DIE ZEIT: Frau Barley, wir möchten mit Ihnen über Familien sprechen, über ihre Bedürfnisse, Wünsche, Rechte. Aber zuerst: Was ist das eigentlich heute – Familie?

Katarina Barley: Für mich privat ist Familie da, wo ich zu Hause bin, wo ich mich fallen lassen kann, wo ich liebe und geliebt werde. Wenn ich als Politikerin und Juristin auf Familie schaue, ist das ein Ort, wo man dauerhaft Verantwortung füreinander übernimmt – auch mit klaren rechtlichen Folgen.

ZEIT: Rund 70 Prozent der Familien in Deutschland leben das klassische Modell von Vater, Mutter, Kind. Gerade wird anderen Konstellationen aber viel Aufmerksamkeit geschenkt. Gerät die traditionelle Familie aus dem Blick der Politik?

Barley: Nein. Wir haben bei den bunten Familien aktuell mehr Diskussionsbedarf, weil sie rechtlich nicht überall berücksichtigt sind. Das müssen wir ändern. Bunte und klassische Familien haben sehr ähnliche Bedürfnisse und Sorgen.

Feministin und Juristin: Katarina Barley © Antje Berghäuser/laif

ZEIT: Die neue CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer lehnt die Ehe für alle ab. In der Union gibt es generell viel Unmut über das Adoptionsrecht für Homosexuelle. Jahrelang haben sich die Familienbilder von Union und SPD angenähert. Driften sie jetzt wieder auseinander?

Barley: Ich betrachte mit großer Besorgnis, was da gerade in der CDU/CSU passiert. Wir sprechen doch über Realitäten. Diese Familien sind ja da! Was kann man dagegen haben, dass Menschen aus Liebe Verantwortung füreinander übernehmen und bereit sind, Kinder zu erziehen? Wo mittlerweile jeder weiß, dass es Kindern nicht schadet, wenn sie in einer homosexuellen Beziehung aufwachsen. Dazu gibt es unzählige Studien. Gesellschaftspolitisch war es immer schwierig mit CDU und CSU. Aber es könnte mit Frau Kramp-Karrenbauer an der Spitze noch schwieriger werden. Mit ihren Äußerungen weckt sie alte, antiliberale Reflexe in ihrer Partei.

ZEIT: Wir haben es heute mit vielfältigen Elternschaften zu tun. Kinder entstehen durch Samen- und Eizellspenden, Erwachsene übernehmen die Rolle von Mutter oder Vater, auch wenn sie biologisch nicht mit dem Kind verwandt sind. Wie wollen Sie rechtlich auf dieses elternschaftliche Neuland reagieren?

Barley: Wir sind dabei, das Abstammungsrecht zu modernisieren. Dabei geht es nicht nur um Regenbogenfamilien, sondern um ganz verschiedene Konstellationen. Zum Beispiel gibt es Fälle, in denen sich ein Paar trennt und die Frau mit einem neuen Partner ein Kind bekommt, obwohl sie noch verheiratet ist. Im deutschen Recht ist ein Kind, das in eine Ehe hineingeboren wird, das Kind des Ehemannes. Bisher zog das also einen aufwendigen gerichtlichen Prozess um die Vaterschaftsanerkennung nach sich. Nun wird es so sein: Wenn alle drei Beteiligten sich einig sind, reicht es, dass sie das rechtsverbindlich erklären.

ZEIT: Ein Kind soll in Zukunft auch zwei Mütter haben dürfen...

Barley: Ja, wir nennen das Mitmutterschaft. Wenn ein Kind in eine lesbische Ehe hineingeboren wird, sind die beiden Frauen die rechtlichen Eltern. Also hat ein Kind dann zwei Mütter.

ZEIT: Könnte es rechtlich auch zwei Väter haben?

Barley: Wenn ein schwules Paar ein Kind möchte, müsste es die Adoption anstreben. Sonst würden wir in den Bereich der Leihmutterschaft kommen, und die ist in Deutschland verboten.

ZEIT: Ist es noch zeitgemäß, dass lesbische Paare eine künstliche Befruchtung nicht bezahlt bekommen, wenn sie aus medizinischen Gründen keine Kinder bekommen können?

Barley: Nein.

ZEIT: Ändern Sie das auch?

Barley: Dafür ist Herr Spahn zuständig, außerdem machen wir jetzt mal eins nach dem anderen.

ZEIT: Gerade haben Sie ein neues Auskunftsrecht für Kinder, die durch eine Samen- oder Embryonenspende entstanden sind, geschaffen. Was hat es damit auf sich?

Barley: Wer wissen will, wer sein biologischer Vater ist, muss nun nicht mehr die rechtliche Vaterschaft anfechten. Das Kind kann sagen: Ich bin zufrieden mit der Konstellation, in der ich lebe, will aber wissen, woher ich stamme.

ZEIT: Wird ein Kind bald mehr als zwei Elternteile haben können?

Barley: Nein, da sind wir ganz klar. Stellen Sie sich vor, zwei Paare übernehmen gleichberechtigt die Elternschaft für ein Kind – das wären dann schon vier Eltern. Was, wenn sich die Paare trennen und neue Partner finden? Dann haben wir schon acht Leute, die Verantwortung für ein Kind tragen.

ZEIT: Wieso soll es ein Nachteil sein, mehrere Eltern zu haben? Die FDP sieht da kein Problem.

Barley: Wir urteilen hier nicht über die soziale Elternschaft. Wir sagen nur, wenn ein Kind rechtliche Verbindungen zu vier Erwachsenen hat, dann bringt das gravierende Probleme mit sich. Wenn das Kind später für die Pflege seiner Eltern einstehen muss, kann es passieren, dass es mit den Ansprüchen von vier Personen zu tun hat. So etwas wollen wir vermeiden. Aber unabhängig von diesem rechtlichen Rahmen können Familien machen, was sie wollen.