni 2017. Beides Realität. Brainfuck wiederum klingt zwar wie eine kapriziöse Gattungsbezeichnung, ist aber der Name einer Programmiersprache, die der reale Schweizer Informatiker Urban Müller 1993 erfand. Und es gibt die "sieben Schwestern" genannten, aus dem Stadtbild von Rochdale ragenden tower blocks. Dort hausen die Protagonisten des Romans, bis sie, von Eltern und jedweder Sozialfürsorge verlassen, im Obdachlosenheim von Rochdale stranden, schließlich nach London ziehen und den Partisanenkampf gegen das totalitäre Chip-Regime aufnehmen. Der Sound von Grime ist ihr Elixier.

Es sind vier Kinder, die im Lauf der vor- und zurückzoomenden Erzählung heranwachsen. Vier aus der untersten Unterschicht. Sie heißen Don, Karen, Hannah und Peter, eines so geschädigt wie das andere. Sie leiden an ADHS oder Autismus und alle zusammen an der Gewalt, die ihnen zugefügt wurde. Sie haben ein gemeinsames Ziel: nie mehr verletzt zu werden.

In regelmäßigen Abständen erhebt sich die Klage über eine bestimmte soziologische Verengung unserer Gegenwartsliteratur. Von Angehörigen der akademischen Mittelschicht verfasst, verarbeite sie deren Problemchen und Lebensstilnöte. Sie wisse alles über die feinen Milieuunterschiede im Sinn Pierre Bourdieus. Nichts aber über die großen im Sinn von Marx & Co, nichts von der Schicht der Unterprivilegierten und Ausgegrenzten. Das trifft auf Sibylle Berg nicht zu. Diese extravagante Schriftstellerin ist nicht nur, was Frisur, Performance und Sprachstil betrifft, eine Liga für sich, sie ist es auch hinsichtlich ihres literarischen Erkenntnisinteresses und ihrer Sujets. Weit und breit ist derzeit kein deutschsprachiger Roman zu sehen, der mit solchem Zorn das macht, was einmal hieß: die Klassenfrage stellen. Das depravierte Personal, dem GRM in den Wohnlöchern von Rochdale begegnet, findet ansonsten nur an einem Ort Beachtung als Abbildungsgegenstand: in den übelsten Reality-Shows übelster Privatsender, wo es zum vulgären, adipösen, geistig minderbemittelten Menschenzoo verkommt.

Ob man die Monstrosität von Sibylle Bergs neuem Roman als abstoßend oder als überwältigend empfindet (beides ist denkbar), allein die Entschiedenheit, mit der er seinen vier Unterschichtmenschlein das Instrumentarium literarischer Distinktion zukommen lässt – fern aller Sozialromantik –, ist eine kolossale Leistung. Sucht man in der jüngeren Literaturgeschichte nach einem Werk von vergleichbarer Wucht und einem vergleichbar penetranten Duktus, das auf dem Schreibtisch liegt, als hätte man sich einen Sprengsatz ins Haus geholt, wäre es vielleicht Elfriede Jelineks Lust von 1989. Schwestern im Geiste sind beide Schriftstellerinnen im Übrigen auch in ihrer Neigung zur Kunstfigur.

Der Vergleich mit Jelinek verdeutlicht aber zugleich Sibylle Bergs wichtigste Besonderheit: die Wärme in der Härte. Sie kann empathisch. Sie kann sogar extrem empathisch. Durch ihre apokalyptische Rede dringt immer noch ein anderer, urchristlicher Ton. Es ist der Ton der Fürbitte. Müsste man GRM in zwei Sätzen zusammenfassen, wären diese ein gebrülltes "Fuck it!" und ein leiseres "Erbarme dich ihrer, denn es sind Kinder!". Hinzuzufügen wäre noch ein politisches Statement: Kümmert euch verdammt noch mal um dieses Europa, in naher Zukunft könnte es da nämlich flächendeckend aussehen wie im Roman.

Seine Wirkung ist fast ein bisschen schizoid. Beim Lesen wünscht man sich immer mal wieder weg von seiner Brutalität. Legt man ihn zwei Tage zur Seite, wünscht man sich zurück in seine Zärtlichkeit. Na ja, was sich so große Literatur nennt.