Frage: Sie behaupten in Ihrem neuen Werk Kein Tod auf Golgatha, Jesus sei gar nicht am Kreuz gestorben. Wollen Sie uns Ostern vermiesen?

Johannes Fried: Ich möchte niemandem den Glauben verderben. Aber als Historiker gehe ich Phänomenen, die mir evident erscheinen, nun mal auf den Grund.

Frage: Ohne Kreuzestod keine Auferstehung, ohne Auferstehung keine Erlösung. Sie sind nicht der Erste, der diesen Dreischritt zu widerlegen versucht. Ist das Buch nicht eine gezielte Provokation gegen gläubige Menschen?

Fried: Ich will mit diesem Buch wirklich niemandem zu nahe treten. Aber andererseits bin ich Wissenschaftler, der seine Forschung betreibt nach bestem Wissen und Gewissen.

Frage: Was regte Sie dazu an, Jesus überleben zu lassen?

Fried: Ich stieß über einen Biologen auf einen medizinischen Artikel, der wissenschaftlich darlegte, dass der gekreuzigte Jesus in eine CO₂-Narkose gefallen sein muss, die von einer Verletzung des Rippenfells herrührte. Der Lanzenstich des römischen Soldaten in die rechte Seite hat dazu geführt, dass Jesus überlebte.

Frage: Der Spieß eines Soldaten soll Ursache dafür sein, dass das Christentum nun wie ein Soufflé in sich zusammenfällt?

Fried: Im Johannesevangelium wird diese medizinische Notoperation exakt beschrieben. Ein sogenannter Pleuraerguss drückt, wenn er lang genug wirkt, in den sogenannten Pleuraspalt, wo sich normalerweise beim Atmen die Lunge auffaltet. Wenn in diesen Spalt Flüssigkeit eindringt und den Lungenflügel zusammendrückt, wird der Mensch ohnmächtig. Dauert es länger, erstickt er. Das einzige Heilmittel ist, diese Flüssigkeit abzulassen. Wenn der Spalt wieder geschlossen wird, kann sich die Lunge wieder entfalten. Meine Überlegung war: Wenn das Johannesevangelium zuverlässig ist, dann ist auch die Information über den Lanzenstich zuverlässig.

Frage: Sie wissen doch selbst, dass es problematisch ist, kompilierte Glaubenstexte, in denen mehrere Quellen zusammenfließen, mit naturwissenschaftlichen Methoden zu evaluieren.

Fried: Aber was ich doch sagen kann: Jesus hat in jener Zeit gelebt. Damit ist er eine historische Person und kann von meiner Methodik erfasst werden. Wenn ich als Quellen nur die Evangelien habe, muss ich prüfen, was ich von diesen Glaubenszeugnissen an historischen Sachverhalten herausdestillieren kann. Dazu nutze ich alle Informationen, die mir zur Verfügung stehen, auch die Medizin.

Frage: Das Johannesevangelium, auf das Sie Ihre ganze Argumentation stützen, gilt als besonders eigenständig. Was hat dieses Evangelium, was andere nicht haben?

Fried: Der Karfreitag wird dort ziemlich genau datiert. Die Kreuzigung findet am Vortag eines hohen jüdischen Festes, nämlich Pessach, statt. Bevor der Feiertag beginnt, müssen die Toten vom Kreuz abgenommen werden.

Frage: Wurde Christus deshalb schon nach sechs Stunden abgehängt, was für einen Kreuzigungstod ungewöhnlich kurz ist?

Fried: Man hielt ihn für tot. Deswegen hat man ihm die Beine auch nicht mehr gebrochen, das war nicht mehr nötig. Hätte man es getan, wäre er verblutet, weil sich durch die Schläge die Hauptschlagader geöffnet hätte. Sowohl der Soldat als auch der Zeuge, der sogenannte "Jünger, den Jesus liebte", dort bezeugen, dass Wasser und Blut aus der Wunde flossen. Eine doppelt abgesicherte Quelle.

Frage: Ihre Argumentation gründet sich auf eine Plausibilitätenkette, die sich durch sich selbst beglaubigt. Weil es logisch klingt, muss es so gewesen sein.

Fried: Bei Matthäus öffnen sich nach dem Tod Christi sogar die Gräber und die Toten steigen auf. Auch die anderen kanonisierten Evangelien sind gespickt von Legenden. Bei Johannes steht nur: "Er schrie auf und starb." Was ist nun realistischer? Die Beobachtung zum Pleuraerguss ist zwingend!

Frage: Und dann wachte also Jesus wieder aus der Narkose auf?

Fried: Vielleicht schon bei der Kreuzabnahme, spätestens aber bei der Grablegung müssen die beiden gemerkt haben, dass er atmet und wieder zu sich kommt. Dann setzt die Überlegung ein, was machen wir jetzt?