Die Ostsee, diese Pfütze von Meer, macht uns einen Strich durch die Rechnung. Der Wind kommt aus Nordost, mit Stärke vier bis fünf, dazu immer wieder Graupelschauer. Schaumkronen auf den Wellen, Aprilwetter. Keine Chance, das größte Raubtier Deutschlands zu beobachten. "Wir könnten schon rausfahren, aber man sieht halt nichts", sagt Florian Hoffmann vom Ostsee-Büro der Naturschutzorganisation World Wide Fund For Nature (WWF). Wir bleiben im Hafen.

Bei Windstille wären wir zum Großen Stubber gefahren, einer Untiefe in der Mitte des Greifswalder Boddens, acht Seemeilen vor der Küste. Einst war das eine winzige Insel, 500 Meter lang, geschützt von einem Gürtel aus großen Steinen. In den Fünfzigerjahren gab die Stadt Greifswald die Erlaubnis, die Steine als Baumaterial zu verwenden. Wenige Jahre später war die Insel verschwunden, nur ein paar Brocken blieben im Wasser. Eine schwimmende Tonne warnt heute Schiffsführer vor der Untiefe.

"Bei gutem Wetter liegen sie da wie dicke, braune Bananen", sagt Hoffmann. Mit "sie" meint er: Kegelrobben, aus der Familie der Hundsrobben, wissenschaftlicher Name Halichoerus grypus. An der deutschen Küste gab es sie immer in der Nordsee, die Tiere in der Ostsee sind von dieser Population jedoch getrennt.

Einst waren es dort mehr als 100.000 von ihnen. Zu viele für die Fischerei. Schon Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Jagd eröffnet. Robbenfell war begehrt, besonders der weiße, flauschige Pelz der Jungtiere, und auch ihr Fleisch. In Schweden gibt es bis heute Kochbücher mit Robbenrezepten. Vor allem aber wollten die Fischer die Tiere schießen, weil sie in ihnen unliebsame Konkurrenten sahen. Rund fünf Kilogramm Fisch frisst eine Kegelrobbe am Tag. Immer wieder klagten Fischer, dass ihnen die Robben ihren Fang direkt aus den Netzen fraßen.

Zur Jagd kamen in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts Gifte hinzu, der Bestand der Tiere sank massiv. Das Pflanzenschutzmittel DDT und der Weichmacher PCB gelangten über Bäche und Flüsse in die Ostsee. Algen nahmen die Gifte auf, wurden von Zooplankton verdaut, das Fischen als Nahrung dient. Die wiederum wurden von den Robben gefressen, in denen sich das Gift ansammelte. Viele Weibchen entwickelten Tumore in der Gebärmutter und wurden unfruchtbar. In den Achtzigerjahren war die Robbenpopulation in der Ostsee extrem geschrumpft, es lebten gerade noch 3.000 bis 4.000 Tiere.

Inzwischen aber hat sich der Bestand erholt, mehr als 30.000 Tiere gibt es wieder. Die Geschichte der Kegelrobben ist eine Erfolgsstory des europäischen Artenschutzes. Sie lehrt, wie man beinahe ausgerotteten Tieren zur Rückkehr in ihre angestammten Lebensräume verhelfen kann – und wie davon ein ganzes Ökosystem profitiert. Sie zeigt auch, wie sich die Konflikte zwischen Mensch und Tier entschärfen lassen. Denn mit der Rückkehr der Kegelrobbe flammt auch die Konkurrenz zu den Küstenfischern wieder auf, die ohnehin schon stark unter Druck stehen.

Deshalb bereiten Naturschutzverbände wie der WWF mit Behörden und Fischereiverbänden gerade einen Managementplan vor. Er soll Kompensationszahlungen für Verluste an Fang und Netz regeln, das Monitoring sicherstellen und die Entwicklung von Fischereigeräten vorantreiben, die tödlichen Beifang von Robben vermeiden und zugleich den Fang vor ihnen schützen.

Eine der wichtigsten Entscheidungen zum Schutz der Robben wurde schon Anfang der Neunzigerjahre getroffen: Damals einigten sich die Anrainerstaaten der Ostsee darauf, DDT und PCB zu verbieten. Zudem stellte die EU die Kegelrobben unter Naturschutz. Seitdem erholt sich die Population Jahr für Jahr.