Fiktion? Die Vergewaltigergang trieb jahrelang in Rochdale ihr Unwesen, bis die englische Polizei sich erbarmte und den Opfern Gehör schenkte. Der Brand des Grenfell Tower ereignete sich am 14. Juni 2017. Beides Realität. Brainfuck wiederum klingt zwar wie eine kapriziöse Gattungsbezeichnung, ist aber der Name einer Programmiersprache, die der reale Schweizer Informatiker Urban Müller 1993 erfand. Und es gibt die "sieben Schwestern" genannten, aus dem Stadtbild von Rochdale ragenden tower blocks. Dort hausen die Protagonisten des Romans, bis sie, von Eltern und jedweder Sozialfürsorge verlassen, im Obdachlosenheim von Rochdale stranden, schließlich nach London ziehen und den Partisanenkampf gegen das totalitäre Chip-Regime aufnehmen. Der Sound von Grime ist ihr Elixier.

Es sind vier Kinder, die im Lauf der vor- und zurückzoomenden Erzählung heranwachsen. Vier aus der untersten Unterschicht. Sie heißen Don, Karen, Hannah und Peter, eines so geschädigt wie das andere. Sie leiden an ADHS oder Autismus und alle zusammen an der Gewalt, die ihnen zugefügt wurde. Sie haben ein gemeinsames Ziel: nie mehr verletzt zu werden.

In regelmäßigen Abständen erhebt sich die Klage über eine bestimmte soziologische Verengung unserer Gegenwartsliteratur. Von Angehörigen der akademischen Mittelschicht verfasst, verarbeite sie deren Problemchen und Lebensstilnöte. Sie wisse alles über die feinen Milieuunterschiede im Sinn Pierre Bourdieus. Nichts aber über die großen im Sinn von Marx & Co, nichts von der Schicht der Unterprivilegierten und Ausgegrenzten. Das trifft auf Sibylle Berg nicht zu. Diese extravagante Schriftstellerin ist nicht nur, was Frisur, Performance und Sprachstil betrifft, eine Liga für sich, sie ist es auch hinsichtlich ihres literarischen Erkenntnisinteresses und ihrer Sujets. Weit und breit ist derzeit kein deutschsprachiger Roman zu sehen, der mit solchem Zorn das macht, was einmal hieß: die Klassenfrage stellen. Das depravierte Personal, dem GRM in den Wohnlöchern von Rochdale begegnet, findet ansonsten nur an einem Ort Beachtung als Abbildungsgegenstand: in den übelsten Reality-Shows übelster Privatsender, wo es zum vulgären, adipösen, geistig minderbemittelten Menschenzoo verkommt.

Ob man die Monstrosität von Sibylle Bergs neuem Roman als abstoßend oder als überwältigend empfindet (beides ist denkbar), allein die Entschiedenheit, mit der er seinen vier Unterschichtmenschlein das Instrumentarium literarischer Distinktion zukommen lässt – fern aller Sozialromantik –, ist eine kolossale Leistung. Sucht man in der jüngeren Literaturgeschichte nach einem Werk von vergleichbarer Wucht und einem vergleichbar penetranten Duktus, das auf dem Schreibtisch liegt, als hätte man sich einen Sprengsatz ins Haus geholt, wäre es vielleicht Elfriede Jelineks Lust von 1989. Schwestern im Geiste sind beide Schriftstellerinnen im Übrigen auch in ihrer Neigung zur Kunstfigur.

Der Vergleich mit Jelinek verdeutlicht aber zugleich Sibylle Bergs wichtigste Besonderheit: die Wärme in der Härte. Sie kann empathisch. Sie kann sogar extrem empathisch. Durch ihre apokalyptische Rede dringt immer noch ein anderer, urchristlicher Ton. Es ist der Ton der Fürbitte. Müsste man GRM in zwei Sätzen zusammenfassen, wären diese ein gebrülltes "Fuck it!" und ein leiseres "Erbarme dich ihrer, denn es sind Kinder!". Hinzuzufügen wäre noch ein politisches Statement: Kümmert euch verdammt noch mal um dieses Europa, in naher Zukunft könnte es da nämlich flächendeckend aussehen wie im Roman.

Seine Wirkung ist fast ein bisschen schizoid. Beim Lesen wünscht man sich immer mal wieder weg von seiner Brutalität. Legt man ihn zwei Tage zur Seite, wünscht man sich zurück in seine Zärtlichkeit. Na ja, was sich so große Literatur nennt.