Kann Pop unter hiesigen Bedingungen noch eine Gesellschaftskritik formulieren, die nicht bloß selbstgerecht den Finger in offene Türen legt? Jedenfalls fand am vergangenen Wochenende mal wieder das Musikfestival Coachella statt. Dort in Kalifornien treffen sich, so grämt sich mancher Kulturkritiker, alljährlich moralisch hervorragend beleumundete Instagram-Millennials, die zu ihrer Eintrittskarte (günstigste Variante: 429 Dollar) ein gutes Gewissen ausgehändigt bekommen; als "Öko-Kompanien" dürfen die Besucher etwa bei der Müllentsorgung helfen, weil das gut ist für die Umwelt beziehungsweise eben den Organisatoren die Kosten für einen professionellen Reinigungsdienst erspart. Neben ethisch einwandfreiem Konsum (Peta-Gütesiegel: "Das beste vegane Festivalessen") stehen Auftritte von Megastars auf dem Programm. Dieses Jahr besonders gefeiert: Donald Glover.

Er ist als Schauspieler der klugen Serie Atlanta Emmy- und Golden-Globe-prämiert, als Musiker Childish Gambino gefeiert für bissige Songs wie This Is America, die den Amerikanischen Traum denunzieren als Geschichte der Gewalt gegen Arme und Schwarze. Doch würde er mit seiner Kritik auf dem durchgestylten Coachella mehr ernten als Gesinnungsapplaus? Die Antwort versteckte Glover in seinem Film Guava Island (Starbesetzung: er selbst natürlich und US-Sängerin Rihanna), den er den Festivalbesuchern vor seinem Auftritt als Weltpremiere zeigte und der nun zu sehen ist beim Streamingdienst von Amazon.

Als Hallodri Deni stolpert Glover in 55 Minuten über die fiktive Karibikinsel Guava, die, einst ein Paradies, unter dem Joch einer diktatorischen Familie steht. Deni tanzt und singt sich durch den Film (in toller körniger 16-mm-Filmprojektor-Optik); er organisiert ein Festival – und das ist tatsächlich auch schon der ganze Plot –, auf dessen Bühne er, wie er es später als Glover auch bei seinem Coachella-Auftritt ironisch tat, an das Publikum appelliert, "den Moment zu genießen". Doch anders als beim Coachella, wo sich das Feiern als Regeneration für die Arbeit versteht, hat Deni einen Hintergedanken: Wenn die Leute feiern, können sie zeitgleich nicht in die Fabrik. Der moralische Appell verschwindet hinter dem Blick auf die soziale Frage, und war es nicht das, was seit Jahren von links wie rechts anstatt moralischer Repräsentationspolitik gefordert wurde?

Auf dem Coachella gab es euphorischen Applaus für diesen spielerischen Aufruf zum Streik, und wer weiß, vielleicht ist am Montag ja der eine oder andere Besucher wenigstens ein paar Minuten zu spät in der Agentur erschienen.